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Mecklenburg-Vorpommern, Boizenburg: Ein leer stehendes und teilweise verfallenes Bauernhaus steht im Elbetal in der Nähe von Boizenburg. Quelle: Jens Büttner/zb/dpa

AfD-Erfolge: Wie Abwanderung aus den Regionen den Rechtspopulisten hilft

Berlin. In Regionen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten stark von Abwanderung betroffen waren, verzeichnet die AfD heute besonders hohe Wahlergebnisse. Diesen Zusammenhang weist eine Studie des Mercator Forums Migration und Demokratie (Midem) nach, die am Dienstag in Dresden veröffentlicht wird und die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland exklusiv vorliegt.

Der Studie zufolge besteht der Zusammenhang zwischen Abwanderung und AfD-Wahlerfolgen auch unabhängig von anderen Gegebenheiten vor Ort wie Bevölkerungsdichte, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf oder Arbeitslosenquote. Die Wissenschaftler um Midem-Direktor Hans Vorländer haben für die Studie Wanderungsbewegungen der vergangenen drei Jahrzehnte auf Ebene von Kreisen und kreisfreien Städten ausgewertet und mit dem Ergebnis der Europawahl 2019 verglichen.

Im Osten Deutschlands lässt sich der Zusammenhang zwischen Abwanderung und Wahlerfolgen der AfD besonders häufig nachweisen, weil von dort in den vergangenen 30 Jahren besonders viele Menschen abgewandert sind. Im Westen ist der Zusammenhang dafür noch deutlicher ausgeprägt. Vor allem mit Blick auf Ostdeutschland schlägt die Abwanderung der jüngeren Zeit ins Kontor. „Dabei zeigt sich, dass nicht etwa die Abwanderung unmittelbar nach der Wiedervereinigung, sondern jene nach der Jahrtausendwende nachhaltig die politisch-kulturelle Landschaft der neuen Bundesländer beeinflusst hat“, schreiben die Autoren.

Die durchschnittlichen Effekte in Zahlen: Pro Prozentpunkt, den ein Kreis zwischen 2006 und 2010 an negativer Wanderungsrate aufweist, fällt das Wahlergebnis der AfD um 0,5 Prozentpunkte höher aus als in einem Kreis, in dem im gleichen Zeitraum ein Prozent der Bevölkerung weniger abwanderte. Das heißt, ohne die Abwanderung wäre im betreffenden Landkreis das AfD-Ergebnis um 0,5 Prozentpunkte niedriger ausgefallen.

Zur weiteren Verdeutlichung: Als Nettowanderungsrate oder Wanderungsbilanz bezeichnet man den Unterschied zwischen der Zahl der Menschen, die in eine Region ziehen und der Zahl der Abwanderer. „Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Stärke der AfD auch mit den Verlustgefühlen der Zurückgebliebenen zu tun hat, die vor Ort die Folgen einer Ausdünnung der sozialen Infrastruktur spüren. Die damit verbundene Frustration kann sich die AfD zunutze machen“, betont Vorländer.

Bevölkerung in ehemaligen Ostblockstaaten droht weiter zu schrumpfen

Neben dem Blick auf die deutsch-deutsche Binnenwanderung untersucht die Midem-Studie auch die Wanderungsbewegungen in Europa. Auch für den Kontinent insgesamt gilt, dass es eine über Jahrzehnte anhaltende Ost-West-Migration gibt. „Sie setzte mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme ein und gewann mit der EU-Osterweiterung an Dynamik“, heißt es in der Studie.

Auswanderung habe wesentlich zum massiven Bevölkerungsschwund vieler mittel- und osteuropäischer Länder beigetragen. Verstärkt werde diese Entwicklung durch den Rückgang der Geburtenraten sowie durch fehlende Zuwanderung. Bei Fortsetzung dieses Trends werde die Bevölkerungszahl in den ehemaligen Ostblockstaaten auch künftig erheblich schrumpfen, sagen die Wissenschaftler vorher.

„Laut Prognosen müssen Länder wie Bulgarien bis 2050 mit einem Verlust von bis zu 20 Prozent ihrer Bevölkerung rechnen“, betonen die Studienautoren. Besser sehe es für Länder wie Polen und Tschechien aus, die sich seit einigen Jahren steigender Zuwandererzahlen erfreuten.

Als Folge der Finanzkrise gilt die Auswanderung überwiegend junger und formal höher gebildeter Menschen aus Südeuropa in Richtung Norden. Allerdings treibt sie der Studie zufolge nicht nur die Auswirkungen Finanzkrise. Auch grundsätzlich strukturelle Probleme geben Anlass, sein Heimatland zu verlassen. Vor allem junge Menschen stören sich an prekären Beschäftigungsverhältnissen und niedrigen Löhnen.

Von Eva Quadbeck/RND