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In Afrika wird bisher kaum geimpft – nur in Marokko sind Massenimpfungen angelaufen. Quelle: Abdeljalil Bounhar/AP/dpa

Die EU hat beim Impfen versagt – vor allem außerhalb ihrer Grenzen

Berlin. Eigentlich wollte Martin Selmayr, der Vertreter der EU-Kommission in Österreich, die europäische Impfstoffbeschaffung loben. Dazu nutzt er einen Vergleich, der ihm umgehend einen Shitstorm einbrachte – zu Recht: Dank der guten Arbeit auf EU-Ebene, so schrieb Selmayr kürzlich auf Twitter, seien in drei Wochen zwölf Millionen EU-Bürger geimpft worden. In 128 Staaten sei dagegen noch gar nicht mit dem Impfen begonnen worden. Und er fügte hinzu: „In Afrika wurden bisher nur 20.000 Menschen geimpft.“

Falsche Impfstrategie

Unfreiwillig beschrieb Selmayr damit das ganze Elend der europäischen Impfstrategie. Die EU ist bisher nicht nur daran gescheitert, schnell mit der Impfung ihrer Bevölkerung voranzukommen. Entgegen aller Versprechungen hat sie es ebenso versäumt, sich ausreichend um einen fairen Zugang der ärmeren Staaten zu Impfstoffen zu kümmern.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation, hatte dafür bereits im vergangenen Sommer einen sehr treffenden Ausdruck gewählt: „Impfstoffnationalismus“. Wie falsch dieser Weg ist, begründet er mit einem knappen, aber äußerst einleuchtenden Satz: „Kein Land wird sicher sein, bevor wir alle sicher sind“.

Tatsächlich haben Wissenschaftler schon früh angemahnt, dass insbesondere dort rasch geimpft werden muss, wo das Virus stark verbreitet und die Gesundheitsversorgung schlecht ist – also in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die eindringliche Warnung: Ein schnelles Durchimpfen in diesen Regionen sei nicht nur wichtig, um die Menschen vor Ort zu schützen. Es sei vor allem auch deshalb notwendig, um gefährliche Mutationen des Virus zu verhindern.

Experten lagen richtig

Inzwischen wissen wir, wie richtig die Experten lagen. Zwar sind nicht nur in Südafrika und Brasilien Mutationen aufgetaucht, sondern auch in Großbritannien. Das ist aber letztlich nur ein Beleg für die These, dass gerade Hotspots Virusmutationen erleichtern.

Auch die Tatsache, dass die Impfhersteller für den Augenblick Entwarnung gegeben haben, darf keinesfalls beruhigen. Virologen haben bereits davor gewarnt, dass bei umfangreichen Mutationen des Coronavirus die bisherigen Impfstoffe auch total versagen können.

Mehr Impfstoffe bestellen

Nun wäre es naiv zu glauben, in der EU oder anderen wohlhabenden Staaten wäre es gegenüber der eigenen Bevölkerung durchsetzbar gewesen, dass zuerst Menschen in Südafrika, Angola, Peru oder Ecuador geimpft werden. Tatsächlich hätten die Verantwortlichen in der EU – und auch in der Bundesregierung – die Frage der fairen Verteilung der Impfstoffe aber schon frühzeitig mitdenken müssen.

Schon aus diesem Grund hätte die EU weit mehr Impfstoffe bestellen müssen – verbunden mit der Zusage, einen Teil der Impfdosen so schnell wie möglich an ärmere Länder abzugeben. Es wäre allemal sinnvoller gewesen, jetzt ein paar Milliarden Euro mehr für Impfstoffe auszugeben, als später mit umfangreicher Entwicklungshilfe zu versuchen, die von der Pandemie angerichteten Schäden zu beseitigen.

Sicher, es ist gut, dass viele Industriestaaten – darunter Deutschland – ihr egoistisches Verhalten zumindest teilweise kompensieren. Sie unterstützen die von der WHO zusammen mit der Impfstoffallianz Gavi gegründete Initiative Covax, die einen fairen Zugang zu Corona-Impfstoffen für jedes Land der Welt garantieren soll. Doch wirklich erfolgreich ist Covax auch aufgrund des Impfnationalismus bisher nicht geworden.

Das muss sich dringend ändern. Nötig wäre ein Impfgipfel – diesmal international und mit greifbaren Ergebnissen.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Corona kennt keine Grenzen. Die Pandemie lässt sich nur weltweit gemeinsam oder gar nicht in den Griff bekommen.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND