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Die Presse kommentiert die Führungskrise der CDU. Quelle: Martin Gerten/dpa/imago/Sven Simon/Chris Emil Janßen/Montage RND

Auslandspresse zum CDU-Wahldesaster: Laschets Probleme könnten Söder den Weg ebnen

Berlin. Zu den Niederlagen der CDU in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schreibt die belgische Zeitung De Standaard:

„Bis vor Kurzem hatte das Tandem von CDU und CSU noch gehofft, am Sonntag Mut tanken zu können für die Bundestagswahlen Ende September. Dabei präsentiert sich die Union den Wählern erstmals seit 16 Jahren ohne ihre heutige Bundeskanzlerin, Stütze und Stimmenfängerin Angela Merkel, die sich aus der Politik zurückzieht. Doch die langsame Impfkampagne und die Skandale um Bereicherung und verdächtige Lobbytätigkeit ließen diese Hoffnung hinwegschmelzen. (...)

Die enttäuschenden Ergebnisse machen die sowieso schon bleierne Last auf den Schultern des neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet noch schwerer. Er ringt mit dem Ministerpräsidenten Bayerns und CSU-Vorsitzenden Markus Söder, um Merkel als Spitzenkandidat bei den Bundestagswahlen zu folgen. Nun müssen beide Männer einer wankenden Partei die Richtung weisen, während sie ihre Rivalität beilegen.“

Unzufriedenheit hat sich entladen

Die italienische Zeitung La Repubblica aus Rom meint: „Fast elf Millionen Wähler haben die Partei des „Maskenskandals“ und der Impfkampagnen-Katastrophe abgestraft: In der Heimat von Biontech wurden nur sieben Prozent der Wähler geimpft. Und über Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU und die Bundeskanzlerin entlädt sich eindeutig die Unzufriedenheit eines Landes, das von den längsten Schließungen auf dem Kontinent erschöpft ist.“

Söder wägt seine Optionen ab

Die niederländischen Zeitung de Volkskrant beobachtet: „Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl am 26. September strafen die Wähler die Partei für die schleppende deutsche Impfkampagne, ihre zunehmend orientierungslose Corona-Politik und für einen sich ausweitenden Skandal um Abgeordnete ab, die mit dem Handel von Schutzmasken das große Geld verdient haben sollen. (...)

Hinter den Kulissen wägt Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, seine Optionen ab. Der CSU-Politiker hat sich nie offiziell als Kanzlerkandidat gemeldet, aber dass er Ambitionen hat, ist ein offenes Geheimnis. Vieles wird von der Entwicklung im Maskenskandal abhängen, der wahrscheinlich größer ist, als bislang bekannt ist. (...) Sollte der Skandal für die Partei aus dem Ruder laufen, könnte Söder dankend ablehnen. Er würde seine angenehme Position als Bayerns populärer Ministerpräsident nicht aufgeben, um ein totes Pferd zu reiten.“

CDU-Dominanz könnte sich abschwächen

Die Londoner Times findet: „Die Abfuhren an den Wahlurnen deuten darauf hin, dass die Dominanz, die die CDU seit Beginn der Pandemie genossen hat, nach einem Schmiergeldskandal und wachsender Unzufriedenheit mit dem Umgang mit der Corona-Krise schwächer werden könnte. Das dürfte den politischen Druck auf Armin Laschet erhöhen, den neuen Vorsitzenden der Partei, der hofft, Merkel im September abzulösen. Laschets Schwierigkeiten könnten seinem Erzrivalen Markus Söder, dem bayerischen Ministerpräsidenten, den Weg für eine Kandidatur ebnen.“

Viel Vertrauen macht sich an der Kanzlerin fest

Der Zürcher Tages-Anzeiger kommentiert: „Einiges spricht dafür, dass die CDU bis zur Bundestagswahl im Herbst nicht mehr zur Dominanz des ersten Pandemiejahres zurückfinden wird. Viel Vertrauen in die Partei macht sich bis heute an der Kanzlerin fest, und die tritt bald ab. Wer ihr nachfolgt, ist völlig unklar - selbst, ob es überhaupt jemand aus CDU oder CSU sein wird. Regierungen ohne die Christdemokraten, sei es eine Ampel-Koalition mit Grünen, SPD und FDP oder ein Linksbündnis, sind jedenfalls nicht mehr gänzlich undenkbar. Der Wahlkampf der nächsten Monate dürfte spannender werden als erwartet.“

CDU-Chef ist geschwächt

Und Die Presse aus Wien meint: „Fast alles ist noch möglich in diesem Wahljahr in Deutschland. Bis auf einen SPD-Triumph. Den stärksten Rückenwind haben derzeit die Grünen, bis ins Kanzleramt wird er sie jedoch kaum tragen. Laschet hat immer noch die besten Karten, wenn er die Nerven behält, Söder still hält, keine neuen Skandale auftauchen und Deutschland bis September geimpft ist. Wenn, wenn, wenn. Der CDU-Chef ist geschwächt.“

RND/cle/dpa