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Menschen stehen am 10. Dezember in einer Warteschlange vor der mobilen Corona-Teststation auf dem Tübinger Rathausplatz. Diese wurde von der Tübinger Notärztin Lisa Federle initiiert und soll landesweit zum Einsatz kommen. Quelle: Tom Weller/dpa

Glimpflich durch die Corona-Pandemie: Was Tübingen anders macht

Keinerlei Covid-19-Erkrankungen mehr bei Menschen über 75 Jahren, die in Pflegeeinrichtungen oder Altenheimen leben – was Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sichtlich stolz vergangene Woche dem Berliner „Tagesspiegel“ präsentierte, klang in Zeiten düsterer Corona-Zahlen wie ein Märchen. Was ist das besondere am Tübinger Weg – und gibt es ihn überhaupt?

Doch Corona-Fälle in einer Einrichtung

In der vergangenen Woche jedenfalls gab es sehr wohl Corona-Fälle in jener Ü-75-Altersklasse – sieben insgesamt. Eine Datendiskrepanz zwischen städtischen Ordnungsamt und Kreisgesundheitsamt hatte dazu geführt, dass das coronafreie Tübingen der Senioren eben doch wie ein Märchen und nicht wie Realität schien. Dies sei keine bewusste Fehlinformation gewesen, sondern es habe Probleme bei der Datenübermittlung gegeben. „Ich entschuldige mich dafür, an dieser Stelle eine falsche Aussage gemacht zu haben“, sagte Palmer.

Aber der Tübinger Weg scheint sich dennoch auszuzahlen. Nach den jüngsten Zahlen des Landkreises Tübingen gab es (Stand 14.12.) im Vergleich zur Vorwoche 391 neue Erkrankungen bei 228.678 Einwohnern. In der Stadt Tübingen jedoch, die rund 100.000 Bewohner hat, lag die wöchentlich neu ermittelte Zahl der gemeldeten Neuerkrankungen zuletzt (10.12.) bei 107. Allerdings waren darunter eben praktisch keine Heimbewohner.

Woran liegt das? Zunächst einmal setzen Stadt und Bürgermeister stark auf die Eigenverantwortung der Bürger, ganz besonders, wenn sie der allgemeinen Risikogruppe der über 65-Jährigen angehören. Sie alle erhalten kostenfreie FFP-2-Masken von der Stadt. Die Kosten von einer halben Million Euro trägt das Stadtsäckel. „Ich finde, das ist gut angelegtes Geld, wenn es die Uniklinik vor Überlastung schützt und Menschenleben in den Heimen rettet“, sagt Boris Palmer.

Taxifahren zum Buspreis

Ein weiterer individueller Kniff der Tübinger besteht in der Aufforderung an Senioren, statt Bus oder Bahn lieber Taxi zu fahren. Das Taxi wiederum kostet nicht mehr als der Fahrschein für den Bus. Auch einkaufen können ältere Menschen jenseits vom Massenandrang. Jeden Tag zwischen 9 und 11 Uhr ist der Einkauf ihnen vorbehalten.

Zudem gibt es in Pflegeinstitutionen häufige PCR-Tests. Obendrein können sich Bürger im Stadtzentrum gratis testen lassen, die Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören, besuchen wollen. Für die Testaktion kommt Notärztin Dr. Lisa Federle, die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und eigentliche Urheberin des „Tübinger Weges“, an drei Tagen in der Woche mit dem Arztmobil ins Zentrum.

All diese Maßnahmen gemeinsam haben die Stadt bisher vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie kommen lassen. Und obwohl es seit Beginn der zweiten Corona-Welle keinen Todesfall mehr in der Stadt Tübingen gegeben hat, will man den anstehenden Lockdown voll mitgehen. Oberbürgermeister Palmer befürwortet die harte Gangart, macht aber auch Mut, dass das Virus nach dem Lockdown bald beherrschbar werde: „Wenn man die Alten schützt, ist es kein großes Problem.“

Von Daniel Killy/RND