Verlässt das Weiße Haus: US-Präsident Donald Trump. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Vier Jahre mit Donald Trump: Im Krieg mit der Wahrheit

Washington. Die Wahrheit ist hinter Donald Trump hergewesen - jetzt hat sie ihn eingeholt. In seinen vier Jahren als Präsident hat der zweimal unter Amtsanklage gestellte Trump eine Fantasiewelt propagiert, mit ihm selbst als überragender Hauptfigur. In dieser Welt vollbrachte er Dinge, die größer, besser und mutiger waren als alles, was je ein anderer getan hatte. Und das im Angesicht unvergleichlich bösartiger Feinde.

Trump hat in seinem Dienst am Ego, seiner Natur und seinen Wiederwahlchancen Fakten nicht einfach nur falsch dargestellt. Er sagte oft das genaue Gegenteil der Wahrheit. Er wiederholte solche Dinge immer wieder und hörte damit keineswegs auf, wenn er ertappt wurde. Beim Coronavirus kriegen wir gerade die Kurve, betonte Trump beispielsweise zu einem Zeitpunkt, als die Pandemie in den USA gerade wieder Fahrt aufnahm. Und setzte dann die Vermutung obendrauf, Gesichtsmasken erhöhten die Ansteckungsgefahr.

Viele wählten Trump, die Mehrheit wählte Biden

Doch dann verlor Trump die Wahl. Er hatte sein ganzes Leben im Sturmlauf gegen die Fakten verbracht. Jetzt verwendete er Monate darauf, seine Niederlage als einen gestohlenen Sieg zu verkaufen. Er spann ein Netz aus Täuschung und Leugnen, um den Wählerwillen zu kippen, klagte vor Gerichten, schüchterte Wahlbeamte ein. Das alles explodierte schließlich in der gewaltsamen Revolte seiner Anhängerinnen und Anhänger vor dem Kapitol, die Trump mit seinen grellen Dauer-Lügen in Rage versetzt hatte.

Die USA, die sich selbst als Leuchtturm der Demokratie und strahlende Stadt auf dem Berg beschreiben, standen plötzlich im züngelnden Schatten trumpscher Manipulationen. „Wer ist jetzt die Bananenrepublik?“,fragten Zeitungsschlagzeilen in Kenia und Kolumbien.

Die Folgen muss Nachfolger Joe Biden ausbaden. Er muss die Glaubwürdigkeit einer Regierung in einem Land wiederherstellen, in dem Millionen Menschen Trumps Lügen glauben - von Sozialisten in der Regierung über eine außer Rand und Band geratene Antifa auf den Straßen bis zu Folterknechten an jeder Ecke. Der demokratische Abgeordnete Jamie Raskin charakterisiert Trumps Gefolgschaft so: „Die haben eine ausgereifte, unabhängige Realität, völlig abgetrennt von der Welt der Fakten.“

Die Psychologie hat den Begriff Gaslighting geprägt für eine Form psychischer Gewalt, die ihre Opfer gezielt desorientiert, manipuliert und verunsichert. Bei US-Richtern verfängt sie offenbar nicht besonders. Sie haben sich als Bollwerk gegen Trumps Machenschaften gezeigt und seine Wahlbetrugsbehauptungen als unbegründet zurückgewiesen, auch wenn sie von Trump selbst für ihre Ämter nominiert worden sind.

Die Wahrheit: (K)eine dehnbare Sache

Trump hat schon lange ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit. Sein Leben ist voller Erfindungen und Übertreibungen. Als öffentlichkeitshungriger New Yorker Immobilienmogul gab er sich einst am Telefon als ein Publizist namens John Miller aus und bot Journalisten angebliche Geheimnisse über Donald Trump an wie etwa, dass bei diesem Schauspielerinnen anrufen würden, weil sie hofften, mit ihm ausgehen zu können „und so Sachen“. Mehr Aufsehen erregte da schon sein Versuch, die Lüge weiterzuverbreiten, Barack Obama sei nicht in den USA geboren und dürfe deshalb auch nicht Präsident sein.

Im Weißen Haus ist Trump diesem Muster treu geblieben. Jetzt allerdings erklärte er den Amerikanern mit der Autorität und Macht des Präsidentenamtes im Rücken, dass sie ihm glauben sollten und nicht dem, was sie mit eigenen Augen sahen. Trump missinterpretierte Gespräche mit ausländischen Staatsmännern und behauptete, er habe Weihnachten vor antichristlichen Bestrebungen gerettet.

Trumps einstige Beraterin Kellyanne Conway hat dessen unbelegbare und falsche Aussagen einmal als alternative Fakten bezeichnet. Nach heftiger Kritik versuchte sie es mit der Erläuterung, es gebe eben alternative Möglichkeiten, um zur Wahrheit zu gelangen. Zwei und zwei ergebe ebenso vier wir drei und eins.

Doch wer Trumps Denkweise folgt, muss nicht nur Mathematik vergessen, sondern im Zweifelsfall auch das, was der Präsident selbst noch gestern gesagt hat. Der Politologe Richard Waterman von der University of Kentucky sagt: „Wir sind schlicht an dem Punkt angekommen, wo Donald Trump schon so viele Lügen auf so unterschiedliche Weise erzählt hat (...), dass Sie sich fragen, ob wir nicht in einer Welt nach dem Ende der Wahrheit leben.“

Als Trump nach seiner Wahlniederlage in Georgia vor Anhängern sprach, waren die Wahrheiten in seiner knapp zweistündigen Rede jedenfalls schneller aufzuspüren als die Lügen. Die Demokraten, behauptete Trump, wollten Häuser abreißen und ohne Fenster wieder aufbauen. „Ich liebe Fenster.“

Für die Streitkräfte habe er Großes geleistet, lobte sich Trump. Die Soldaten würden jetzt nicht nur besser bezahlt, sie hätten auch Raketen, die 17 Mal schneller seien als alles, was die Welt bisher gesehen habe. „Wir haben Hyperschallraketen. Wir haben hypersonic (deutsch: hyperschall) und hydrosonic. Wisst Ihr was hydrosonic ist? - Wasser. - Wir haben sie alle.“

Hydrosonic ist allerdings keine Rakete, sondern eine teure Zahnbürste.

RND/AP