Frank Plasberg, Gastgeber von „Hart aber fair“, sprach am Montagabend mit seinen Gästen über die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien. Quelle: ARD Das Erste/WDR/Stephan Pick/o

Politologe bei „Hart aber fair“: „Söders letzte Karte sind Laschets eklatant schlechte Werte“

Berlin. In fünfeinhalb Monaten wählt Deutschland einen neuen Bundestag und damit auch eine neue Bundeskanzlerin oder einen neuen Bundeskanzler. Nachdem Markus Söder am Sonntag erstmals öffentlich Anspruch auf eine Kanzlerkandidatur der CDU/CSU-Fraktion erhoben hat, entschied die ARD, das Thema der am Montagabend laufenden Talkshow „Hart aber fair“ kurzfristig zu ändern und neue Gäste einzuladen.

Das Thema

Frank Plasbergs Gäste diskutierten am Montag anstatt über Corona-Maßnahmen über die Rivalität Armin Laschets (CDU) und Markus Söders (CSU) im Rennen um die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien – und deren Konsequenz. „Wie erfolgreich kann ein Kandidat sein, dessen Kür schon so ruppig abläuft?“, fragte Gastgeber Plasberg zu Beginn der Sendung.

Laschet und Söder hatten monatelang miteinander konkurriert, ohne offiziell die Kanzlerkandidatur zu beanspruchen. Laschet hatte an seinem Ziel, CDU/CSU-Kanzlerkandidat zu werden, nie einen Zweifel gelassen. Söder hatte dagegen immer wieder betont, sein Platz sei in Bayern. Bis vergangenen Sonntag. Im Vorfeld der Sendung hatte sich das CDU-Präsidium klar für Armin Laschet als Kanzlerkandidat ausgesprochen, das CSU-Präsidium einstimmig für Markus Söder.

Die Gäste

Mitglied des CDU-Bundesvorstands und NRW-Innenminister Herbert Reul macht relativ zu Beginn der Sendung klar, wen er für den besseren Kandidaten hält: Armin Laschet. Manche seiner wohlmeinenden Sätze über Laschet klingen dabei fast wie eine Beleidigung: „Alle, die ihn kennen, wissen, dass er so ist, wie er redet – vielleicht ist das auch seine Schwäche.“ Reul will keinen Disput in der Union, keine Debatte, keine Mitgliederbefragung und erst recht keine Abstimmung. Was er will: Laschet als CDU/CSU-Kanzlerkandidat. „Mir passt das nicht, ich weiß auch nicht, was das soll“ sagt er über Söders Versuch, noch Kanzlerkandidat zu werden und dessen Pläne, vor die Parteibasis zu treten. Reul warnte davor, mit dieser offenen Auseinandersetzung zwischen den Unionsparteien Wählerinnen und Wähler zu verschrecken.

Für Politikwissenschaftler und Publizist Albrecht von Lucke ist Söder die bessere Wahl, weil er, zumindest im Volk, beliebter sei. Man müsse dem Söder schon lassen, dass er ein Jahr lang wie ein Berserker ein politisches Profil aufgebaut habe, sagt von Lucke anerkennend. Laschet dagegen sei blass geblieben. „Man stelle sich vor, beide wären in der gleichen Partei, Söder wäre der klar bessere Kandidat, kein Zweifel“. Beiden Kandidaten wirft er „absolutes Führungsversagen“ vor – sie hätten es vorher zu zweit klären sollen, wer der Kandidat wird, sagt von Lucke, der glaubt, dass es trotzdem schwierig für den bayrischen Ministerpräsidenten wird. „Söders letzte Karte sind Laschets eklatant schlechte Werte.“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sitzt Montag meist betont gut gelaunt in der Runde. Er bietet der Union zu Beginn Hilfe in Sachen Mitgliederbefragung und kritisiert den Zeitpunkt der Auseinandersetzung. „Diese Woche ist eine der wichtigsten überhaupt, das Infektionsschutzgesetz ist Thema in allen Parteien, nur eine Fraktion dreht sich um sich selbst und Personalfragen.“ Dass auch er nicht nur gekommen ist, um über Sachpolitik zu sprechen, zeigt sich später: Rund 50 Minuten muss Klingbeil warten, bis er das Wort „Maskenaffäre“ doch noch einwerfen kann.

