Die Kinder- und Jugendärzte fordern, Schulen und Kitas trotz Mutationen umgehend zu öffnen (Symbolbild). Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Kinderärzte: Trotz Mutationen Schulen und Kitas umgehend öffnen

Berlin. Thomas Fischbach ist Chef des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Dem Verband gehören etwa 12.000 Mediziner an. Fischbach arbeitet als Kinderarzt in Solingen.

Herr Fischbach, die Mutationen des Coronavirus verbreiten sich in Deutschland immer weiter. Sollten Bund und Länder dennoch eine Öffnung aller Schulen und Kitas beschließen?

Auch nach dem Auftreten von Virusmutationen bleibt es dabei, dass Kinder und Jugendliche keine Treiber der Pandemie sind. Diesbezüglich fehlt jedwede Evidenz. Deshalb können und müssen alle Schulen und die Kitas umgehend wieder geöffnet werden. Sie spielen im Infektionsgeschehen keine nennenswerte Rolle. Auch das Robert-Koch-Institut hat sich gerade erst entsprechend positioniert. Zwar hat es Befürchtungen gegeben, dass die Mutationen auch zu einer höheren Ansteckungs- und Erkrankungsrate bei Kindern führen. Doch das hat sich nicht bewahrheitet.

Aber was ist mit den Lehrkräften und Erziehern?

Untersuchungen haben ergeben, dass es überwiegend die Erwachsenen sind, die das Virus einschleppen. Dieses Risiko kann aber durch den regelmäßigen Einsatz von Schnelltests und vor allem durch das Impfen deutlich minimiert werden.

Sollten nicht nur die Grundschullehrer, sondern alle Lehrer vorrangig geimpft werden?

Gerade die weiterführenden Schulen spielen in der Virusverbreitung gegenüber den Kitas und Grundschulen eine deutlich relevantere Rolle. Also unbedingt ja.

Ganz ohne Hygienekonzepte wird man aber nicht auskommen, oder?

Bei der Öffnung der Schulen müssen je nach Stärke des Infektionsgeschehens vor Ort umfassende Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Dazu gehören das regelmäßige Lüften, feste Gruppen, Wechselunterricht, gestaffelte Anfangszeiten im Unterricht oder der Einsatz von zusätzlichen Schulbussen. Die medizinischen Fachgesellschaften haben eine entsprechende Leitlinie erarbeitet. Mehr an Vorsichtsmaßnahmen geht nicht. Eine einhundertprozentige Sicherheit werden sie nicht hinbekommen. Aber die gibt es im Leben nie.

Macht der massenhafte Einsatz von Laientests bei Schülern – wie in Österreich – Sinn?

Den dauernden Einsatz von Laientests bei Schulkindern sehen wir kritisch. Hier bekommen sie allenfalls eine Scheinsicherheit, weil bei der Anwendung Fehler passieren können und die Aussagekraft dieser Tests ohnehin geringer ist als die von Labortests.

Was wäre die Folge eines nochmals verlängerten Lockdowns?

Eine weitere Schließung der Schulen würde die Kollateralschäden für Kinder und Jugendliche massiv erhöhen. Die psychischen, sozialen und emotionalen Beeinträchtigungen sind nach einem Jahr im Corona-Ausnahmezustand jetzt im zweiten Lockdown sogar noch stärker als im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr. Das bestätigen wissenschaftliche Studien sehr eindrucksvoll, wie beispielsweise die sogenannten Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Was beobachten Sie und Ihre Kollegen?

Wir erleben Vereinsamung, Depressionen, aggressives Verhalten, innerfamiliäre Konflikte bis hin zur Gewalt. Wir sehen aber auch eine Zunahme der Fettleibigkeit aufgrund des Bewegungsmangels. Ich habe in meiner Praxis Kinder, die haben in drei Monaten zehn bis 15 Kilo zugenommen. Je länger der Lockdown dauert, desto massiver werden aller Voraussicht nach die Langzeitfolgen sein. Was als Auswirkung der Desozialisierung noch auf uns zukommt, kann bisher gar nicht abgesehen werden.

Was kann getan werden, damit es endlich auch Impfstoffe für Kinder und Jugendliche gibt?

Wir fordern mehr Anstrengungen der Bundesregierung, die Zulassung von Impfstoffen für Kinder und Jugendliche zu fördern. Da muss man im Zweifel Geld in die Hand nehmen, um die Impfhersteller bei der Entwicklung und bei Studien zu unterstützen. Es kann doch nicht sein, dass Kinder und Jugendliche im Sommer weiterhin von Beschränkungen betroffen sind, während die meisten Erwachsenen wieder alle Freiheiten genießen können. Außerdem schaffen wir keine Herdenimmunität, wenn wir die große Gruppe der Kinder und Jugendlichen auslassen.

Was könnte ein erster Schritt sein?

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer hat auch eine Zulassung für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren. Zumindest chronisch Kranke in dieser Altersgruppe müssen bevorzugt geimpft werden. Es ist völlig unverständlich, dass das bisher noch nicht einmal in Erwägung gezogen wurde.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND