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Alexej Nawalny im Moskauer Stadtgericht während der Anhörung zum Antrag der russischen Strafvollzugsbehörde, seine Bewährungsstrafe aus der Verurteilung von 2014 in eine Gefängnisstrafe umzuwandeln. Quelle: Uncredited/Moscow City Court/dpa

Nawalny verurteilt: Hat er noch ein Ass im Ärmel?

Berlin. Was sich in Moskau abspielt, gleicht der Inszenierung eines großen Dramas. Ein Held kehrt mit stattlicher Entourage aus dem Exil heim ins Reich und fordert dort die Staatsmacht heraus. Die kann ihn nach erfolgloser Verabreichung des Giftbechers und all der damit verbundenen öffentlichen Aufregung nicht mehr einfach so sang- und klanglos verschwinden lassen, und greift deshalb ebenfalls zu darstellerischen Mitteln. Ein Gerichtsprozess wird inszeniert, der Merkmale einer Farce aufweist: unwahrscheinliche Situationen gemischt mit bewusster Absurdität.

Lächerlich aber nicht zum Lachen

Was fehlt, ist die Komponente des Komödiantischen und die Aussicht auf Rettung des Helden. Denn das Gericht folgte den russischen Strafverfolgungsbehörden, die forderten, den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny für mindestens dreieinhalb Jahre ins Gefängnis zu stecken. Er ist nicht der erste Prominente, der auf diese Weise „stillgelegt“ wird. Erinnert sei hier nur an den einstigen Oligarchen Michail Chodorkowski, der von 2003 bis 2013, also für zehn Jahre, inhaftiert war und heute in London lebt.

Konkurrent im Kampf um die Macht

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen ihm und Nawalny. Chodorkowski war zunächst nur wirtschaftlich ambitioniert und wollte erst später immer stärker politisch im System mitmischen. Nawalny inszenierte sich schon lange als politische Alternative zu Präsident Wladimir Putin und nahm dafür viel in Kauf - zuletzt seine von Anfang an hoch riskante Rückkehr aus Deutschland nach Moskau.

Er musste mit dem, was jetzt geschah, rechnen. Und mit Schlimmerem. Denn es war klar, dass Putin den Märtyrer, der selbst auch nicht ganz frei von gewissen narzisstischen Symptomen ist, nicht „einfach so“ als Konkurrenten im Kampf um die Macht dulden würde. Nawalny hat Mut bewiesen und hoch gepokert. Bleibt die Frage, ob er jetzt noch ein Ass im Ärmel hat.

Von Jan Emendörfer/RND