Die ehemalige Linksfraktions­vorsitzende Sahra Wagenknecht. Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

Neues Buch von Sahra Wagenknecht sorgt schon vor Erscheinen für Ärger

Berlin. Offiziell erscheint das Buch erst am Mittwoch. Doch längst kursieren Versatzstücke in den digitalen Netzwerken – mit der Folge, dass sich in linken Kreisen wieder einmal Unverständnis breitmacht.

Der ehemalige Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger sagte dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND): „Wenn man für eine Partei kandidiert, dann muss es selbstverständlich sein, dass man die Grundpositionen dieser Partei vertritt und sie stärkt.“

Die Chefin des Berliner Landesverbandes, Katina Schubert, sagte dem RND, sie habe das Buch noch nicht gelesen, fügte aber hinzu: „Wenn stimmt, was berichtet wird, dann ist das außerhalb unseres Programms.“

Der Streit dreht sich erneut um die einstige Fraktions­vorsitzende Sahra Wagenknecht. Sie hat 345 Seiten vorgelegt mit dem Titel „Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt“. Eigentlich unterliegt das Buch einer Sperrfrist; sie endet am 14. April. Doch längst kursieren Passagen.

Seitenhieb gegen Riexinger

Da heißt es etwa: „Die Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu lenken, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheits­gesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein.“

Als Beispiel für solche „Marotten“ nennt Wagenknecht sexuelle Orientierung, Hautfarbe und Ethnie. Arme heterosexuelle weiße Menschen würden den Opferstatus nicht erhalten.

An anderer Stelle führt sie aus, dass Löhne „in vielen Branchen um bis zu 20 Prozent sanken (…) war allein wegen der hohen Migration nach Deutschland möglich“. Riexinger bezeichnet Wagenknecht als den damaligen Vorsitzenden „einer deutschen linken Partei, dessen Name heute zu Recht vergessen ist“.

Das alles könnte Konsequenzen haben.

Zunächst stellt der Landesverband Nordrhein-Westfalen am Wochenende seine Landesliste für die Bundestagswahl auf. Die im Saarland lebende Wagenknecht kandidiert in Düsseldorf-Süd und soll auf Platz eins der Liste gewählt werden.

Allerdings gab es schon bisher Gegenwind – und mit der Kölnerin Angela Bankert eine Gegenkandidatin. Manche Parteifreunde stoßen sich wie auch in anderen Landesverbänden an Wagenknechts als in Wahrheit rechts wahrgenommenen Positionen. Andere sagen, sie sei an Rhein und Ruhr zu wenig präsent. Dieser Gegenwind dürfte zunehmen.

Überdies sind die seit Ende Februar amtierenden neuen Vorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow jetzt der gleichen Herausforderung ausgesetzt wie ihre Vorgänger Katja Kipping und Bernd Riexinger: Sie müssen sich zu Wagenknecht und ihrem neuen Buch irgendwie verhalten, statt ihre eigene Agenda verfolgen zu können.

Das dürfte sich schon am Montag erweisen, wenn die beiden den überarbeiteten Entwurf des Wahlprogramms präsentieren wollen. Auch wird Wagenknecht mit ihrem Buch in den Talkshows präsent sein und dort das Bild der Linken prägen.

Zu guter Letzt steht die Frage im Raum, ob und wie sich die 51-Jährige ins Spitzenteam der Linken für die Bundestagswahl einbauen lässt. Diese Forderung hatte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte, erhoben. Denn andere in der Linken sagen nun, man müsse gegenüber Wagenknecht stattdessen einen letzten Schnitt setzen; „sonst hört das nie auf“.

„Nicht mehr tragbar“

Der Zorn ist jedenfalls unüberhörbar. Der Bundestags­abgeordnete Niema Movassat nennt das Buch „unerträglich“. Die Landtags­abgeordnete Henriette Quade aus Sachsen-Anhalt wirft Wagenknecht vor, „der Partei immer wieder in den Rücken zu fallen, aber sich als Opfer zu inszenieren“. Die Linksjugend in Oberhausen ließ wissen, Wagenknecht sei nach den jüngsten Aussagen „nicht mehr tragbar“.

Wagenknecht selbst sagte dem RND: „Man kann inhaltlich unterschiedlicher Meinung sein. Es ist auch das Recht jedes Mitglieds der Linken, meine Wiederaufstellung verhindern zu wollen. Aber diese Form der innerparteilichen Auseinandersetzung mit verzerrten, unvollständigen, teilweise offen verfälschten und aus dem Kontext gerissenen Zitaten ist zutiefst unanständig.“

Von Markus Decker/RND