Jill Biden in der Bäckerei Sweet Lobby in Washington, D.C. Quelle: White House

Amerikas leise Angst vor dem I-Wort

Liebe Leserinnen und Leser,

wie die amerikanische Wirtschaft am Ende durch diese Pandemie kommen wird, weiß bislang niemand. Drei kleine inhabergeführte Firmen aber blicken schon jetzt voller Dankbarkeit aufs Weiße Haus.

Das Brewer’s Cafe in Richmond, Virginia, sowie die Bäckerei Sweet Lobby und das Café Newsroom in Washington, D. C., freuten sich in den letzten Tagen über eine prominente Kundin: Jill Biden, die Ehefrau des amerikanischen Präsidenten.

Mal holte sie einen Kaffee für sich selbst, mal frische Makronen und Canelés für ihren Mann. In allen Fällen ging es ihr offenbar auch darum, örtlichen Geschäftsinhabern den Rücken zu stärken: In diesen drei Fällen sind es Schwarze und Einwanderer, teils aus Kenia, teils aus Trinidad. Sie platzten vor Stolz und wurden, als die Wagenkolonne der First Lady wieder abrauschte, zu Stars der sozialen Netzwerke.

Wie aber bringt man nun auch noch den Rest der US-Wirtschaft raus aus der Corona-Depression? Willkommen zu einer neuen Ausgabe von „What’s up, America?“.

Sorgenvolle Blicke fallen auf die Spacs

Joe Biden will die US-Konjunktur bekanntlich mit sage und schreibe 1,9 Billionen Dollar antreiben. Im Amerikanischen übersetzt sich diese Summe in „1.9 trillion dollars“.

Billionen? Trillionen? Erste Assoziationen in Richtung Geldentwertung weckte das neue Programm schon wegen seines Umfangs. Das Repräsentantenhaus gab schon grünes Licht, nun liegt die Sache im Senat.

Dort allerdings wiegen auch Wohlwollende bedächtig die Köpfe. Niemand zweifelt zwar an der Notwendigkeit einer Stimulation der Wirtschaft. Umstritten ist aber, ob es wirklich diese hohe Summe sein muss – und ob das Geld die USA unterm Strich wirklich zukunftstauglicher macht.

Aufhorchen ließ in Washington die Kritik des Harvard-Ökonoms Lawrence Summers – zumal er kein ideologischer Gegner der US-Demokraten ist. Summers war Chefökonom der Weltbank und später Barack Obamas Finanzminister. In der „Washington Post“ schrieb er schon Anfang Februar in einem weltweit stark beachteten Aufsatz, Bidens 1,9-Billionen-Dollar-Programm sei insgesamt „bewundernswert“. Man müsse allerdings die Risiken und Nebenwirkungen im Auge behalten. Dazu gehöre die Gefahr, dass die geplanten Impulse „einen Inflationsdruck auslösen, wie wir ihn in einer Generation nicht gesehen haben“.

Inflation? Schon die bloße Debatte um dieses Thema könnte schädlich sein für Biden und seine Agenda. Doch die Warnungen von Wirtschaftsfachleuten wollen nicht verstummen.

Schon seit Wochen blicken Ökonomen auf steigende Preise bei Rohstoffen aller Art, hinzu kommen erhöhte Frachtkosten auf den Weltmeeren: Beides gilt, erst recht in Kombination, als Warnhinweis auf eine sich aufbauende globale Inflationswelle.

Hinzu kommt, als weiteres böses Omen, dass an der New Yorker Börse immer mehr Spacs gesichtet werden.

Special Purpose Acquisition Companies sind leere Unternehmenshüllen, deren Betreiber früher oder später andere Firmen kaufen wollen, vor allem Start-ups. Das Phänomen ist nicht neu, sein Umfang aber verstört jetzt viele: In den USA entstanden allein in den ersten sechs Wochen dieses Jahres genauso viel Spacs wie im gesamten vergangenen Jahr. Getrieben werden die hoch spekulativen Deals von der Erwartung, eine Anlage in klassischen Feldern lohne sich ohnehin nicht mehr – oder bringe Vermögen gar in Gefahr.

Die Nervosität wächst: Platzen die Blasen?

