Hamburg: Robert Habeck (r), Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen, und Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, bei der Besichtigung des Energiebunkers in Hamburg-Wilhelmsburg. (Archivbild) Quelle: Christian Charisius/dpa

K-Frage der Grünen: Wo Baerbock punktet und wo Habeck glänzt

Berlin. Bei den Grünen steht eine Premiere an: Erstmals in ihrer gut 40-jährigen Geschichte treten sie bei der Bundestagswahl im September mit dem Anspruch an, das Kanzleramt zu erobern. Die beiden Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck haben sich zur Kanzlerkandidatur bereit erklärt.

Die sonst so diskussionsfreudige Partei hat es den beiden überlassen, die Frage zu entscheiden. Anders als bei der Union verlief der Prozess weitgehend geräuschlos, nicht einmal die Kriterien für die Entscheidung wurden kommuniziert. An diesem Montag soll nun die Personalie verkündet werden – eine Kandidatur Baerbocks gilt als wahrscheinlicher.

Vorab stellen die Grünen schon einmal klar: Bei einem „Spitzenduo“ soll es bleiben, auch wenn einer oder eine an die oberste Stelle rückt. Ein Überblick über die Profile der beiden Bewerber.

Biographie

Annalena Baerbock

Sie wolle „nicht die Frau an Roberts Seite“ sein, so hat Annalena Baerbock 2018 ihre Kandidatur für den Parteivorsitz eingeleitet. Sie setzte sich gegen die Kandidatin des linken Parteiflügels durch, obwohl sie wie Habeck dem Realo-Flügel zugerechnet wird. Seit vier Jahren war sie da Bundestagsabgeordnete und klimapolitische Sprecherin ihrer Fraktion, hatte für die Grünen die dann gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen mitgeführt.

Nach ihrem Parteieintritt 2005 arbeitete die Völkerrechtlerin mit einem Abschluss an der London School of Economics als Referentin einer Europaabgeordneten und dann im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion. 2009 wurde sie Vorsitzende des Landesverbandes Brandenburgs. Die Partei mit ihren Verästelungen kennt sie gut – sie war über Jahre Mitglied der Antragskommission, die die Parteitage vorbereitet.

Die 40jährige Niedersächsin, Mutter zweier Töchter im Grundschulalter, lebt mit ihrer Familie in Potsdam. Sie tritt bei der Bundestagswahl im selben Wahlkreis wie SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz an. In ihrer Jugend war Baerbock Leistungssportlerin. Ihre Disziplin: Trampolinspringen.

Robert Habeck

Schon bei der Wahl 2017 wollte Habeck als Spitzenkandidat der Grünen antreten, damals ging es noch nicht ums Kanzleramt. Die Partei entschied sich für Cem Özdemir. Es war eine Bremse für einen steilen Aufstieg, der den promovierten Philosophen vom Parteieintritt 2002 und dem gleich darauf folgenden Kreisvorsitz über den Landesvorsitz in Schleswig-Holstein ab 2004, den Fraktionsvorsitz im Landtag und ab 2012 in die Landesregierung in Kiel geführt hatte.

Sechs Jahre war er dort Umwelt- und Agrarminister und Vize-Regierungschef, in Koalitionen mit der SPD und der dänischen Minderheit zunächst, dann mit CDU und FDP. 2018 übernahm Habeck gemeinsam mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz seiner Partei.

Neben seinem Politikerleben schreibt der 51-Jährige, der vier erwachsene Söhne hat und nahe Flensburg wohnt, auch Bücher: Krimis, Sachbücher und Jugendbücher. Er hat auch englische Gedichte übersetzt. Sein jüngstes Kinderbuch, verfasst mit seiner Frau Andrea Paluch, trägt den Titel „Kleine Helden, große Abenteuer“.

Politische Position

Annalena Baerbock

Beide Parteichefs werden dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet, gelten aber als so gemäßigt, dass bislang auch der linke Flügel mit ihnen leben kann. Manchmal habe sogar der Realo-Flügel mehr zu schlucken gehabt, heißt es dort. Baerbock kümmert sich um Familien- und Bildungspolitik – in der aktuellen Corona-Lage hat sie immer wieder Konzepte für Schulunterricht und Kita-Betreuung eingefordert. Auch im Grünen-Kernthema Klimapolitik ist sie Fachfrau: In der Fraktion war sie über Jahre dafür zuständig. Als die Große Koalition mit den Ländern über den CO2-Preis verhandelte, war sie mit dabei. Gezielt positioniert hat sich Baerbock im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik, mit den Bereichen Auslandseinsätze, Rüstungsfragen und dem grundsätzlichen Verhältnis zur Bundeswehr – kein einfaches Thema für die Grünen. Baerbock fordert etwa mehr Investitionen in die Ausrüstung der Bundeswehr – bei gleichzeitiger effektiverer Verwendung der Mittel.

