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Der Gerechte ist der Klügere

Es gibt wahrscheinlich kaum einen Begriff, der in den aktuellen Diskussionen um die Bewältigung der Pandemie und den Umgang mit dem Impfen so häufig gebracht wird wie der der Gerechtigkeit.

Aber was heißt Gerechtigkeit? In Hinblick auf das Impfen erleben wir gegenwärtig, dass das keineswegs klar ist. In der Bibel wird Gerechtigkeit in maßgeblichen Traditionen eng mit der „vorrangigen Option für die Armen und Verletzlichen“ verknüpft. Aber leuchtet das auch Menschen ein, die sich bei ihrem Verständnis von Gerechtigkeit nicht zuallererst von der Bibel, sondern zunächst einfach von ihrem gesunden Menschenverstand leiten lassen?

Die Philosophie der Politik

Dass diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet werden kann und muss, dafür steht ein Mann, der den Begriff der Gerechtigkeit wie kein anderer in der modernen Sozialphilosophie geprägt hat. Der US-amerikanische Philosoph John Rawls wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Sein berühmtestes Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ist zum Klassiker der modernen Philosophie geworden. „Es ist eine Quelle anregendster Gedanken, die zu einem wunderschönen Ganzen zusammengefügt sind. Die Philosophie der Politik muss von nun an im Rahmen der Rawls’schen Theorie arbeiten oder aber erklären, warum sie es nicht tut.“ Dass diese Worte von Robert Nozick, einem der größten Antagonisten der Rawls’schen Gerechtigkeitstheorie stammen, zeigt die erstaunliche Anerkennung, die auch die schärfsten Kritiker dieser Theorie entgegenbringen.

Es lohnt sich also, in unseren heutigen Diskussionen um Gerechtigkeit seine Grundgedanken noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Sie fußen auf einem einfachen Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, wir säßen jetzt zusammen und würden darüber beraten, wie wir in einem Staatswesen Macht, Einkommen und Wohlstand unter uns verteilen wollten. Wir kennen uns gut aus mit den Dingen des Lebens, wir wissen etwas über Wirtschaft, wir wissen etwas über die üblichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen der Menschen. Eines aber wissen wir nicht: Wir wissen nicht, welche Rolle wir in diesem Staatswesen einmal genau haben werden. Wir stehen unter einem „Schleier des Nichtwissens“, der uns für die Zeit der Beratung das Wissen darüber verdunkelt hat, ob wir ein Fabrikbesitzer sind oder ob wir zu den Menschen gehören, die ohne Obdach sind oder keine Arbeit haben. Wir wissen also nicht, ob wir uns nach der Beratung, wenn der Schleier gelüftet wird, als einer der Wohlhabenden entpuppen oder als einer der Ärmsten. Welche Regeln für die Gesellschaft würden wir uns unter diesen Umständen – Rawls nennt sie Urzustand – ausdenken?

Der Grundsatz der gleichen Freiheiten

Die Antwort, die Rawls gibt, ist folgende: Die Menschen würden sich für zwei Gerechtigkeitsgrundsätze entscheiden. Der erste Grundsatz ist der Grundsatz der gleichen Freiheiten. Es leuchtet ein, dass die Menschen im Urzustand etwa die Religionsfreiheit vorsehen würden. Denn die Aussicht, als Angehöriger einer bestimmten Religion aushalten zu müssen, dass Menschen mit abweichenden religiösen Überzeugungen nach der Lüftung des Schleiers des Nichtwissens ihre Religion ebenfalls leben können, ist weitaus unproblematischer als die Aussicht, selbst einer Minderheitenreligion anzugehören und sie nicht leben zu dürfen.

