„Tatort“-Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist einer der Teilnehmer der Aktion „Alles dichtmachen“. Quelle: picture alliance/dpa

Stars gegen den Lockdown: Warum die Aktion „Alles dichtmachen“ eine Verhöhnung der Corona-Toten ist

Der Kultur geht es schlecht. Niemand wird das anzweifeln. Seit gut einem Jahr sind die Theater geschlossen, die Kunst liegt brach, die Hilfen fließen zäh. Es wird niemanden wundern, dass in der Branche Frust gärt und die Verzweiflung wächst. Das gilt für den kleinen Jongleur und die Tänzerin von nebenan. Das gilt aber auch für die Stars der Zunft. 53 deutsche Schauspieler hat die Lage der Nation zu einer Videoaktion mit dem Titel „Alles dichtmachen“ „inspiriert“. Das Ergebnis ist eine Katastrophe für die Solidargemeinschaft Deutschland. Und es ist eine Unverschämtheit.

In 53 kurzen Videos lästern die Damen und Herren zu leiser Klaviermusik über die Angst vor dem Virus. Sie raunen Wirres. Sie machen sich lustig über Menschen, die vor Erschöpfung am Gitterbett ihres Kindes hängen und weinen. Sie mokieren sich voller Häme über jene, die die Maßnahmen gegen Corona möglicherweise auch nicht durchgehend logisch, verständlich, supertoll und wirkungsvoll finden, die aber immerhin bereit sind, ihr Ego für ein paar Monate zurückzustellen.

Es sind nicht irgendwelche Gernegroße

Es sind nicht irgendwelche Gernegroße auf Rampenlichtsuche, die sich da in überraschend schlecht geschriebenen Texten am Corona-Alltag abarbeiten. Es sind Stars der Zunft darunter wie Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Meret Becker und Volker Bruch. Sie bedanken sich ironisch dafür, dass in dieser Zeit nur noch „einfache Wahrheiten“ gälten. Sie erzählen schlicht dummes Zeug („eine eigene Meinung zu haben ist gerade krass unsolidarisch“). Sie ätzen gegen die Medien, sie unterfüttern munter den saublöden Irrtum, es sei unmöglich in diesem Land, eine eigene Meinung zu entwickeln. Kurz: Sie bedienen vollständig und vorsätzlich das Narrativ all der Schwurbler und Verschwörungstheoretiker, die die Tatsache, dass sie ihren Egoismus kurz mal beiseiteschieben sollen, mit einer Grundrechtsverletzung von epischem Ausmaß verwechseln.

Auch Liefers ventiliert die uralte Mär von den gleichgeschalteten Medien, die während der Corona-Zeit nur Einseitiges angeboten hätten. „Habt ihr euch rundherum gut informiert gefühlt?“, raunt er in bestem Wutbürgerparlando. Seit über einem Jahr sorgten die Medien dafür, „dass der Alarm da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben“. Dazu nur ein Satz: Wer so redet, offenbart lediglich, dass er offenbar seit Monaten darauf verzichtet, auch all die nachdenklichen, selbstkritischen und abwägenden Berichte in klügeren Blättern zur Kenntnis zu nehmen, die es zuhauf gegeben hat.

Können gute Leute derart irren?

Zu besichtigen sind in den 53 Clips all die alten, öden Vorurteile von „Diktatur!“-Schreihälsen, die sämtliche Medien pauschal in einen Topf werfen, weil sie es nicht besser wissen. Corona ist eben auch eine Übung in Medienkompetenz. Um nicht zu sagen: in Klugheit.

Können gute Leute derart irren? Können sich verdiente Künstler so dermaßen in wattigen Gedankengebäuden verirren? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, warum man als privilegierter Star den Applaus von Schwurblern und Spinnern in Kauf nimmt: Entweder, man ist gelangweilt, naiv und schlecht informiert. Oder man denkt genauso wie sie. Beides wäre verheerend und ist dieser Teilelite der deutschen Schauspielzunft unwürdig.

Wer in den letzten Monaten ernsthaft den Eindruck gewonnen hat, es habe keinerlei Medienkritik mehr gegeben und die Berichterstattung sei einer komplett einseitigen – um nicht zu sagen: von der Regierung gesteuerten – Agenda gefolgt, der hat erstens keine Ahnung von den Medienmechanismen der Gegenwart, und er muss sich längst in hennafarbenen Echokammern verlaufen haben, schimpfend auf eine „pöhse“ Mainstreamwelt, die er nur noch als Zerrbild wahrnimmt.

Die Aktion ist ein Schlag ins Gesicht der erschöpften Pfleger

Dass derlei Unrat von gestandenen Heroen der Unterhaltung kommt, ist eine große Enttäuschung. Denn diese Aktion ist ein Schlag ins Gesicht der erschöpften Pfleger und Ärzte, die seit Monaten auf der letzten Rille laufen. Es ist eine Verhöhnung der Hinterbliebenen von mehr als 80.000 Corona-Toten und derer, die auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen. Es ist eine zynische, kaltherzige Demonstration von Borniertheit aus den klimatisierten Türmen der Elfenbeinkultur, vorgetragen auch von jenen, die durchaus gut bezahlter Arbeit nachgegangen sind in den letzten Monaten.

Das Erschreckende ist: Die Popularität der Aktionsteilnehmer sorgt automatisch für tosenden Applaus von rechts außen. „In Deutschland gibt es tatsächlich noch regierungskritische Satire“, staunt „Tichys Einblick“. Die AfD schert in den Jubelgesang ein. Die üblichen Verdächtigen verneigen sich in Bewunderung vor den Granden der Kultur, die den „Mut“ hätten, auch mal etwas gegen die Regierung zu sagen. Man fragt sich ernsthaft, unter welchem Stein diese Jubelperser in den letzten Monaten geschlafen haben.

„FCKNZS“ (Fuck Nazis) steht anlasslos, einsam und winzig klein am unteren Ende der Website mit den Videos. Es wirkt wie ein typografisches Feigenblättchen. Ganz so, als habe man am Ende doch irgendwie geahnt, wessen Ungeist man mit dieser gratismutigen Aktion beschwören könnte, die wenig mit legitimer Kritik an den Corona-Maßnahmen zu tun hat, sondern vor allem die Legende von der machtgeilen Regierung nährt, für die Corona nur ein Vorwand sei, uns alle zu knechten.

Was für ein kommunikativer Fehlschlag, wenn man sich schnell noch von Nazis distanzieren muss, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Gleich mehrere Videos sind auf dem Youtubekanal #allesdichtmachen bereits nicht mehr zu finden, darunter das von Heike Makatsch.

„Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will“, schrieb Schauspieler Marcus Mittermaier bei Twitter. „Gott sei Dank!“ Mehr ist dazu nicht zu sagen. Außer vielleicht: Schöne Grüße, ihr 53 Medienmärtyrer, an Nena und den Wendler.

Von Imre Grimm/RND