Jerome Powell persönlich, Chef der US-Notenbank Federal Reserve, wies in diesen Tagen bei Anhörungen im Kongress Inflationsängste zurück. Besonders am Arbeitsmarkt sei „noch ein langer Weg der Erholung“ zu gehen, bevor es wieder zu Preisanstiegen kommen könne. Ähnlich argumentiert in Europa EZB-Chefin Christine Lagarde.

Trotzdem: An der Wall Street sieht laut „Politico“ schon jetzt eine gewachsene Zahl von Profis die in ihrem Leben bislang größten Marktrisiken gekommen. Zwar könne noch eine ganze Weile alles gut gehen, niemand wisse das so ganz genau. Doch auch eine Inflation sei nicht mehr ausgeschlossen. Dann werde Powell „eines Tages aufwachen und sagen: Jetzt muss ich doch etwas tun“. Und wenn dann die Zinsen wieder steigen, werde man „einen echten Schaden für die Wirtschaft erleben“ – mit Firmen, die ihre Kredite nicht mehr bedienen und mit Privatleuten, die ihre Häuser nicht mehr halten können.

Für das Weiße Haus ist dies ein Albtraumszenario, ökonomisch wie politisch. Die USA setzen wie die EU darauf, aus den Schulden herauswachsen zu können, wenn nur erst mal der Laden wieder richtig läuft. Doch die Risiken für den Fall, dass das schiefgeht, sind enorm.

Biden könnte, wenn in seiner Amtszeit die seit Langem gewachsenen Blasen platzen, derjenige sein, der auch für Sünden aus den Trump-Jahren bezahlen muss.

Zwar sind die Amerikaner in Sachen Geldentwertung alles in allem etwas entspannter als die Deutschen. Dies hat auch mit einer in den USA höheren Eigenheimquote zu tun. Dennoch kann sich eine Partei, unter deren Ägide das Geld spürbar an Wert verliert, keine Hoffnung auf eine Wiederwahl machen.

Unvergessen ist in den USA, wie der Republikaner Ronald Reagan im Wahljahr 1980 den damals mit einer Inflationsrate von 12 Prozent ringenden Demokraten Jimmy Carter nicht nur besiegte, sondern demütigte: Im 538-köpfigen Wahlleutegremium lautete das Ergebnis 489 zu 49.

Facts and Figures: Warum Trump 2024 nicht funktioniert

Am vorigen Wochenende, beim Jahrestreffen der amerikanischen Rechtskonservativen, sorgte Donald Trump einmal mehr für eine optische Täuschung. Vor jubelnden Anhängern trat er auf, als könne er im Wahljahr 2024 erneut gewinnen. Am Ende plädierten allen Ernstes zwei Drittel der Teilnehmer der Veranstaltung in Florida für eine weitere Trump-Kandidatur. Der ohnehin skurrile Konvent geriet damit noch realitätsferner als üblich.

In Wirklichkeit legen neue Analysen aus den Bundesstaaten die Vorhersage nahe, dass ein Kandidat Trump im Wahljahr 2024 nicht funktionieren würde.

So zeigte der Fernsehsender NBC am Wochenende, wie zum Beispiel Georgia sich verändert hat. Biden drehte Georgia nicht nur von rot auf blau. Er schnitt hier verblüffenderweise sogar besser ab als Barack Obama in seinem besten Jahr, 2008. Dahinter steckt, wie sich nun zeigt, die Schubkraft von sieben schnell gewachsenen vorstädtischen Counties: Cobb, Douglas, Fayette, Forsyth, Gwinnett, Henry und Rockdale. Vor allem rund um Atlanta hat sich eine diversere und liberalere Wählerschaft angesiedelt – und ausgerechnet dieses Milieu gewinnt zahlenmäßig an Kraft, während ländliche, weit nach rechts tendierende Wähler wenig auf die Waage bringen.

Die Addition von Demografie und Demoskopie bewirkt in den Vorstädten des amerikanischen Südens eine für die Republikaner ungünstige Kalifornisierung – die sich bis 2024 noch mathematisch verstärken dürfte. Eine Studie der Denkfabrik Brookings beschreibt solche Effekte auch für den Bundesstaat Arizona und die dortigen Metropolen Phoenix und Tucson.

