Angela Merkel in der Pressekonferenz nach der Ministerpräsidentenkonferenz. Quelle: Markus Schreiber/AP POOL/dpa

Lockerung ohne Sicherheitsgefühl

Berlin. Es klingt paradox: Der Staat hat die Pandemie nicht im Griff, die Fallzahlen steigen, das mutierte Virus breitet sich aus, es fehlt an Schnelltests und Impfungen – und Deutschland lockert den Lockdown. Bund und Länder haben endlich eine Öffnungsstrategie erarbeitet, aber logisch erscheint sie nicht. Jedenfalls widerspricht sie in wichtigen Punkten der bisherigen Corona-Politik. Die Kanzlerin lässt locker. Und geht damit ein hohes Risiko ein.

Man fühlt sich an eklatante Fehler aus dem Spätsommer erinnert. Kinder und Jugendliche kamen in die Schulen zurück, obwohl viele Gebäude immer noch keine Lüftungsanlagen hatten. Und der Betrieb lief weiter, ohne dass die Digitalisierung effektiv vorangebracht und die Schwächsten mitgenommen wurden.

Nun sind Lockerungen der Kontaktbeschränkungen und Öffnungen von Geschäften, Museen und Zoo geplant, ohne dass schon viele Menschen geimpft oder Schnelltests in Massen vorhanden sind.

Beim Impfen blamiert sich Deutschland bis auf die Knochen

Deutschland hat sich mit seiner Impfstrategie bis auf die Knochen blamiert. Zunächst zu wenig Impfdosen, viel zu komplizierte Impftermine für alte Menschen, permanent besetzte Hotlines und Astrazeneca-Impfstoff als Ladenhüter. Obendrein leere Versprechungen zu Schnelltests und Selbsttests.

Für Schüler, Lehrer und Beschäftigte soll es nun einen kostenloser Schnelltest pro Woche geben. Einen. Das soll Sicherheit geben?

Man kann es nicht glauben, dass ein Land wie Deutschland nicht schon vor Monaten diese Tests in ausreichendem Maße produziert hat. Überhaupt hat man den Eindruck, dass etwas faul ist in diesem Staat: zu langsam, zu bürokratisch, zu müde. Das hat nichts mit Corona zu tun. Die Pandemie legt nur auch hier die Lupe auf.

Auch Merkel hat in dieser Pandemie Schaden genommen. Vor einem Jahr vermochte sie es, mit einem einzigen Satz in einer TV-Ansprache die Nation zusammenzuhalten: „Nehmen Sie es ernst.” In der Ministerpräsidentenkonferenz vor drei Wochen hatte sie noch ihr Credo für Lockerungen bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner auf 35 verschärft.

Notbremse: dritter Lockdown

Begründet hat sie diese Werte immer damit, dass die Gesundheitsämter sonst die Kontakte der Infizierten nicht nachvollziehen und dadurch die nächsten Ansteckungen nicht verhindern könnten. Nun konnte sie sich in den Verhandlungen sogar mit einem 100er-Inzidenzwert anfreunden, damit Geschäfte, Museen oder Zoos mit Terminbuchung und viel Platz für einzelne Besucher öffnen können.

In Ländern, Landkreisen und Kommunen wird die Not durch die Schließungen von Schulen, Läden, Kulturstätten und Sporteinrichtungen längst größer eingeschätzt als die Not von Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung oder von Kliniken bei dem Überlebenskampf und der Rehabilitation von Corona-Patienten.

Viele Bürgerinnen und Bürger empfinden das genauso. Nur nicht jene, die Corona bekommen haben und auf der Intensivstation liegen oder an Langzeitfolgen leiden, obwohl sie einen milden Krankheitsverlauf hatten.

Für den Fall, dass bisherige Erfolge durch die neue Strategie zunichtegemacht werden, haben Merkel und die Ministerpräsidenten eine Notbremse eingebaut: alles wieder auf Anfang, neuer Lockdown. Das würde die Menschen vollends demoralisieren.

Diesmal hat Merkel es nicht geschafft

Merkel hat sich so oft mit dem Appell durchgesetzt, man müsse nur noch ein paar Wochen durchhalten. Die Schnelltests sind angeblich im April ausreichend vorhanden, und dann ist die Impfquote höher. Auch die wärmere Jahreszeit würde helfen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Ein paar Wochen noch. Diesmal hat Merkel es nicht geschafft.

So wird es zu Lockerungen ohne Sicherheitsgefühl kommen. Bleibt die Hoffnung, dass die Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit einfach weitermacht wie bisher: Alles dafür zu tun, Corona nicht zu bekommen.

Von Kristina Dunz/RND