In Strickjacke und Pullover: Bundeskanzler Helmut Kohl (r.), der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow (Mitte) und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) am 15. Juli 1990 entspannt in der freien Natur bei einem Treffen in Russland. Quelle: picture alliance / dpa

Michail Gorbatschow – ein tragischer Held wird 90

Berlin. Er gilt als der größte Reformer des 20. Jahrhunderts. Kaum jemand hat auf der politischen Bühne so schnell so viel bewegt wie Michail Gorbatschow. Er öffnete den verkrusteten Vielvölkerstaat UdSSR in Richtung Westen und schob im Inneren Veränderungen an, wie es sie bis dahin in 70 Jahren Kommunismus nicht gegeben hatte.

Mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) brachte er die Modernisierung der Sowjetgesellschaft in Gang und in Abrüstungsverhandlungen mit den USA leitete er das Ende des Kalten Krieges ein. 1990 erhielt Gorbatschow den Friedensnobelpreis. Im Westen immer noch hochverehrt, gerät er in Russland zunehmend in Vergessenheit oder wird gar als „Kapitulant“ oder „Verräter“ abgestempelt. Nun wird Michail Gorbatschow 90 Jahre alt.

Gefördert von KGB-Chef Andropow

Am 2. März 1931 wird er in dem 3000-Einwohner-Dorf Priwolnoje in der Region Stawropol im Nordkaukasus geboren. Nach einem Jurastudium in Moskau macht er schnell beruflich Karriere und steigt auch bald im Apparat der Kommunistischen Partei (KPdSU) auf. 1980 stößt er in den obersten Führungszirkel vor, das Politbüro. Hier lernt er den Chef des Spionagedienstes KGB, Juri Andropow, kennen, der ebenfalls aus Stawropol stammt und ihn fortan fördert – wahrscheinlich nicht ahnend, wohin sich sein Schützling entwickelt.

Anfang der 1980er Jahre gilt der konservative Leningrader Funktionär Grigori Romanow als Kandidat für den bis dahin mit Greisen besetzten Posten des KPdSU-Generalsekretärs. Doch Gorbatschow setzt sich durch und wird am 11. März 1985 mit 54 Jahren der bis dahin zweitjüngste Chef der Parteigeschichte – nach Stalin.

Gorbatschow legt los und entzündet ein Reformfeuerwerk. Die Presse kann frei berichten, die Verbrechen der Stalinzeit kommen ans Licht. Er stellt Korruption und Vetternwirtschaft an den Pranger und ruft zur Umgestaltung der Wirtschaft auf.

„Raissa – das Wertvollste, was ich im Leben habe“

In der westlichen Welt schätzen ihn konservative Politiker als intelligenten weltoffenen Gesprächspartner. Zu seinem Renommee im Ausland trägt maßgeblich seine Frau Raissa bei, die ihn bei Reisen begleitet und gewandt in die Rolle der „First Lady der UdSSR“ schlüpft. Als sie am 20. September 1999 in der Uniklinik Münster an Leukämie stirbt, trifft ihn das viel schwerer als alle politischen Rückschläge. Die Bilder, wie er weinend an ihrem offenen Sarg steht, gehen um die Welt. In seinen Memoiren „Alles zu seiner Zeit“ nennt er sie „das Wertvollste, was ich im Leben habe“ und resümiert voller Trauer: „Mein Leben hatte seinen eigentlichen Sinn verloren.“

Unmut im Landesinneren

Während die Westmedien Ende der 1980er Jahre den Sowjetführer neuen Typs wie einen Star feiern, macht sich im Landesinneren Unmut breit. Während die Linke in Ost und West noch der Illusion nachhängt, dass ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ möglich ist, wie ihn 1968 die Prager Reformbewegung propagierte, gerät der Hoffnungsträger im Inneren schon unter Druck.

Die wirtschaftliche Umgestaltung geht viel zu langsam voran, als dass die Menschen an der Basis Erfolge verspüren würden. Im Gegenteil: Es kommt zur Verknappung von Lebensmitteln und Konsumgütern, eine riesige Schattenwirtschaft breitet sich aus. Die Kader in den gigantischen Staatsbetrieben, im Militär- und Geheimdienstapparat verfahren nach dem Motto „Rette sich, wer kann!“.

Es gelingt Gorbatschow nicht, eine klare Perspektive aufzuzeigen, wann das Land wo ankommen würde. Das über Jahrzehnte gewucherte Dickicht der staatsmonopolistischen Wirtschaft ist einfach viel zu undurchdringlich, als dass man es mit ein paar Hieben hätte lichten können.

Unter dem Eindruck der mehrheitlich reformunwilligen Partei-Nomenklatura, verlagert Gorbatschow das Gewicht seines Handelns zunehmend auf den Posten des Staatsoberhaupts – ab 1988 als Vorsitzender des Obersten Sowjets und ab März 1990 als Staatspräsident der UdSSR. Nun wird die Regierungsbürokratie seine Hauptstütze mit der Folge, dass ihm die Macht in der Partei entgleitet.

„Gorbi, Gorbi!“-Rufe in Ost-Berlin

In den Sowjetrepubliken Armenien, Aserbaidschan und im Baltikum werden Autonomiebestrebungen laut, ebenso in den Ostblockländern Ungarn und Polen. Die Honecker-DDR lehnt jegliche Reformen ab, wird aber schon bald von den Leipziger Montagsdemonstrationen erschüttert. Im Oktober 1989 rufen Demonstranten in Ost-Berlin „Gorbi, Gorbi!“. Anfang Dezember 1989 trifft Gorbatschow vor Malta auf dem Kreuzfahrtschiff „Maxim Gorki“ mit US-Präsident George Bush zusammen und stellt abschließend fest: „Der Kalte Krieg ist zu Ende.“ In der Folge kommt es zur deutschen Einheit und zur Unabhängigkeit vieler Länder Europas und Asiens.

Putsch und Entmachtung

In Moskau geht es unterdessen drunter und drüber. Die Reformen enden schließlich im völligen Chaos. Im August 1991 putscht ein Militärclique gegen Gorbatschow, und ein neuer Held betritt die Bühne. Der gerade erst zum Präsidenten Russlands gewählte Boris Jelzin wettert auf einem Panzer stehend gegen die Putschisten und wehrt die Gegenrevolution erfolgreich ab. Jelzin übernimmt das Ruder, und mit ihm geht die einstige Sowjetmacht in die Hände der russischen Unionsrepublik über. Per Dekret verbietet er in Russland die KPdSU, deren Generalsekretär Gorbatschow formell immer noch ist, und bereitet damit auch die Entmachtung des Zentralstaates UdSSR vor.

Am 8. Dezember 1991 unterzeichnen schließlich die Staatschefs von Russland, der Ukraine und Belarus die Auflösung der Sowjetunion und teilen dies anschließend Gorbatschow per Telefon mit.

Was gilt der Prophet im eigenen Land?

Als Gorbatschow am 25. Dezember 1991 als letzter Präsident der Sowjetunion zurücktritt, hat er schon lange nichts mehr zu sagen. Jahre später, im April 2005, wird der neue Präsident Russlands, Wladimir Putin, in einer Rede an die Nation den Zerfall der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnen.

Gorbatschow hat die Welt nachhaltig verändert und steht doch heute in gewisser Weise als eine tragische Figur da, auf die das Bibelwort zutrifft, wonach der Prophet nichts im eigenen Lande gilt.

Von Jan Emendörfer/RND