Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Laschets Kampf dauerte sechseinhalb Stunden – ein Protokoll aus der entscheidenden Nacht

Berlin. Auch seine schärfsten Kritiker bescheinigen Laschet „Steher-Qualitäten“. In einer denkwürdigen sechseinhalb stündigen Sitzung des CDU-Vorstands drückte der Mann aus NRW sich selbst als Kanzlerkandidat der Union durch. Er erzwang auch gegen Bedenken seiner Befürworter ein Votum für sich. Das Protokoll einer Sitzung, an die man sich wahrscheinlich auch noch am Abend der Bundestagswahl am 26. September erinnern wird:

18 Uhr

Armin Laschet sitzt in der Berliner Parteizentrale der CDU. Generalsekretär Paul Ziemiak ist bei ihm. Ein Vorstandsmitglied nach dem anderen erscheint auf dem großen Bildschirm. Es sind mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 46 von ihnen sind stimmberechtigt, die übrigen nur beratend. Donnerndes Schweigen aus München: CSU-Chef Markus Söder hat die Einladung Laschets, an der Sitzung teilzunehmen, nicht angenommen. Mit der zu erwartenden Entscheidung will er nicht in Verbindung gebracht werden.

18.05 Uhr

Die Söder-Fans haben aber im Vorfeld Stimmung gemacht. So warnte der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand der Unionsfraktion, Christian von Stetten, vor „politischem Selbstmord“. Gemeint ist damit ein Votum für Laschet. In der Schalt-Konferenz weht der Wind aber für den CDU-Chef.

18.20 Uhr

Laschet ergreift das Wort. Er setzt zum Finale an, um sich nach mehr als einer Woche zermürbenden Machtkampfs die Kandidatur zu sichern. „Es geht um die besten Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen. Und ich bin bereit, für uns die Kandidatur zu übernehmen“, sagt er. Dann ermuntert er Freund und Gegner, offen ihre Meinung zu sagen. Auch die beratenden Vorstandsmitglieder sollen mitreden. Manchem fällt das schwer, weil man weiß, dass jedes Wort nach draußen an Journalisten dringt und über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wird. Laschet aber will den Vorstand zu dem Gremium machen, dass auch die Stimmung der Basis transportiert.

Laschet drückt aber aber aufs Tempo für eine Klärung des Machtkampfs: „Heute ist der Tag der Entscheidung“, sagt er. Da fragen sich manche Vorstandsmitglieder, was Laschet am Vormittag damit gemeint haben könnte, als er ankündigte, er werde einen Vorschlag machen, wie die Union schnell zu einer Lösung komme. Die Kritik lautete ja in der CDU gerade, dass der Vorstand eine breitere Basis für die Entscheidung suchen müsse. Vorstöße von Söder-Unterstützern wie vom Berliner CDU-Kandidaten Kai Wegner, etwa eine Kreisvorsitzendenkonferenz einzuberufen, schlagen fehl.

19 Uhr

Laschet betont, die Gespräche mit CSU-Chef Markus Söder seien sehr gut gewesen. Daran haben etliche Zuhörer Zweifel, denn sonst hätte es ja die versprochene einvernehmliche Lösung bis Sonntag gegeben. Laschet nennt es ein „wichtiges Signal“ von Söder, dass er am Nachmittag erklärt hatte, er werde das Votum des CDU-Bundesvorstands akzeptieren. Schon da wissen alle, wie Söders Botschaft lautet: Lieber CDU-Vorstand, es liegt ganz in Deiner persönlichen Verantwortung, wenn die Bundestagswahl verloren geht. CSU und CDU-Basis hätten es anders gewollt.

19.15 Uhr

Ein erstes Meinungsbild steht: Nicht überraschend fällt es gemischt aus. JU-Chef Tilman Kuban erzählt, was er tags zuvor schon in etlichen Interviews gesagt hat: 14 von 18 Landesverbänden der JU sind für Söder als Kanzlerkandidat. Die Granden aus NRW CDA-Chef Karl-Josef Laumann und Hermann Gröhe stützen Laschet offensiv. Dann drängen auch die ersten Laschet Unterstützer wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther auf eine Entscheidung an diesem Abend. „Der Parteivorsitzende ist ein hervorragender Kanzlerkandidat für uns“, sagt Günther.

