Demonstranten in Yangon versuchen, sich mit Schutzschilden vor den Sicherheitskräften abzuschirmen. Bei Protesten am Sonntag starben mindestens 18 Menschen. Quelle: Getty Images

Eskalation in Myanmar: „Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten können“

Berlin. Salah ist im Zentrum von Yangon, als er sich am Sonntag Protesten in der größten Stadt Myanmars anschließt. Er sieht, wie Polizei und Militär Demonstranten einer anderen Gruppe auf einer Kreuzung einkesseln. Niemand kommt rein, niemand raus. Das Tränengas der Sicherheitskräfte zirkuliert in der Luft, Schüsse fallen. Sofort rennt Salah davon. „Ich fürchtete, dass ich getroffen werden könnte und sie mich festnehmen“, erzählt der 26-Jährige. Auf dem Weg nach Hause sieht er einen Scharfschützen auf einem Kran.

In Mandalay, einer Großstadt mehr als 600 Kilometer von Yangon entfernt, hört Nyein Chan – ebenfalls am Sonntagmorgen – in den Nachrichten, dass Medizinstudenten und Ärzte von Sicherheitskräften in einem Krankenhaus eingesperrt wurden. Der 24-Jährige und seine Protestgruppe sind in der Nähe, sofort laufen sie zum Ort des Geschehens. Als sie dort ankommen, haben Militär und Polizei das Krankenhaus umstellt.

Ärzte und Studenten schaffen es trotzdem aus dem Gebäude, da hört Chan Explosionsgeräusche. „Das waren wohl Handgranaten“, sagt er. Chan und seine Mitstreiter verbringen 45 Minuten dort, auf dem Boden sitzend, bis sie sich zerstreuen. Auf dem Weg nach Hause hört er erst Schüsse, dann ruft seine Mutter ihn an: Er solle auf keinen Fall heimkommen, ganz in der Nähe sei jemand getötet worden. „Ich hatte Angst um mein Leben“, sagt Chan. Später sieht er die Bilder. Sie zeigen ein Einschlussloch in einem Helm und den Abtransport einer leblosen Person.

Myanmar: Mindestens 18 Tote bei Protesten am Sonntag

Mindestens 18 Menschen starben am Sonntag bei Protesten in verschiedenen Städten Myanmars, teilte die UN-Menschenrechtskommission mit. Mindestens 30 weitere Personen seien verletzt worden. Es ist die mit weitem Abstand höchste Opferzahl, seit das Militär am 1. Februar die Macht übernommen hat. Zudem wurden Berichten zufolge rund 1000 Menschen festgenommen.

Am 1. Februar hatte das Militär die bisherige De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi unter Arrest gestellt. Die Streitkräfte wollten den klaren Sieg ihrer Partei NLD bei den Parlamentswahlen im November nicht anerkennen. Obwohl es dafür laut der Wahlkommission der alten Regierung keine Beweise gab, sprach die Junta von „massivem Betrug“. Am Freitag wurde das Ergebnis von der neuen Kommission annulliert. Nachdem es wenige Jahre lang einige demokratische Freiheiten für viele Bürger gegeben hatte, liegt das asiatische Land wieder in den Fesseln der Militärs.

Die Lage in Myanmar ist schon lange brisant: Es gibt eine birmanische Mehrheit, zu der das Militär gehört, und etliche ethnische Minderheiten - unter ihnen bewaffnete Gruppen, die seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Und dann ist da noch die muslimische Minderheit der Rohingya, deren Angehörige nicht als Staatsbürger anerkannt werden. Schon lange werden sie verfolgt, 2017 wurden Hunderttausende von ihnen aus dem Land vertrieben; viele erlitten Zwangsarbeit, Folter und tödliche Gewalt.

Auch während der Regierungszeit von Suu Kyi hielten die Benachteiligungen an, erzählt Salah, selbst Rohingya. Zwar habe sich die Situation unter der zivilen Regierung verbessert, doch der Zugang zu höherer Bildung sei ihm weiterhin versperrt geblieben. Nach der Eskalation des Konflikts 2017 seien zudem viele Falschmeldungen über die Rohingya im Umlauf gewesen. Vor allem von Birmanen habe er viel Ablehnung und Feindseligkeit wahrgenommen, sagt er.

Demokratie in Myanmar zurückbekommen

Ganz anders sei der Umgang bei den derzeitigen Protesten, erzählt er: „Egal, welche Ethnie oder Religion, es werden keine Unterschiede gemacht.“ Alle demonstrierten zusammen und versorgten einander mit Nahrung und Getränken. Immer wieder lese er Solidaritätsbekundungen von Birmanen in den sozialen Medien. „Ich habe den Eindruck, die birmanische Gemeinschaft beginnt, unser Leiden und unsere Sorgen zu verstehen.“ Chan, der zu den Birmanen zählt, sagt: „Wir sind eins“. Die Ethnie spiele keine Rolle. Alle kämpften für dieselbe Sache: dass Myanmar die Demokratie zurückbekomme.

Aber je länger die Proteste andauern, desto schwieriger wird die Situation: Schon die Corona-Krise hatte die ökonomische Lage verschärft. Durch Putsch und Unruhen spitzt sie sich nun weiter zu. Weil so viele streiken, stehen etliche Betriebe still, fast alle privaten Banken sind zu, Arbeitslosigkeit grassiert. „Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten“, sagt Salah.

Myanmar: Einschüchterungstaktik des Militärs funktioniert bislang nicht

Doch auch der Druck aufs Militär wächst. Denn viele Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung demonstrieren ebenfalls. „Das Militär hat den Willen zum Widerstand gegen den Putsch, der sich aus der Mitte der Gesellschaft speist, unterschätzt”, sagt Myanmar-Experte Felix Heiduk von der Stiftung Wissenschaft und Politik – „und auch den langen Atem der Straßenproteste und des zivilen Ungehorsams.“

Die Gewalt gegen die Demonstranten zeige somit zwar die Härte und Unnachgiebigkeit der Militärjunta, andererseits aber auch deren Hilflosigkeit, die Proteste anders als mit Gewalt einzudämmen. „Doch die Einschüchterungstaktik der Sicherheitskräfte funktioniert bisher nicht“, so Heiduk. Inwieweit das Militär die Macht dauerhaft halten könne, sei deshalb nicht vorhersehbar.

Sowohl Salah als auch Chan hoffen, dass das Militär irgendwann einlenken muss. Denn, sagt Salah, eins sei trotz aller Unsicherheiten klar: „Wir werden nicht aufgeben, bis die Demokratie gewinnt.“

Von Christoph Zempel/RND