Robert Habeck

Parteichefs sind qua Amt für alle Themen zuständig, aber ein wenig Arbeitsteilung gibt es zwischen den beiden Parteichefs doch. Habeck hat seinen Fokus unter anderem auf Finanzthemen gelegt, inklusive der Positionierung im Wahlprogramm. Dort fordern die Grünen ein 50-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm für die Nach-Corona-Zeit, eine Reform der Schuldenbremse, höhere Steuern für Superreiche und mehr Engagement im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Neben dem Kanzleramt haben die Grünen auch das Finanzministerium als zentrale Schaltzentrale ins Auge genommen. Habeck ist auch einer der zentralen Köpfe hinter dem Grundsicherungskonzept, mit dem die Grünen Hartz IV ersetzen wollen. Als Landesminister in Schleswig-Holstein hat er sich um Umwelt-, Energie- und Landwirtschaftspolitik gekümmert, mitsamt der hochumkämpften Themen wie Windradbau, Umgang mit Wölfen, Tierhaltung in der Landwirtschaft und Fangquoten für Fischer.

Fähigkeiten und Schwächen

Annalena Baerbock

Präzise Fachkenntnis und Hartnäckigkeit, das fällt den meisten Grünen sofort zu Annalena Baerbock einfällt. Sehr genau arbeite sie sich in Themen ein und stimme sich eng mit Fachpolitikern ab. Deren Votum wäge sie ab, bilde sich aber auch eine eigene Meinung – und kommuniziere klar, wenn sie anders entscheide.

Regierungserfahrung hat Baerbock nicht, gilt aber als besser vernetzt in der Partei und wird dort vom Netzwerk der Frauen gestützt. Auch Baerbock verspricht sich mal in einem Liveinterview, aber sprachlos hat man sie, anders als Habeck, noch nicht erlebt.

Was auch eine Rolle spielen könnte: Mit einer Frau würden die Grünen einen Kontrapunkt zu den männlichen Kanzlerkandidaten von SPD und Union setzen.

Bei Umfragen, etwa von Forsa, zur Kanzlerfähigkeit lag Baerbock zuletzt vor Olaf Scholz von der SPD und dem möglichen Unions-Kandidat Armin Laschet. Bei der Frage nach verschiedenen Kompetenzen wie Problemlösungsfähigkeit, Dynamik und Innovationskraft fällt auf, dass beide Grünen-Chefs auf die nahezu gleichen Werte kommen.

Robert Habeck

Auf Teamarbeit setzen beide Grünen-Chefs. Habeck praktiziert das auch auf anderer Ebene: Viele seiner Bücher hat er gemeinsam mit seiner Frau geschrieben.

Als einstiger Landesminister hat er Regierungserfahrung. Er hat sich in dieser Funktion um Kompromisse und Ausgleich oft sehr gegensätzlichen Interessen bemüht: Der so genannte „Muschelfrieden“ zwischen Fischern und Naturschützern gilt als Beispiel.

Der Schleswig-Holsteiner wirkt kumpeliger als seine Co-Vorsitzende. Als ehemaliger Minister war er bekannter und galt zunächst als der neue Star der Grünen, mit höheren Beliebtheitswerten in Umfragen. Inzwischen hat sich das ausgeglichen.

Habeck scheut Inszenierungen nicht, von der Bierwerbungsoptik am Strand bis hin zum Haareschneiden auf der heimatlichen Terrasse im Corona-Lockdown. Nicht immer geht das gut: Für Kuschelfotos mit Pferden gab es viel Spott. Parteifreunde beschreiben ihn als impulsiv. In Talkshowauftritten hat er die ein oder andere inhaltliche Lücke offenbart.

Rhetorik

Annalena Baerbock

Sprache ist wichtig für Spitzenpolitiker: Es geht unter anderem um Präzision, Einprägsamkeit und Glaubwürdigkeit. Bei Baerbock stellt der Berliner Kommunikationstrainer Karsten Noack eine Entwicklung fest: Sie wirke „deutlich überlegter“ als noch vor ein paar Jahren. Auch die Schlagfertigkeit habe zugenommen.