FDP-Außenpolitiker und stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender Alexander Graf Lambsdorff plant schon für die Zeit nach Corona. Er sucht einen Koalitionspartner und Kanzler mit Führungskraft und -persönlichkeit, so der FDP-Politiker. Lambsdorff erwartet, dass die Union sich für Laschet entscheidet und scheint damit kein Problem zu haben. „Damit Söder Kanzlerkandidat wird, müsste es zu einer Revolution kommen“. Das Verhalten des bayerischen Ministerpräsidenten bezeichnet er als „krass“ und attestiert ihm eine populistische Vorgehensweise.

„Schmutzelei ist noch zu wenig, was da heute passiert ist, eine klare Kampfansage des CSU-Chefs, die die Union spalten kann“, sagt Journalistin Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin des RND-Hauptstadtstudios und prophezeit, dass „so eine Auseinandersetzung in dieser Zeit der Pandemie“ der Partei schaden werde. „Die Wähler haben andere Probleme, etwa wie sie ihr Kurzarbeitergeld bekommen – oder ob das Kind morgen noch in die Kita darf.“ Dunz‘ Versuch, die Diskussion über die beiden Konkurrenten von Parteipolitik auf Inhalte zu lenken, stößt an diesem Abend in einen resonanzleeren Raum. Die Gäste und Gastgeber Plasberg wollen über „die beiden aufeinander zu rasenden Züge“ (Zitat Klingbeil) reden.

CSU-Generalsekretär Markus Blume, zugeschaltet aus München, kommt als Letzter zu Wort und verlässt die Runde um 21.45 Uhr als Erster wieder. Er hat noch einen Anschlusstermin. In der Zwischenzeit wiederholt er das, was Markus Söder am Nachmittag schon angedeutet hat: „Es geht darum, dass wir als Union eine richtige Entscheidung treffen. Es ist doch nicht zu viel verlangt, zwei großen Volksparteien eine Woche Zeit zu geben, eine breit abgestützte Entscheidung zu treffen, die das Beste für die Union und Deutschland ist“, sagt Blume. Das Wort „hineinhorchen“ benutzt er gleich zweimal. Wo hinein ist für den CSU-Generalsekretär klar: in die „ganze breite Fraktion“ und nicht nur in den Vorstand.

Der witzigste Moment

Dieser spielt sich nicht im Studio ab, sondern auf den Straßen Münchens und Düsseldorfs. Es wird ein Clip eingespielt: Passantinnen und Passanten werden mit Fotos der beiden Unions-Kanzlerkandidatsanwärtern konfrontiert. Eine Reporterin hält einem älteren Herren in München ein Foto von Armin Laschet vor die Nase. „Hmm, anständiger Kerl“, sagt der Mann. Man ist sich nicht ganz sicher, ob ihm der freundliche Mann auf dem Foto etwas sagt. „Wäre der ein guter Kanzler?“, fragt die Reporterin. „Als Kanzler, hmm, gar nicht schlecht“, antwortet der Passant höflich. „Und Söder?“, fragt die Frau. „Besser!“, da ist sich der Mann sicher.

Der kurioseste Satz

„Wenn sich die Fraktion für Söder entscheidet, dann wird aus Armin Laschet die Saskia Esken der CDU, das kann doch keiner wollen“, Alexander Graf Lambsdorff (FDP) sorgt sich um den CDU-Vorsitzenden.

Der schönste Versprecher

Herbert Reul (CDU) liefert gleich die beiden schönsten Versprecher des Abends: Aus der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock wird Annalena Beerbaum und auf Plasbergs Frage, ob die Unionsparteien den Streit um die Kanzlerkandidatur gelöst bekommen werden, sagt Reul: „Ja, wir sind alles kluge und erwachsene Männer.“ Ob das nicht vielleicht das Problem sei, will Plasberg wissen.

Fazit

Es ist langsamer Wahlkampf in Deutschland. Lambsdorff (FDP) verspricht, in der Regierung gestalten zu wollen. SPD-Generalsekretär Klingbeil stichelt sofort: „Ach, dieses Mal wollt ihr also nicht weglaufen?“ und muss sich wiederum vonseiten der FDP, CDU und CSU immer wieder Seitenhiebe auf seine blassen Parteivorsitzenden Walter-Borjans und Esken gefallen lassen. Herbert Reul (CDU) nutzt den Abend, um seinen Landeschef Laschet zu unterstützen. Markus Blume (CSU) tut das Gleiche für Söder. Die spannendsten Fragen des Abends bleiben offen: Wie sehr wird diese Auseinandersetzung der Union im Wahlkampf schaden? Und wo muss Blume an einem Montagabend um 21.45 Uhr noch hin?

Von Nadine Wolter/RND