Grabsteine stehen auf dem russischen Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd. Quelle: Ulf Mauder/dpa

Tag der Befreiung: Kiew wünscht Gedenkstätte für ukrainische NS-Opfer in deutscher Hauptstadt

Berlin. Anlässlich des 8. Mai hat der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, mit scharfen Worten die Enttäuschung seines Landes über mangelnde Sensibilität in der deutschen Erinnerungskultur zum Ausdruck gebracht.

„Wir Ukrainer sind sehr enttäuscht, dass der Bundestag unsere Bitte abgelehnt hat, eine Gedenkstätte in Berlin für die ukrainischen NS-Opfer zu errichten, obwohl gleichzeitig ein gesonderter Erinnerungsort für polnische Kriegsopfer etabliert wurde“, sagte Melnyk dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Ukrainer würden sich für ihre polnischen Freunde freuen, könnten aber die „doppelten Standards der deutschen Gedenkpolitik nicht nachvollziehen“, teilte Melnyk mit und listete in seinem Statement für das RND die ukrainischen Lasten und Opfer im Zweiten Weltkrieg auf.

Über sechs Millionen Ukrainer kämpften gegen Hitler-Deutschland in der Roten Armee, weitere 250.000 in den Streitkräften der Alliierten, um Europa von der Nazi-Gewaltherrschaft zu befreien. Über drei Millionen von ihnen fielen auf dem Schlachtfeld oder wurden als Kriegsgefangene misshandelt und umgebracht.

Acht Millionen Tote

„Insgesamt“, so Melnyk, „verloren mindestens acht Millionen Einwohner der Ukraine durch den deutschen Vernichtungs- und Versklavungskrieg ihr Leben“. Darunter über fünf Millionen Zivilisten – einschließlich der 1,6 Millionen ukrainischen Juden, die ermordet wurden.

Außerdem seien über 2,3 Millionen Ukrainer als Zwangsarbeiter ins Dritte Reich verschleppt worden, wo sie als „Untermenschen versklavt und ausgebeutet“ wurden. Melnyk kritisierte, dieser enormen menschlichen Verluste sei man sich in der deutschen Öffentlichkeit kaum bewusst.

Der bestehende weiße Fleck in der deutschen Erinnerungskultur müsse „dringend und ehrlich aufgearbeitet“ werden. Deshalb fordere die Ukraine vom deutschen Parlament „eine gerechte Entscheidung, ein eigenes Mahnmal an prominenter Stelle in der Bundeshauptstadt zu erschaffen, um die Millionen ukrainischen Nazi-Opfer zu würdigen“.

Falsches Signal

Als Hauptschauplatz des Zweiten Weltkriegs sei die Ukraine bis 1944 von der Wehrmacht besetzt und verwüstet worden. Mit der Verweigerung eines eigenen Mahnmals werde die Völkerverständigung gefährdet und „ein absolut falsches Signal nach Kiew gesendet“, sagte Melnyk und forderte: „Diese fragwürdige Vogel-Strauß-Politik muss korrigiert werden.“

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Zugleich markiert das Datum das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Europa.

Die Ukraine gedenkt am 8. Mai der Kriegsopfer, Russland und mehrere andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion feiern am 9. Mai den Tag des Sieges, darunter Belarus, Armenien, Georgien und Aserbaidschan.

Von Jan Emendörfer/RND