Symbol des Schreckens der Pandemie: Särge aus der Region Bergamo werden aus einem Militär-Lkw abgeladen und in ein Gebäude des Friedhofs von Cinisello Balsamo getragen. Quelle: Claudio Furlan/LaPresse/AP/dpa

„Da reicht die Vorstellung“: Warum wir keine Bilder des Schreckens brauchen

Hannover. Charlotte Klonk, geboren 1965, ist Professorin für Kunst und neue Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2017 erschien im S. Fischer Verlag ihr Buch „Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden“.

Frau Klonk, als Kunst- und Bildhistorikerin haben Sie sich damit beschäftigt, wie Terror mithilfe von Bildern Schrecken verbreitet. In der Pandemie liegen die Dinge anders: Es gibt kaum Bilder, die den Schrecken dieser Pandemie vermitteln. Fehlen uns die Fotos, um diese Katastrophe zu begreifen?

Das ist eine häufig geäußerte These. Aber ich hatte von Anfang an erhebliche Zweifel, dass sie in diesem Fall zutrifft.

Aber es gibt doch tatsächlich kaum Bilder, die das Leid vermitteln.

Das stimmt. Es ist bei Katastrophen typischerweise so, dass rasch Medienikonen entstehen, also Bilder, die die besondere Tragik der Situation schlagkräftig vor Augen führen und auf die man sich immer wieder bezieht. Auch zu Beginn der Pandemie gab es Bilder dieser Art. Das waren die Aufnahmen der Militärlaster, die die Toten aus Bergamo abtransportiert haben, dann noch die Kühllaster für die Leichen in New York, und wahrscheinlich auch die Bilder der erschöpften Ärzte und Krankenschwestern in Italien. Aber dabei blieb es dann auch, und mittlerweile ist klar, dass diese Bilder kaum für die allgemeine Erfahrung der Menschen während der Pandemie stehen können. Die Frage ist daher, warum Bilder immer wieder gefordert werden und was damit gezeigt werden könnte, was man anders nicht begreift.

Weil ein Ereignis, von dem es keine Bilder gibt, gemäß der Medientheorie gar nicht existiert?

Das stimmt im Kontext des Terrors, denn hier verbreitet sich erst über die Medien und die Berichterstattung der Schrecken, den die Attentäter im Sinn haben. Und wir übertragen, wenn wir Bilder fordern, auf die Schockerfahrung der Pandemie, die auf ganz andere Weise verstörend ist, etwas, das wir aus dem Bereich des Terrors kennen – und das dort das wichtigste Mittel der Täter ist. Bilder von Verheerungen sollen zunächst einmal das Ausmaß der Zerstörung vor Augen führen. Aber im Fall der Pandemie ist das Ausmaß schleichend und im alltäglichen Leben zu spüren, im direkten Umgang mit anderen Menschen, durch Einschränkungen, durch Erzählungen und durch Zahlen, die für sich sprechen.

Sie könnten auch das Leiden der Menschen zeigen.

Dass es diese Bilder nicht gibt, hat nun einmal mit unserer Kultur des Umgangs mit Tod und Krankheit zu tun: Wir sterben überwiegend in Krankenhäusern und Altenheimen, sodass der Tod in der Öffentlichkeit nicht präsent ist. Es kann diese einzigartigen Covid-19-Bilder also gar nicht geben. Auch die Aufnahmen aus den Intensivstationen sind in dieser Hinsicht wenig pandemiespezifisch. Im Grunde liegt hier ein Kategorienfehler vor. Die Forderung nach Bildern scheint mir daher in diesem Fall irreführend.

„Da reichte die Vorstellung“

Können sprachliche Bilder reale Bilder ersetzen?

Ich war zu Beginn der Pandemie Anfang März 2020 in England. Da hieß es, es gebe Pläne, dass der Hyde Park zum Friedhof werden müsse, weil man nicht wisse, wie man sonst später die vielen Toten begraben könne. Das war nur ein Gerücht, aber es führte einschlägig vor Augen, dass es sehr viele Tote geben könnte, dass man es mit einer Katastrophe zu tun hatte, die es unmöglich machen könnte, angemessen und würdevoll mit ihnen umzugehen. Da brauchte ich kein Bild, da reichte die Vorstellung.

Bei einem anderen Thema, der Flüchtlingskrise, hat ein einziges Bild – das des toten Jungen am türkischen Strand – wohl mehr Mitgefühl und Verständnis geweckt als tausend Erzählungen von Fluchtwegen und -gründen.

Ja, und auch die ikonischen Bilder von Geflüchteten, die bei ihrer Ankunft mit dem Zug beklatscht wurden. Aber diese Bilder brachten nur einen kurzen Moment des Mitgefühls zum Ausdruck. Dann kam schnell die Gewöhnung, der Alltag und damit der Rückschlag. Ein paar Monate später bröckelte die Hilfsbereitschaft schon wieder. Im Fall der Pandemie, in der es um einen Langstreckenlauf geht, ist mit einer solchen Aufmerksamkeitserzeugung von vorn herein wenig gewonnen.

„...der akzeptiert auch nicht das Bild als Beweis“

Vielleicht könnten Fotos des Leidens und Sterbens diejenigen irritieren, die die Gefahr durch das Virus leugnen.

Das ist eine wiederkehrende Forderung in jeder Bilddebatte. Doch wer etwas als gefälscht darstellen möchte, der akzeptiert auch das Bild nicht als Beweis. Im Science Museum in London gibt es mittlerweile einen ganzen Ausstellungsbereich, der die zahlreichen Thesen zur angeblichen Fälschung der Mondlandungsbilder vor Augen führt. Und für die Covid-19-Pandemie gibt es jetzt schon auf Flugblättern und in Internetforen Gegenbilder von leeren Krankenhausbetten und vereinsamten weinenden Kindern.

Von Thorsten Fuchs/RND