Professionelle Politikberater empfehlen der „Gand Old Party“ deshalb dringend eine Kurskorrektur. Ihre einzige Chance im Jahr 2024 liege in einem Kandidaten – idealerweise einer Kandidatin – neuen Typs. Neue Anziehungskraft könne etwa die frühere US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley, entfalten. Mit einem Zurück zu Trump aber sei die Niederlage schon programmiert, bevor der Wahlkampf beginne.

Popping up: Der schrullige Verein hinter den Golden Globes

Auch in Hollywood sieht nicht jeder gut aus, der ins Scheinwerferlicht gerät. Diese Erfahrung musste jetzt der dortige Verein der Auslandspresse machen, die Hollywood Foreign Press Association, kurz HFPA.

Der Verein, der seit Jahrzehnten die Golden Globes vergibt, wurde in den letzten Tagen zur Abwechslung auch seinerseits mal prüfend betrachtet und bewertet – und bekam von den amerikanischen Kollegen gleich reihenweise nach unten gedrehte Daumen zu sehen.

Es geht damit los, dass der über Jahrzehnte gepflegte Mangel an Diversität in dem Gremium auffiel. Unter den 78 Mitgliedern ist kein einziger Schwarzer.

Damit nicht genug. In einem Bericht der „Los Angeles Times“ wird der Verein als eine zwar mächtige, aber reichlich undurchsichtige Ansammlung schrulliger Charaktere („quirky characters“) dargestellt. Die Filmfirmen allerdings müssten heute wie zu allen Zeiten ihre Stars antanzen lassen, ihnen bleibe wegen des weltweiten Einflusses der HFPA keine andere Wahl. Dass in diesem Jahr „The Crown“, eine britische Serie über das Königshaus, die meisten Golden Globes abräumte, war der „LA Times“ nicht so wichtig wie ihre umfangreiche Recherche über die HFPA.

Einige Mitglieder des Vereins erscheinen den amerikanischen Kollegen zwar seriös und respektabel, viele andere aber nicht. Manche hätten ihrerseits eine abgebrochene Schauspielkarriere hinter sich oder drehten, wie der russische Bodybuilder Alexander Nevsky, als Produzent auch schon mal selbst Low-Budget-Filme. Nevsky versuchte in Kalifornien offenbar, so etwas zu werden wie „der russische Schwarzenegger“.

Die HFPA betont, dass ihre Mitglieder „für einige der renommiertesten Publikationen der Welt schreiben“. Doch zur Wahrheit gehört wohl auch, dass es Mitglieder gibt, die offenbar nur sehr selten, wenn überhaupt, als Schreiber in Erscheinung treten, aber dennoch dem Verein verbunden bleiben. Andere wiederum schreiben zwar viel, können aber nicht HFPA-Mitglied werden, solange sie nicht zwei Altmitglieder davon überzeugen können, dass auch sie in den Verein passen.

Laut „LA Times“ haben einige HFPA-Mitglieder mitunter „externe Interessen verfolgt“ und „nach anderen Möglichkeiten gesucht, ihr Einkommen aufzubessern“. Das finnische Mitglied Erkki Kanto zum Beispiel habe zwei Bücher zur alten chinesischen Kunst des Gesichtslesens verfasst. Wer will, kann sich dazu auch einen Vortrag des Finnen auf Youtube ansehen. Hinter der Zahl der Fans der Golden-Globe-Preisträger bleibt Kanto weit zurück. Nur 572 Menschen haben sich seit dem Jahr 2011 sein Video angesehen.

Deep Dive: Im Kopf der Impfgegner

Die Impfkampagne der USA sieht nach einer einzigen Erfolgsgeschichte aus, bislang jedenfalls. In keinem anderen Staat der Erde gibt es eine so hohe Gesamtzahl von vollständig Geschützten („fully vaccinated“), also jenen, die im Fall von Biontech/Pfizer sogar bereits die zweite Impfung bekommen haben. In den USA gilt das für 24,78 Millionen Menschen, gefolgt von Israel (3,27) und Deutschland (2,3) auf den Plätzen zwei und drei.

Der US-Konzern Johnson & Johnson leistet vom heutigen Dienstag an einen zusätzlichen Beitrag dazu, die Zahl der Geimpften schnell hochzutreiben: Schon am Montag, 24 Stunden nach der Genehmigung, verschickte das Unternehmen die ersten vier Millionen Dosen, wie CEO Alex Gorsky stolz im Sender NBC verkündete. Von heute an wird auch mit Johnson & Johnson geimpft – während sich in der EU das Zulassungsverfahren der European Medicines Agency offenbar noch bis Mitte März hinzieht.