Baerbock nutze viele Bildern. Mit Analogien, Metaphern oder anderen visuellen Sprachbilder spreche sie die Sinne der Zuhörer an. Manchmal wirke das dann aber auch inszeniert: Beim letzten Parteitag etwa habe Baerbock „regelrecht übervorbereitet“ gewirkt. Sie habe Worte betont, die sie vorher nie betont habe und Pausen an seltsamen Stellen gemacht.

Einen Nachteil könnte es bei der Stimme geben, findet Noack. „Eine Stimme, die gequält klingt, am Ende eines Satzes häufig nach oben geht oder wackelt, kann negative Gefühle übertragen und unsicher wirken“, sagt er. Parteimitglieder und Fans würden sich davon weniger abschrecken lassen als Menschen, die noch unentschlossen seien.

Robert Habeck

Der Grünen-Chef wirke beim Sprechen wie der „nette Nachbar von Nebenan“, stellt der Berliner Kommunikationstrainer Karsten Noack fest. Durch seine Stimme könne Habeck nachdenklich und vorsichtig herüberkommen. „Er wirkt aber auch oft als plaudere er“, sagt der Experte. Das ist nicht immer positiv: Es könne auch wirken, als ob er nicht auf den Punkt komme.

Es falle ins Auge, wenn ein Thema dem Co-Parteichef nicht zusage: „Das ist seine Schwachstelle. Da wird er ausschweifender, benutzt mehr Füllwörter und er will auf Teufel komm raus keine klare Aussage geben.“ Bei Lieblingsthemen dagegen setze Habeck gute Pausen, und strahle dadurch Souveränität aus. Zudem benutze der Co-Vorsitzende viele rhetorische Stilmittel wie Analogien, Metaphern. Er erzähle Geschichten aus der Vergangenheit und wirke so authentisch.

Ausgefeilte Formulierungen erkenne der Sprechcoach zwar nicht bei Habeck, das passe jedoch in dessen Bild. „Entweder er hat sie nicht parat oder nutzt sie nicht, um den Eindruck zu erwecken, jeder könne mit ihm reden“, so Noacks Theorie.

Körpersprache

Annalena Baerbock

In Baerbocks Gesten liegen ihre Stärken, lobt Kommunikationstrainer Noack. „Sie beherrscht viele positive Gesten: Sie zeigt zum Beispiel die Handflächen, was Offenheit ausstrahlt“, sagt er. Präzisionsgesten wie das mit Daumen und Zeigefinger geformte „Ok“ beobachtet Noack ebenfalls häufig bei Baerbock – ein weiterer Pluspunkt.

Bei Mimik und Körperhaltung gebe es dagegen Verbesserungspotenzial: „Ihre Mimik wirkt nahezu immer kontrolliert, es sei denn, ein Thema passt ihr nicht. Ist das der Fall, geht ihr Lächeln nach unten und sie wirkt angestrengt.“

Zudem sei ihr Stand in Schuhen mit höheren Absätzen wackelig. „Das vermittelt häufig eine Unsicherheit, die sie sicherlich nicht beabsichtigt“, sagt Noack. In der Kombination von Mimik und Stand wirke Baerbock „oft zu kalt und ablehnend“. Das könne ihr als berechnend ausgelegt werden und sei auch in einem Wahlkampf nicht optimal. Die Empfehlung das Experten: locker machen.

Robert Habeck

Ruhig und akzentuiert seien die Gesten Habecks, analysiert Kommunikationstrainer Karsten Noack. „Sie unterstreichen sein Auftreten und seine Rede.“ Zuweilen blieben seine Hände allerdings zu weit unten. „An geeigneten Stellen könnte er da auch emotionalere Gesten folgen lassen.“

Habecks Mimik sei deutlich lebhafter als die seiner Co-Vorsitzenden Baerbock. Er blicke auch mal etwas spitzbübisch. „Das kommt glaubwürdig und sympathisch herüber.“

Vor Kameras stehe Habeck oft hüftbreit. Das wirke souverän und stabil. Es werde deutlich: „Er möchte möglichst alle Menschen ansprechen. Es ist ihm auch wichtig, breit aufgestellt zu sein.“

Ganz entspannt allerdings sei Habeck dabei offenbar nicht. Die Lockerheit, die er in Interviews zeige, könnte er auch auf seine Körperhaltung bei Reden übertragen, sagt der Experte.

Auffällig sei, dass Habeck eine besonders für Kampfeslust stehende Geste nun deutlich seltener verwende als noch zu Ministerzeiten in Schleswig-Holstein: Er schüttelt weniger seine Fäuste.

Von Daniela Vates, Lisa-Marie Pohlmann/RND