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Ein ukrainischer Soldat geht im Dezember 2019 durch einen Schützengraben an der Front in der Region Donezk, Ostukraine. Die von der Ukraine abtrünnigen Gebiete Donezk und Luhansk sind nie richtig zur Ruhe gekommen. Quelle: Vitali Komar/AP/dpa

Russische Truppen nahe Ukraine: Der Westen muss auf Deeskalation hinwirken

Berlin. Mit dem Osten der Ukraine verbindet sich die Idee des mittelalterlichen russischen Großreiches, der Kiewer Rus. Von ihr geht noch heute die Identität von Russland, Belarus (Weißrussland) und der Ukraine aus, zumal damit auch der Beginn der Christianisierung verbunden ist. In Kiew, der heutigen Hauptstadt der Ukraine, ließ sich der Großfürst Wladimir im Jahr 988 taufen.

Dieser kurze historische Exkurs soll keineswegs als Begründung für die massiven russischen Truppenbewegungen an der Ostgrenze zur Ukraine herhalten. Er ist eher als ein Aspekt im Hintergrund zu sehen, weshalb Russland sich mit der Westintegration der Ukraine partout nicht abfinden will. Es ist das Gefühl, nach der Beendigung des Kalten Krieges 1989/1990 über den Tisch gezogen worden zu sein. Motto: „Die Krim gehört zu uns, und eigentlich gehört auch die Ukraine zu uns.“

Es ist schwer zu sagen, ob der Truppenaufmarsch tatsächlich der Vorbereitung eines Militäreinsatzes dient oder ob Moskau nur testen will, wie weit die Solidarität des Westens geht, von der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag sprach. Fakt ist: Militärische Hilfe stellte er nicht in Aussicht, und ein Eingreifen der Nato gilt als ausgeschlossen, da die Ukraine nicht Bündnismitglied ist.

Seit sieben Jahren schwelt der Konflikt um die selbsternannten Ostrepubliken Donezk und Luhansk, die sich mit massiver russischer Unterstützung von der Ukraine abgespalten haben. Solange es diesen Krisenherd gibt, braucht Moskau die Westintegration der Ukraine nicht fürchten, denn unter diesen Umständen ist das Land nicht bündnisfähig.

Die EU, die Nato und auch die US-Regierung müssen jetzt trotzdem deeskalierend wirken. Es wäre fatal, wenn die Region in einen neuen Krieg schlittern würde, dessen Folgen – auch für den Westen – unabsehbar sind.

Von Jan Emendörfer/RND