Als zweites Prinzip würden die Menschen – so Rawls – das Unterschiedsprinzip wählen: Es besagt, dass Ungleichheiten in Macht und Wohlstand nur insoweit legitim sind, als die schwächsten Glieder die größtmöglichen Vorteile davon haben. Der Grund ist ganz einfach: Alle, die da unter dem Schleier des Nichtwissens zur Beratung zusammensitzen, wissen, dass sie sich möglicherweise als Obdachlose oder in anderer Form Arme entpuppen könnten, wenn sich der Schleier lüftet. Da dies eine ziemlich unangenehme Vorstellung ist, werden sie versuchen, die Regeln so zu gestalten, dass sie für diesen schlimmsten Fall ihre Situation so weit wie möglich verbessern können – zum Beispiel indem sie Arbeits­beschaffungs­programme für Arbeitslose ins Leben rufen, die aus der Besteuerung der Besserverdienenden bezahlt werden. Es könnte natürlich auch sein, dass sie sich als materiell besonders reich Gesegnete entpuppen und nun höhere Steuern hinnehmen müssen. Die Aussicht, als Reicher höhere Steuern hinnehmen zu müssen, ist aber ohne Zweifel weniger schlimm als umgekehrt die Aussicht, als Arbeitsloser seinem Schicksal überlassen zu werden. Unter Abwägung der verschiedenen Möglichkeiten ist es das Vernünftigste, die denkbar schlechteste Situation so weit wie möglich zu verbessern.

Die Menschen in dem hypothetischen Urzustand würden sich also allein aufgrund ihres gesunden Menschenverstandes dafür entscheiden, die Gerechtigkeitsregeln in dem Staatswesen, das sie entwerfen, so zu gestalten, dass sie gleiche Freiheiten genießen und die Ungleichheit auf ein Maß begrenzt wird, das auch den Schwächsten Vorteile bringt.

Die gerechte Verteilung eines knappen Guts

Rawls konnte 1971, als seine Gerechtigkeitstheorie erschien, nicht ahnen, dass es einmal das Impfen sein würde, an dem sich die Diskussionen um die gerechte Verteilung eines knappen Guts entzünden würden. Aber das Anregungspotenzial seines Gedanken­experiments des Urzustandes ist heute hochaktuell, da das knappe Gut eines Impfstoffs für manche über Leben oder Tod entscheiden kann.

Welche Impfprioritäten würden die Menschen im Urzustand wählen, wenn sie sich nach dem Lüften des Schleiers ebenso als hochaltriger Bewohner eines Pflegeheims entpuppen könnten wie als junge Mutter oder als Pflegekraft in einem Krankenhaus?

Es spricht vieles dafür, dass sich die Menschen im Urzustand für eine Priorisierung der Hochrisikogruppen entscheiden würden. Denn sie könnten nicht mit der Sorge leben, weitgehend schutzlos dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt zu sein. Sie könnten aber sehr wohl damit leben, bei deutlich geringerem Risiko noch etwas warten zu müssen. Gleich aus zwei Gründen würden die Pflegekräfte, die sich um sie kümmern, in die erste Priorisierungsgruppe kommen. Erstens, weil die Menschen im Urzustand wüssten, dass sie auf sie angewiesen wären, wenn sie sich als Bewohner des Heims entpuppten. Und zweitens, weil sie, sollten sie sich nach der Lüftung des Schleiers des Nichtwissens selbst als Pflegekräfte herausstellen, um ihre erhöhte Ansteckungsgefahr wüssten.

Impf­priorisierungen akzeptieren

Diese Überlegung, die in gleicher Weise auch in Hinblick auf die weiteren Priorisierungen angestellt werden könnte, zeigt: Es liegt im aufgeklärten Selbstinteresse aller Bürger und Bürgerinnen, Impfpriorisierungen zu akzeptieren, die besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen und diejenigen, auf die sie angewiesen sind, vorziehen. Der Vorrang für die Schwachen, der charakteristisch ist für religiöse Traditionen, geht hier einher mit den Überlegungen praktischer Vernunft. Für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft ist er von zentraler Bedeutung.

Die goldene Regel, die Jesus in seiner Bergpredigt aufstellt, deutet genau in die gleiche Richtung: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“ (Matthäus 7,12). Auch in der Frage der Impfgerechtigkeit ist also festzuhalten: Nicht der Egoismus, sondern die Einfühlung in die Situation der Schwächeren und besonders Verletzlichen ist am Ende die klügere Option. Sowohl für jeden Einzelnen als auch für das Gemeinwesen insgesamt. Insofern ist der biblische Satz aus dem Buch der Sprüche Salomos (14,34) ein ausgesprochen weiser Satz: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.“

Von Heinrich Bedford-Strohm/RND