Und: „Armin Laschet strahlt das aus, was wir in diesen Zeiten brauchen.“ Man brauche eben einen langen Atem. Der Bundesvorstand habe sich vor einer Woche aus guten Gründen für Laschet ausgesprochen. Das müsse gelten. Die Laschet-Unterstützer wissen: Jede Stunde ohne Entscheidung könnte am Ende doch noch Söder zur Kandidatur verhelfen. Norbert Röttgen, bei der CDU-Vorsitzendenwahl im Januar Laschet unterlegen, bemüht sich, die Entscheidung zu verschieben. Er gilt als Söder-Unterstützer.

19.30 Uhr

Ausgerechnet Laschets Vorgängerin als Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer ergreift das Wort für den CDU-Vorsitzenden. Auch sie drängt auf eine schnelle Entscheidung. Sie spricht von einem ruinösen Wettbewerb. Vor dem Hintergrund, dass Laschet ihr während ihrer Zeit als Parteichefin mehrfach übel mitgespielt hat, ist das bemerkenswert. Sie sagt, der Bundesvorstand müsse seine Verantwortung wahrnehmen. Die Menschen erwarteten, dass sich die CDU nun entscheide. Sie plädiert klar für Laschet. Er sei als Parteivorsitzender der richtige Kanzlerkandidat. Kramp-Karrenbauers Nachfolger als Ministerpräsident im Saarland ist für Söder.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner berichtet aus ihrem Verband Rheinland-Pfalz, dass es ein eindeutiges Meinungsbild für Söder gebe. Die CDU-Mitglieder hätten sich aber klar für Laschet als CDU-Chef ausgesprochen. Das bedeute so viel wie: Laschet müsse nicht zurücktreten, wenn er Söder den Vortritt lasse. Das sehen allerdings viele in der Partei anders. Etwa Urgestein Wolfgang Schäuble. Er habe eine „Atombombe“ mit seiner Warnung gezündet, dass der ganze Vorstand und Laschet sowieso ins Wanken gerate, wenn Söder es werde.

20 Uhr

Es stehen noch 40 Wortmeldungen auf der Liste. Eine ursprünglich für 20 Uhr geplante Pressekonferenz von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak wird gar nicht erst angekündigt. Es geht hin und her. Laschet sagt noch einmal: „Wir sollten heute entscheiden, wie wir es uns am Anfang vorgenommen haben.“

Dann eine überraschende Wendung: Ausgerechnet der brave Parteisoldat Peter Altmaier durchkreuzt Laschets Pläne. Er fordert, die Basis zur K-Frage anzuhören. Nun melden sich auch die CDU-Chefs aus dem Osten zu Wort und berichten von der Stimmung an der Basis, die in vielen Regionen dort eindeutig pro Söder ist. So schildert es zum Beispiel Reiner Haseloff, der im Juni eine Landtagswahl bestreiten muss und sich schon am Wochenende für den CSU-Chef als Kanzlerkandidat ausgesprochen hatte. Der Thüringer Landeschef Christian Hirte schließt sich Haseloff an. Dagegen hält der Brandenburger Fraktionschef Jan Redmann, der die Botschaft setzen möchte, dass der Osten keineswegs geschlossen für Söder sei.

20.30 Uhr

Die Wortmeldungen der Ost-Landesverbände ziehen sich. Der frühere thüringische Landeschef Mohring deckt Laschet den Rücken. Aus Sachsen-Anhalt wiederum kommt die Forderung nach einem „großen Forum“, in dem die K-Frage besprochen werden soll.

21 Uhr

Dann erheben wieder die Laschet-Befürworter ihre Stimme. Als mutig empfinden einige, dass nun der CDU-Chef aus Baden-Württemberg für Laschet spricht. Sein Landesverband hat noch nie viel von Laschet gehalten. Sie wollten Friedrich Merz als Parteichef und nun Söder als Kanzlerkandidat. Die Integrationsstaatssekretärin aus NRW Serap Güler macht seit Tagen auf Twitter und in TV-Sendungen Werbung für Laschet. Sie pocht darauf, dass der Vorstand das entscheidende Gremium in der K-Frage sein muss.

