Christian Lindner führt die FDP als Partei- und Fraktionschef. Quelle: imago images/Political-Moments

Christian Lindner: der Trainer, der schon mal erfolgreicher war

Berlin. Über den Jahreswechsel, so spottete SPD-Vize Kevin Kühnert auf Twitter, würden viele Wiederholungen gezeigt, deren Plot alle schon kennen. Und er zählte auf: Kevin allein zu Haus, das Traumschiff – und: „Christian Lindner will die FDP in die Regierung führen.“

Lindners Botschaft vom Regierungswillen der FDP, die er in den Tagen vor dem traditionellen Dreikönigstreffen seiner Partei gesetzt hat, ist keine neue. „Mein Parteivorsitz, um den ich mich im Mai nächsten Jahres wieder bewerben werde, der ist ganz eng geknüpft an das Ziel, die FDP in die Regierung zu führen“, hatte Lindner beim Parteitag im September sogar gesagt. Es klang mutig. Aber auch ein bisschen wie bei jemandem, dem gar nichts anderes übrig bleibt, als forsche Zuversicht zu verbreiten.

Eine Frage der Prozente

Die FDP befindet sich zu Beginn des Wahljahres in einer vertrackten Lage. In den vergangenen Monaten ist die Partei immer wieder bedrohlich nah an die Fünf-Prozent-Hürde gerückt. Lindner verweist auf 7 Prozent für die FDP in einer Allensbach-Umfrage – und darauf, dass es auch Umfragen gebe, in denen die Liberalen bei 8 Prozent liegen. Er nennt das – angesichts der Umstände, die der Partei das Leben zurzeit schwer machten – „eine exzellente Ausgangsbasis“.

Lindner kann zu Recht darauf verweisen, dass es für die FDP in Zeiten der Pandemie schwierig ist zu punkten – eben weil in solchen Zeiten naturgemäß die Exekutive, die Regierung, dominiert. Nur: Dass die Liberalen nicht regieren und die Jamaika-Koalition mit Union und Grünen nach der Bundestagswahl 2017 nicht zustande gekommen ist, wird eben für immer mit ihm als Vorsitzendem verbunden bleiben.

Als Partei- und Fraktionschef ist Lindner die alleinige Hauptperson in der FDP, während andere Parteien die genannten Spitzenjobs unter vier Personen aufgeteilt haben. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Gemurre über Lindner – insbesondere nach seinen Äußerungen zu Fridays for Future und dem Klimaschutz, der eine „Sache für Profis“ sei. Durch sein verspätetes Eingreifen nach der Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich war Lindner für kurze Zeit in existenzielle Bedrängnis geraten.

Klar ist aber auch: Lindner geht als unangefochtener Parteichef ins Wahljahr. Niemand würde sich momentan trauen, ihn herauszufordern. Ein Mitglied der Bundestagsfraktion sagt, es sei mit Lindner ein bisschen wie mit einem Fußball-Bundesliga-Trainer, der zuletzt nicht mehr ganz so erfolgreich war wie in der Vergangenheit. „Wenn man den Trainer nicht wechseln will, darf man auch nicht jede Woche sagen: Das läuft nicht gut mit ihm.“ Das helfe wirklich niemandem.

Gratwanderung in der Corona-Krise

Die FDP muss die Gratwanderung bewältigen, in der Corona-Politik kritisch auf das staatliche Handeln zu schauen und auch Skeptiker anzusprechen, ohne in die simplen Muster der AfD zu verfallen. Lindner, der in der Vergangenheit im Ton auch schon mal überdreht hat, agierte zuletzt kontrollierter und machte nach Einschätzung vieler Parteifreunde dadurch eine souveräne Figur. In der FDP kennen sie gleichzeitig auch die Kehrseite: Wenn Lindner weniger schrill ist, sinkt die Hörbarkeit in der Opposition.

Lindner setzt darauf, dass die FDP künftig erfolgreich punktet, indem sich das Spielfeld verändert. So werde die Frage nach der wirtschaftlichen Erholung immer aktueller werden. Um hier das Profil zu stärken, hat Lindner sich Volker Wissing als Generalsekretär an die Seite geholt, der momentan noch Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz ist.

Ist der Plot schon bekannt?

Die größte Gefahr für die FDP ist währenddessen, dass im Wahljahr eine Dynamik entsteht, bei der viele Wähler zu dem Ergebnis kommen könnten, die FDP werde ohnehin nicht gebraucht. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn die Umfragen über längere Zeit nahelegen sollten, dass es ohnehin auf Schwarz-Grün hinausläuft.

Dann könnten sich Wähler auch fragen, ob Schwarz-Grün nicht ohnehin einfacher wäre als nochmalige Jamaika-Verhandlungen – vielleicht tatsächlich, weil sie denken, den Plot einer solchen Geschichte, wie Kevin Kühnert es formuliert hat, schon zu kennen.

Von Tobias Peter/RND