Geht für die Grünen als Kanzlerkandidatin ins Rennen: Annalena Baerbock. Quelle: imago images/Christian Thiel

Grüner Politologe über Baerbock: „Man wird jetzt genauer hingucken“

Berlin. Herr Kleinert, Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin der Grünen. Ist das die richtige Wahl?

Das wird sich noch herausstellen. Überraschend ist die Entscheidung ja nicht gekommen. Ich höre geradezu euphorische Bewertungen, im WDR gab es eben eine regelrechte Lobeshymne. Was aus den Vorschusslorbeeren wird, wird sich zeigen.

Das klingt eher skeptisch.

Skeptisch zu sein, gehört zu meinem Beruf. Ich bin nicht dazu da, Euphorie zu verbreiten. Gemessen an der Union wirken die Grünen zwar im Moment sehr professionell. Das hat sich grotesk umgekehrt. Niemand weiß aber, wie es mit Corona weitergeht. Das wird einen Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl haben. Die Grünen waren im Übrigen schon öfter Umfrageweltmeister. Ich bin mir nicht sicher, ob der Höhenflug anhält. Und selbst wenn sie ihr mit 10,7 Prozent bisher bestes Ergebnis verdoppeln könnten, dann wären sie immer noch nicht stärkste Partei. Offen ist auch, wie weit die Grünen in die Mitte ziehen. Political Overcorrectness jedenfalls verträgt sich damit nicht. Sie geht an der Mehrheit vorbei. Da müssen die Grünen aufpassen, da liegt Konfliktpotenzial. Sicher ist: Möglich scheint derzeit vieles.

Wie finden Sie Baerbock persönlich? Ihr grüner Generationsgenosse Daniel Cohn-Bendit hat zuletzt für Robert Habeck plädiert.

Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt: Robert Habeck muss es machen, alles andere ist Quatsch. Jetzt macht Baerbock auf mich einen sehr forschen und dynamischen Eindruck. Dabei ist sie in der Regel sympathisch, auch soll sie fachlich kompetent sein. Manchmal fand ich Baerbock zwar ein bisschen belehrend. Sie ist jedoch zweifellos eine Sympathieträgerin, gerade für Frauen. Das ist schon was.

Warum ist Habeck nicht Kandidat geworden?

Habeck hat die eine oder andere fachpolitische Schwäche gezeigt. Und er hat es manchmal übertrieben mit seiner Selbstdarstellung bei Social Media. Baerbock wird zunächst eine gute Presse haben. Aber man wird jetzt auch genauer hingucken. Fest steht: Es gibt bei einer Bundestagswahl das erste Mal drei Bewerber für das Kanzleramt. Es gibt keine Titelverteidigerin. Und die Union ist konfus. Das hatten wir alles noch nicht.

Haben Frauen in akademischen Milieus jetzt die Nase vorn?

Bei den Grünen steht das im Statut. Wenn Habeck in der öffentlichen Wahrnehmung weit vorn gelegen hätte, dann hätte Baerbock zwar wahrscheinlich verzichtet. Aber so war’s ja nicht.

Wie erklären Sie sich den Wandel der politischen Kultur: die Union als Chaostruppe hier, die Grünen als Stabilitätsanker aus Beton dort?

Die Grünen sind nicht in der Regierung. Sie bieten derzeit wenig Angriffsfläche und haben mit der Klimapolitik noch dazu ein moralisch hochstehendes Thema. Außerdem haben sie einen gewaltigen Professionalisierungsschub hingelegt und erstmals eine richtige Führung. Den jüngeren Leuten fehlt schließlich dieses ideologische Kampfbedürfnis, dieses: „Wir müssen unbedingt links sein.“ Ich glaube, das ist der Grund.

Von Markus Decker/RND