„Gemeinsam in die Normalität“? Das Bild zeigt mutmaßlich einen großen Teil der Gesamtmenge von Corona-Selbsttests, die am ersten Verkaufstag am Samstag in den Handel kamen. Quelle: Fabian Strauch/dpa

Das gefährliche Spiel mit der Hoffnung

Bis Ostern sind es noch vier Wochen Zeit. Früher, also in der fernen Epoche vor 2020, hätten die Deutschen schon längst ihre Ferien geplant, Flüge und Hotels gebucht. Sie hätten sich bei Eltern und Großeltern angekündigt. Und auch die Sommerreisen wären schon längst gebucht. 2021 könnte nun das zweite Jahr in Folge ohne Familienbesuche zu Ostern werden. Weil längst nicht alle Seniorinnen und Senioren geimpft sind. Weil sich mit dem Schneckentempo bei der Schnellteststrategie das nächste Fiasko der Bundesregierung entwickelt. Weil mit den Lockerungen ab Montag auch das Risiko für einen Rückschlag steigt.

„Ich gehe davon aus, dass 2021 ein weiteres Covid-Jahr wird“, sagt der Europadirektor der Weltgesundheitsorganisation, Hans Kluge. Er warnt vor „Pandemiefrust“. Der Autor Sascha Lobo schrieb kürzlich von „Staatsversagen“ und der Gefahr, zum „Grollbürger“ zu werden. Grollbürger wüten nicht, sie stürmen nicht die Reichstagstreppe, sie sehen nur kein Licht mehr am Ende des Tunnels.

Das Jahr 2021 ist neuneinhalb Wochen alt. Am böllerfreien Silvester hofften die Leute, dass nach dem Winter „alles vorbei“ sein könnte. Politiker bestärkten sie in dieser Hoffnung, jetzt verwirren sie sie. Ab Montag darf in Schleswig-Holstein eingekauft werden, in Brandenburg öffnen Museen, und zugleich sagt Helge Braun im Berliner Kanzleramt, er sähe Reisen zu Ostern „sehr skeptisch“.

Hoffnung geben nicht mehr die gestrauchelte Krisenkanzlerin und ihr gescheiterter Multimanager Jens Spahn, Hoffnung bekommt man nur noch für 21,99 Euro im Fünferpack. „Gemeinsam einen Schritt in die Normalität“ lautet der Werbespruch eines Discounters, der Selbsttests auf seiner Website anpreist. Doch die Website bricht zusammen.

Im zweiten Corona-Frühling regelt es noch nicht einmal mehr der Markt. Es wird täglich schwerer, Hoffnung zu bewahren.

Von Jan Sternberg/RND