Donnerstag , 18. August 2022
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Eine Gerichtszeichnung stellt eine Szene aus dem Prozess um den islamistischen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ dar. Die Szene zeigt die Anhörung von 14 mutmaßlichen Komplizen des Attentäters. Einer der Hauptbeschuldigten im Prozess ist zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Quelle: Marie Williams/AFP/dpa

Abschluss eines heiklen Verfahrens: „Charlie Hebdo“-Prozess endet mit langen Haftstrafen

Paris. „Ihre Entscheidung wird geprüft, abgewägt, unter die Lupe genommen werden und als Maßstab dienen“, hatte Staatsanwältin Julie Holveck den fünf Mitgliedern des Pariser Spezialschwurgerichts bei ihrem Schlussplädoyer noch für ihre heikle Aufgabe mitgegeben, die diese am Mittwoch zu erfüllen hatten: Ein Urteil im Prozess um die Attentate auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt Hyper Casher im Januar 2015 zu fällen, welche weltweite Bestürzung ausgelöst hatten. Ein Urteil, das der Schwere der Ereignisse, dem Leid der insgesamt 17 getöteten Opfer, Überlebenden und Hinterbliebenen gerecht werden sollte – und zugleich den 14 Angeklagten.

Abgesehen von den drei Abwesenden hatten alle vor Gericht ihre Ahnungslosigkeit beteuert. Ihre Anwälte warnten die Richter davor, „koste es, was es wolle“, Schuldige zu finden, um die Abwesenheit der Haupttäter auszugleichen. Diese starben damals bei Schusswechseln mit der Polizei. Vorgeworfen wurde den Angeklagten, ihnen logistisch und mit der Lieferung von Waffen, Autos und Material geholfen zu haben. Staatsanwältin Holveck sagte, wichtig sei, „die Lebenden für Fehler zu bestrafen, die den Toten das Morden ermöglicht haben“.

Hayat Boumeddiene, die Lebensgefährtin des Attentäters Amedy Coulibaly, war kurz vor den Taten nach Syrien ausgereist, um sich dem selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, und wird noch immer in der dortigen Region vermutet. Sie erhielt wegen der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung und der Finanzierung von Terrorismus eine 30-jährige Haftstrafe mit Sicherheitsverwahrung.

30 Jahre Haft für Hauptangeklagten

Ebenso wie der Franko-Türke Ali Riza Polat, für den die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Haftstrafe gefordert hatte. Dem Gerichtspräsidenten Régis de Jorna zufolge habe der 35-Jährige eine „besonders aktive und übergreifende“ Rolle gespielt und eindeutig von Coulibalys „dschihadistischem Engagement“ gewusst – genauso wie andere Angeklagte, auf die der Attentäter sich gestützt hatte.

Die übrigen Männer, die teils der Komplizenschaft bei terroristischen Attentaten schuldig gesprochen wurden, müssen zwischen vier und 20 Jahre hinter Gitter. Eine lebenslängliche Gefängnisstrafe erhielt Mohamed Belhoucine, der als religiöser Mentor Coulibalys galt und in Abwesenheit verurteilt wurde, während sein Bruder Mehdi einen Freispruch erhielt; von beiden wird vermutet, dass sie in Syrien ums Leben gekommen sind.

So ging ein Mammutprozess zu Ende, der als einer der wenigen in der französischen Justizgeschichte für die Archive gefilmt wurde. Zu dessen Beginn im September hatte „Charlie Hebdo“ erstmals seit mehr als fünf Jahren wieder eine Karikatur des Propheten Mohammed auf dem Titel veröffentlicht.

Drei Wochen später verletzte ein Islamist mit einem Fleischerbeil zwei junge Leute schwer, die zufällig vor dem früheren Gebäude von „Charlie Hebdo“ standen. Ihm war entgangen, dass die Redaktion längst umgezogen war.

Wenig später enthauptete ein weiterer Attentäter den Geschichtslehrer Samuel Paty, der Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. Es folgte ein islamistischer Anschlag auf eine Kirche in Nizza mit drei Toten.

Die neuen Terrorverbrechen belasteten Verhandlungen

Die neuerlichen Terrorverbrechen belasteten die Verhandlungen. Rund 150 Experten und Zeugen traten dabei auf, unter ihnen Hinterbliebene und Überlebende. So berichtete die Karikaturistin Corinne Rey alias Coco, wie die Brüder Saïd und Chérif Kouachi sie mit Waffengewalt zwangen, ihnen Zugang zu den abgesicherten Redaktionsräumen zu verschaffen. „Ich war in diesem Moment bereit zu sterben“, sagte sie.

Innerhalb von wenigen Minuten erschossen die Terroristen zwölf Menschen und verletzten vier schwer. Später bekannte sich die Terrororganisation Al-Kaida zu dem Anschlag, während sich der dritte Attentäter Coulibaly in einem vorab aufgezeichneten Bekennervideo auf den IS berief.

An den beiden Folgetagen nach deren Anschlag erschoss er eine Polizistin in einem Pariser Vorort und tötete vier Menschen im Hyper Casher. Die Witwe des ermordeten Philippe Braham, Valérie Braham, erzählte mit Bitterkeit, wie sie ihren Mann noch ausschimpfte, weil er Produkte auf der Einkaufsliste vergessen hatte. Ihr zuliebe ging er nochmals los – und kam nie zurück.

Von Birgit Holzer/RND