Zeit für Veränderung: Der Aufruf „Die Welt muss sich gendern“ auf einem Plakat am Weltfrauentag. Quelle: dpa

Es braucht den Frauentag nicht mehr

Ausgerechnet Alice Schwarzer, eine der bekanntesten Feministinnen Europas, hat es ausgesprochen. Es ist schließlich eine steile These. Kontrovers, und damit ein Garant für Aufmerksamkeit und eine Debatte.

In einer Videokolumne für die Zeitschrift „Emma“ fordert deren Herausgeberin und Mitgründerin die Abschaffung des Weltfrauentages. Die Frauenrechtlerin erklärte, statt „realer Gleichberechtigung“ setze der Frauentag, der seit 2019 in Berlin sogar ein Feiertag sei, lediglich auf eine „symbolische Schmeichelei“.

Was hat der Weltfrauentag wirklich gebracht?

Schwarzers These ist nicht neu, und ihre Ansichten sind im gegenwärtigen Feminismus längst nicht mehr prägend. Doch in diesem Punkt hat sie recht. Der Frauentag kann weg. Aktionstage können Anreize setzen und Aufmerksamkeit schaffen. Dauerhaft etwas bewirken können sie in den meisten Fällen nicht.

Insofern ist der Frauentag ähnlich verzichtbar wie der Händewaschtag. Denn mal ehrlich, waschen wir, angespornt durch dieses Kalenderereignis, wirklich häufiger unsere Hände? Verändert sich etwas, weil Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen am Frauentag freigeben? Leider nicht.

Der Weltfrauentag geht auf die Einführung des Frauenwahlrechts zurück. Es ist wichtig, daran zu erinnern. Im jährlichen Lauf des Kalenders aber verkommt der Tag zum Aufmerksamkeitstheater. Es ist ein Tag, an dem Frauen eine Stimme bekommen sollen. Wie seltsam das schon klingt. Als hätten sie sonst keine.

Die Frage muss lauten, was während des restlichen Jahres passiert. Ändert der Frauentag etwas daran, dass in manchen Unternehmen Männer immer nur Männer befördern? Dass in den Talkshows wieder kaum Frauen eingeladen sind? Dass Parteivorsitzende auf Parteitagen anzügliche Witze zulasten der weiblichen Mitglieder oder gar einer einzelnen Frau machen und dafür noch Beifall kriegen? Stoppt er den Hass gegen Frauen im Netz?

Leider nicht. Das Problem ist aber: Dem Frauentag wird noch immer eine solche Kraft unterstellt.

Doch Gleichstellung braucht keine Symbole – sondern endlich Realpolitik von allen beteiligten Volksvertretern. Sie ist komplizierter, als beim Händler um die Ecke einmal im Jahr einen Blumenstrauß zu kaufen, selbst wenn das in Teilen des Landes Tradition hat.

Gleichstellung bedeutet faire Arbeitsbedingungen für Hebammen, gleiche Bezahlung bei allen Geschlechtern und Kinderbetreuungseinrichtungen, bei denen „ganztags“ nicht die Zeit von 7 bis 14.30 Uhr meint.

Gleichstellung braucht eine Gesellschaft, in der es normal ist, dass sich Männer und Frauen die Betreuungs- und Pflegeaufgaben gleichberechtigt innerhalb der Familie teilen, und in der es selbstverständlich ist, dass Männer wie Frauen mehr als die durchschnittlichen zwei Monate Elternzeit nehmen.

Frauen werden im Übrigen nicht allein aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, auch wegen ihrer Herkunft, ihres sozialen Standes. Sie werden Opfer von Gewalt in der Familie und auf der Straße. Das trifft im Übrigen auf viele andere Angehörige der Gesellschaft zu, die ebenfalls durch Gesetze, aber auch das Miteinander im täglichen Leben diskriminiert werden: Transmenschen, Homosexuelle, Menschen mit Handicap, Menschen mit Migrationshintergrund.

Gleichstellung muss deshalb mehr als ein Symbol sein. Sie geht alle an, an jedem Tag im Jahr.

Von Dany Schrader/RND