Freitag , 2. Dezember 2022
Anzeige
Türkei, Istanbul: Ein Paar tanzt am Goldenen Horn, das zur Meerenge Bosporus führt. Die Türkei hat am Montag den vollständigen Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie beendet. Quelle: Emrah Gurel/AP/dpa

Sinkende Corona-Zahlen in der Türkei – aber stimmt die Statistik der Regierung?

Ankara. Fast drei Wochen lang durften die Türkinnen und Türken ihre Wohnungen nur in Ausnahmefällen verlassen. Seit Montag können sie sich zumindest tagsüber wieder freier bewegen. Abends ab 21 Uhr und an den Wochenenden gilt allerdings weiter eine Ausgangssperre. Ausländische Urlauber sind, wie schon während des harten Lockdowns, von den Beschrän­kungen ausgenommen.

Vor allem mit Blick auf den Tourismus, der eine wichtige Devisenquelle ist, möchte die türkische Regierung die Corona-Fallzahlen möglichst schnell drücken. Glaubt man der offiziellen Statistik, ist das mit dem harten Lockdown auch gelungen. Während Mitte April täglich noch mehr als 60.000 Neuinfektionen gemeldet wurden, sind es aktuell rund 11.000 neue Fälle täglich.

Die Sieben-Tage-Inzidenz, die im April noch landesweit bei 500 und in der Bosporus-Metropole Istanbul sogar über 900 lag, wird jetzt mit 102 angegeben.

Im April hat das Gesundheitsministerium noch deutlich mehr getestet

Aber stimmen die Zahlen? Experten der türkischen Ärztekammer TTB äußern Zweifel. Sie führen den Rückgang der täglich gemeldeten Fälle vor allem darauf zurück, dass immer weniger getestet wird. Während das Gesundheitsministerium noch Mitte April täglich rund 320.000 Tests durchführte, sind es jetzt nur noch rund 200.000. TTB-Generalsekretär Vedat Bulut wirft der Regierung vor, dass sie „mit der Statistik spielt“.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Regierung die Corona-Zahlen türkt. Vergangenes Jahr stellte sich heraus, dass Gesundheitsminister Fahrettin Koca monatelang nur die Zahlen solcher Infizierten gemeldet hatte, die erkrankt waren. Positiv Getestete, die keine Symptome zeigten, wurden verschwiegen.

Alles für den Tourismus

Mit den geschönten Zahlen wollte die Regierung wohl vor allem den Tourismus ankurbeln, vermuteten damals Kritiker. Erst unter massivem Druck aus dem Ausland korrigierte Gesundheitsminister Koca Ende November sein Meldeverfahren und nahm alle positiv Getesteten in die Statistik auf – mit dem Ergebnis, dass sich die Fallzahlen über Nacht vervierfachten. Da war die Reisesaison schon vorbei.

Auch jetzt lässt die Regierung nichts unversucht, um den Tourismus anzukurbeln – siehe die Befreiung der Urlauber von den Ausgangssperren. Das von Staatschef Recep Tayyip Erdogan vorgegebene Ziel, mit dem harten Lockdown die täglichen Fallzahlen unter 5000 zu drücken, hat die Türkei allerdings bisher nicht erreicht.

Auch die Impfkampagne stockt, weil es nicht genug Impfstoff gibt, kritisiert die Ärztekammer TTB. Bisher haben knapp 18 Prozent der Bevölkerung eine Erstimpfung erhalten. 13 Prozent sind vollständig geimpft.

Von Gerd Höhler/RND