Trotz ihres anfänglich höheren Tempos könnten den USA Probleme bevorstehen: Ungefähr ein Drittel der Amerikaner hat den einen oder anderen Vorbehalt. Manche sagen in Umfragen, sie würden nur zur Impfung gehen, wenn dies verpflichtend sei. Andere sagen sogar, die Impfung komme für sie auf keinen Fall infrage. Unter den Republikanern hat die „Definitely-not-Fraktion“ einen Anteil von stolzen 28 Prozent.

Sorgen macht den US-Gesundheitspolitikern auch der hohe Anteil der Landbevölkerung (24 Prozent), der Impfungen definitiv ablehnt. Doch wer ganz schlicht von Impfgegnern spricht, macht es sich zu leicht.

In einem Aufsatz für das Magazin „The Atlantic“ ist Autor Derek Thompson auf einen ganzen Kosmos voller Motive gestoßen. Da gibt es ethnische Minderheiten, die ihre Gründe haben für ein generelles Misstrauen, da gibt es hochintelligente Eltern, die allein auf Biokost und anthroposophische Theorien vertrauen, und da gibt es Dörfler, die sich eingerichtet haben in einer Mischung aus Staatsverachtung und Verschwörungstheorien.

Das Problem übrigens beginnt nicht erst bei der ausgeprägten Impfgegnerschaft. Es beginnt bei einer generellen Sorglosigkeit. Unter jüngeren Republikanern ohne Collegeabschluss beträgt der Anteil derer, die sich nach eigenen Angaben „überhaupt keine Sorgen wegen Corona“ machen, zwei Drittel. Strategien dafür, auch diesen Menschen einen Schuss in den Arm zu geben, müssen noch gefunden werden.

Way of Life: Das Pentagon und die Pizzaschachtel im All

Amerikanische Wissenschaftler machen derzeit angeblich bemerkenswerte Erfolge „beim weltweiten Versenden von Energie“. Laut CNN wurde im Weltall ein Solarpanel in Größe einer Pizzaschachtel getestet, das Sonnenlicht in Mikrowellen umwandeln und an jeden beliebigen Punkt auf der Erde senken kann. Denkbar sei damit theoretisch auch der Bau kilometerbreiter Weltraum-Solarkraftwerke, die Energie in jeden Teil des Planeten beamen können, ganz ohne Schadstoffe und Nebenwirkungen.

Die Entdeckung lässt sehr unterschiedliche Gruppen aufhorchen. Für die Energiepolitik könnten sich, wenn auch erst im Lauf von Jahrzehnten, ganz neue Perspektive auftun. Im All, das weiß man, hat die Sonne noch viel mehr Power als hienieden. Auch für Hilfsorganisationen könnte die neue Technik nützlich sein, sogar schon in der Erprobungsphase. Nach Naturkatastrophen wünschen sich Retter oft nichts dringender als eine Stromversorgung in entlegenen Gebieten.

Die Regie bei den Forschungsarbeiten allerdings führt kein gemeinnütziger ökologischer Verein, sondern das amerikanische Verteidigungsministerium. Ins All gelangte die „Pizzaschachtel“ laut CNN mit dem Raumgleiter X-37B. Dessen Einsätze aber sind normalerweise so geheim, dass der CNN-Bericht auch anders gelesen werden kann: als kleiner Gruß an Russland und China in angespannter Zeit. Frei übersetzt heißt die amerikanische Botschaft: Guckt mal, wir haben jetzt eine Mikrowellenwaffe im All, mit der wir bei Bedarf eure Satelliten zerschießen.

Man muss das alles gar nicht allzu düster und allzu kriegerisch deuten. Es kann auch einem Neubeginn der Diplomatie dienen, einer Förderung der internationalen Gesprächsbereitschaft.

So oder so gilt, was Joe Biden bei der Münchener Sicherheitskonferenz verkündet hat: „America is back.“

Der nächste USA-Newsletter erscheint am 9. März. Bis dahin – stay tuned!

Ihr Matthias Koch

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Von Matthias Koch/RND