21.30 Uhr

Die inhaltlichen Argumente sind ausgetauscht. Die Vorstandssitzung wird zur Machtprobe. Entscheidet man an diesem Abend? Dann dürfte es Laschet werden. Wird die Abstimmung vertagt? Dann hat Söder wieder eine Chance. Nun debattiert die CDU-Führung darüber, ob nicht doch die Kreisvorsitzenden entscheiden sollen. Es dringt Widersprüchliches nach draußen. Laschet beeilt sich, erneut klarzustellen, dass eine Entscheidung „heute“ fallen werde.

22 Uhr

Beim Kurznachrichtendienst Twitter verfolgt die interessierte Öffentlichkeit alle Wortmeldungen, die nach draußen dringen. Und es sind viele. „Was für ein groteskes Schauspiel“ empört sich einer, der nicht dabei ist.

23 Uhr

Wolfgang Schäuble ergreift das Wort. Er sitzt seit 1972 im Bundestag und hat alle Zerwürfnisse zwischen CDU und CSU miterlebt. Egal, wie er zu Laschet steht, er weiß, dass es in dieser Frage auch um die Existenz der CDU als Volkspartei geht. Er will die Entscheidung in dieser Sitzung. Nun lenkt Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus ein. Er relativiert die Fraktionssitzung der vergangenen Woche und betont man habe ein Meinungsbild eingeholt, sich aber nicht gegen Laschet gestellt. Dann spricht noch einmal Volker Bouffier, der viel Autorität in der Partei genießt. Er will Laschet. Aber auch er weiß über die Stimmung an der Basis Bescheid.

23.30 Uhr

Es ist klar, dass es nun zu einer Abstimmung kommen soll. Doch die Sitzung ist genauso schlecht vorbereitet wie das ganze Verfahren für die Kanzlerkandidatur der Union. Es kommt zum Streit. Laschet-Anhänger werfen den Söder-Befürwortern vor, mit einem Geschäftsordnungstrick die Abstimmung verhinder zu wollen. Es wird absurd: Es ist unklar, wer nun eigentlich abstimmen soll.

0 Uhr

Es gibt eine Pause, in der technische Fragen geklärt werden sollen. Das Adenauerhaus muss feststellen, dass es in Sachen Digitalisierung nicht auf dem neuesten Stand ist. „Es geht alles schief“, jammert Schäuble gleich zweimal.

0.20 Uhr

Die Abstimmung beginnen. Erst muss Konsens darüber hergestellt werden, dass der CDU-Vorstand nun die Entscheidung trifft und nicht Kreisverbände. Danach steht endlich die Frage Söder oder Laschet zur Abstimmung.

0.50 Uhr

Die Entscheidung ist gefallen: 31 Stimmen für Laschet, neun für Markus Söder, sechs Enthaltungen. Das sind 67 Prozent für Laschet. Nach Unionsrechnung, in der die Enthaltungen für den Kandidaten gewertet werden sind es sogar 77 Prozent.

8 Uhr, Dienstag

Laschets Unterstützer fühlen sind erleichtert und sich bestätigt. Aber die Söder-Unterstützer sind auf der Palme. Das Stimmungsbild: Eine „Katastrophe“ sei das, was der Vorstand da angerichtet habe. „Dilettantisch sei die Vorbereitung der Abstimmung gewesen. Nicht einmal technisch habe es geklappt. Laschet sei „blind“.

Er habe überhaupt nicht verstanden, was jetzt passiere. Die CDU als Volkspartei werde kaputtgemacht, es hagele bereits Parteiaustritte, viele würden keinen Wahlkampf für die Union machen, die Grünen würden gewinnen. Laschet habe auch die Warnung von Hessens Ministerpräsidenten Bouffier nicht verstanden, als dieser darauf hingewiesen habe, dass an der Basis eine andere Stimmung sei. Aber: Laschet werde es jetzt werden. Nur: Die Union sei gespalten.

12 Uhr, Dienstag

CSU-Chef Markus Söder hat das klare Vorstandsvotum der CDU für ihren Parteichef Armin Laschet als Kanzlerkandidaten der Union akzeptiert. „Mein Wort, das ich gegeben habe, gilt“, sagte der bayerische Ministerpräsident. „Die Würfel sind gefallen, Armin Laschet wird Kanzlerkandidat der Union.“ Er werde Laschet ohne Groll und mit voller Kraft unterstützen. Nun gehe es darum zusammenzustehen.

Von Eva Quadbeck, Kristina Dunz/RND