Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei Quelle: Mustafa Kamaci/Turkish Presidenc

Erdogan sucht Annäherung an die Araber

Ankara. Am Dienstag reist Mevlüt Cavusoglu nach Riad. Es der erste Besuch eines türkischen Außenministers in Saudi-Arabien seit vier Jahren. Die Beziehungen sind gespannt. Im saudischen Königshaus hat man nicht vergessen, dass der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Arabischen Frühling für die Aufständischen Partei ergriff und mit den radikal-islamischen Muslimbrüdern paktierte.

Um das Eis zu brechen, telefonierte Erdogan vergangene Woche mit dem saudischen König Salman. Das unterstreicht die Bedeutung des Außenministerbesuchs. Er ist Teil einer breiter angelegten diplomatischen Offensive, mit der Erdogan die Isolation seines Landes in der Nahostregion zu überwinden hofft.

Im Streit um die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer überwarf sich die Türkei nicht nur mit den EU-Staaten Griechenland und Zypern. Erdogan hat sich mit seinem imperialen Gehabe, mit den militärischen Interventionen in Syrien, Libyen und dem Nordirak sowie mit seiner Unterstützung für radikal-islamische Gruppen im Nahen Osten viele Feinde gemacht.

Auch Erdogans Tiraden gegen Israel stehen in krassem Gegensatz zu den Bemühungen vieler arabischer Staaten um eine Entspannung in der Region. Am Wochenende bezeichnete Erdogan Israel als „Terrorstaat“. Bei wichtigen energiepolitischen Initiativen, wie dem von acht Partnern aus der EU und Nahost gegründeten East-Med-Gas-Forum mit Sitz in Kairo, ist die Türkei außen vor. Die anderen Staaten wollen sie nicht dabei haben.

Khashoggi-Mord Tiefpunkt zwischen Ankaras und den Saudis

Erdogan kommt nun durch die politischen Entwicklungen auf der Golfhalbinsel in Zugzwang. Katar, der einzige Verbündete Ankaras in der Region, hat sich zum Jahresbeginn mit seinen Rivalen Saudi-Arabien, den Emiraten, Bahrain und Ägypten ausgesöhnt. Das zwingt die Türkei, ihre Beziehungen ebenfalls neu zu ordnen. Überdenken muss Erdogan vor allem seine Politik in Libyen, wo die Türkei noch im vergangenen Jahr auf eine militärische Konfrontation mit Ägypten zusteuerte. Im vergangenen September verurteilte die Arabische Liga die türkischen Einmischungen in Libyen, Syrien und dem Irak als „Gefahr für die regionale Sicherheit“.

Die Beziehungen Ankaras mit den Saudis erreichten mit der Ermordung des Dissidenten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul einen neuen Tiefpunkt. Mit einem latenten Wirtschaftskrieg macht Saudi-Arabien seit Monaten Druck auf Ankara. Die türkischen Exporte nach Saudi-Arabien gingen im April gegenüber dem Vorjahr um 95 Prozent zurück.

Jetzt versucht Erdogan, Brücken zu schlagen. Eine Schlüsselrolle für die Wiederannäherung der Türkei an die Staaten des Nahen Ostens spielen die Beziehungen zu Ägypten. Das hat man inzwischen auch in Ankara verstanden. Erdogans außenpolitischer Chefberater Ibrahim Kalin schmeichelt bereits, Ägypten sei „das Hirn und Herz der arabischen Welt“. 2013 hatte Erdogan nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammed Mursi die Beziehungen zu Kairo abgebrochen. Den neuen Präsidenten Abdel Fatah El-Sisi, der sich an die Macht geputscht hatte, bezeichnete Erdogan als „Tyrann“, mit dem er niemals reden werde. Inzwischen streckt Erdogan seine Fühler aus. Vergangene Woche traf der türkische Vizeaußenminister Sedat Önal in Kairo seinen ägyptischen Kollegen Hamdi Losa. Es war der erste offizielle Kontakt beider Regierungen seit acht Jahren.

Historische Altlasten spielen weiter eine Rolle

Einen wichtigen Schritt zur Wiederannäherung hatte die türkische Regierung bereits im vergangenen Jahr getan: Sie zog in der Nato ihr Veto gegen eine engere Partnerschaft der Allianz mit Ägypten zurück. Das zeigt die geopolitische Bedeutung des türkisch-ägyptischen Rapprochements. Aber es gibt noch viele Hürden. Die größte ist Erdogans Rolle als Schutzherr der Muslimbrüder. Nach dem Sturz Mursis nahm die Türkei Tausende Mitglieder der Organisation auf. Heute leben geschätzt 20.000 ägyptische Muslimbrüder im türkischen Exil, darunter Hunderte Führungsfiguren.

Erdogans Kumpanei mit den Muslimbrüdern und anderen radikal-islamischen Gruppen wie der Hamas bleibt das größte Hindernis bei Ankaras Bemühungen um bessere Beziehungen zu den Staaten der Region. Aber auch historische Altlasten spielen eine Rolle. Erdogans Bestreben, die Türkei als Vormacht der Region zu etablieren und sich selbst zum Führer der muslimischen Welt aufzuschwingen, alarmiert nicht nur das saudische Königshaus, sondern kommt auch bei den Völkern, die einst im Osmanischen Reich Untertanen der Türken waren, nicht gut an. Deshalb stößt die nahöstliche Charmeoffensive des türkischen Staatschefs auf tiefes Misstrauen.

Von Gerd Höhler/RND