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Cali: Eine Studentin führt mit Kommilitonen und Kommilitoninnen ein Stück namens „Who Killed them?“ während Protesten gegen die Regierung auf. Kolumbianer protestieren im ganzen Land gegen ihre Regierung. Quelle: Andres Gonzalez/AP/dpa

Der Kampf der Kulturen um Lateinamerika ist entbrannt

Bogotá. „Die reichen Familien in Cali haben in Einheit mit der Polizei einfach wahllos gefeuert“, berichtet Feliciano Valencia fassungslos von den aufwühlenden Szenen in der kolumbianischen Millionenmetropole vor ein paar Tagen.

Valencia ist einer der einflussreichsten indigenen Politiker im kolumbianischen Kongress und berichtete über die Zusammenstöße zwischen den Indigenen und der überwiegend weißen wohlhabenden bewaffneten Bevölkerung Calis.

Zuvor war ein Protestmarsch der Indigenen aus dem Umland in die Stadt gekommen und mit so brutaler Gewalt empfangen worden, dass der Erzbischof von Cali, Darío de Jesus Monsalve, später stellvertretend für die Stadt und deren Autoritäten bei den Indigenen um Vergebung bat. „Ich habe mich dafür entschuldigt, was ihnen in Cali widerfahren ist“, sagt Monsalve im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Neues Ausmaß an Gewalt

Zwar gab es auch unter den Indigenen einige gewaltbereite Demonstranten und Demonstrantinnen und Querverbindungen zu illegalen Gruppen, doch dass bewaffnete Zivilisten und Zivilistinnen Hetzjagden auf Indigene veranstalteten, dass eine Ärztin zum Mord an Indigenen aufrief, das hat eine neue Qualität.

Der Kampf auf offener Straße lässt erahnen, wie groß die sozialen Spannungen in dem Land sind. In einem Interview mit der BBC sagte Calis Ex-Bürgermeister Maurice Armitage mit Blick auf die anhaltenden Unruhen in der Stadt und im ganzen Land: „Es ist das erste Mal, dass ich die reichen Bürger verängstigt sehe – und das ist gut so.“ Denn nun habe auch die Oberschicht begriffen, dass sich etwas ändern müsse, ist Armitage überzeugt.

In kaum einem anderen Land ist die indigene Bevölkerung derartigem Terror ausgesetzt wie in Kolumbien: Von rechts­ex­tre­men Paramilitärs, linksgerichteten Guerillagruppen, der Drogenmafia, der Armee und Sicherheitskräften, die alle irgendwie mitverdienen wollen am milliardenschweren Drogengeschäft, am illegalen Bergbau, an einer Fläche fressenden Agrarindustrie.

Sie alle wollen das haben, was den Indigenen seit Jahrhunderten Stück für Stück weggenommen wird: Land. Die Abnehmer und Abnehmerinnen für das Holz, das Gold und die Agrarprodukte sitzen längst nicht nur im Westen, sondern auch in China.

Streit um das Land

Und nun bricht zwischen dem Rio Bravo und Feuerland der jahrhundertealte Konflikt neu aus: Wem gehört eigentlich Amerika? Den Ureinwohnern und Ureinwohnerinnen, den Nachfahren der europäischen Kolonialherren, die fast überall bis heute an den Schalthebeln der Macht und der Wirtschaft sitzen, oder den Chinesen und Chinesinnen, die mehr und mehr die Rolle des neuen ökonomischen Kolonialherrn übernehmen, während die USA und Europa zunehmend an Einfluss verlieren.

Wer sich in Brasilien oder Kolumbien, Chile oder Argentinien mit den Indigenen unterhält, bekommt fast immer zu hören: „Wir befinden uns eigentlich seit 500 Jahren im Krieg.“ Dass im Zuge der Unruhen deshalb auch Skulpturen europäischer Eroberer und „Entdecker“ wie von Kolumbus zerstört werden, ist Ausdruck dieser Empfindung.

Mehr als 1500 Kilometer weiter südlich sind es wieder Schüsse, die für Entsetzen sorgen. Diesmal sind es illegale Goldsuchende, die eine Yanomami-Siedlung im brasilianischen Bundesstaat Roraima angreifen. Ein Video zeigt, wie verängstigte indigene Familien vor den Schüssen fliehen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) beschreibt das Szenario so: „Informationen der Organisation Hutukara Yanomami zufolge legten am Montag gegen 11.30 Uhr Ortszeit sieben Boote von Goldsuchenden in der Gemeinde Palimiu an. Die Eindringlinge begannen zu schießen. Beim darauffolgenden Schusswechsel starben drei der Angreifer, vier Goldsuchende und eine indigene Person wurden verwundet.“

Bereits Ende April hatte es am gleichen Ort eine Schießerei zwischen Goldsuchenden und Indigenen gegeben. „Dass die Eindringlinge keine Strafverfolgung fürchten müssen, ermutigt sie zu weiteren Angriffen auf die indigene Bevölkerung“, befürchtet Juliana Miyazaki, GfbV-Referentin für indigene Völker.

Bolsonaro trägt Mitverantwortung

Dass es zu diesen Übergriffen kommen kann, dafür macht die NGO auch die Regierung in Brasilia verantwortlich: „Bolsonaros indigenenfeindliche Politik ermutigt Invasoren und Invasorinnen, die illegal Gold suchen, Holz fällen oder Land rauben wollen, weiter in indigene Gebiete einzudringen“, kritisiert Miyazaki.

Allein auf dem Territorium der Yanomami hat der illegale Bergbau im vergangenen Jahr laut brasilianischen Medien um 30 Prozent zugenommen. Von Januar bis Dezember 2020 wurden 500 Hektar Fläche verwüstet. Insgesamt hat der illegale Bergbau bereits eine Fläche in der Größe von 2400 Fußballfeldern zerstört.

Die Behörden des Landes unternehmen wenig, um die über 20.000 Eindringlinge vom Gebiet der Yanomami zu entfernen. Die nehmen ihre Verteidigung nun selbst in die Hand, weil sie vom Staat keine Hilfe zu erwarten haben.

Brandanschläge in Chile

Noch weiter südwestlich brennen die Kirchen und die Landmaschinen. In Chile ist der Kampf der Nachfahren der „Neuen Welt“ gegen die der „Alten Welt“ ebenfalls in vollem Gange. Hinter den Brandanschlägen stecken offenbar radikale Mapuche, Angehörige des dominierenden Volks unter den verschiedenen indigenen Ethnien Chiles.

Sie sehen die Kirchen als ein Symbol europäisch-christlicher Kolonialisierung an. Auf dem Land kommt es zu offenen Machtkämpfen, zwischen Agrarbetrieben und Landarbeitern und -arbeiterinnen auf der einen Seite und gewaltbereiten Indigenen auf der anderen.

Landwirtschaftliches Großgerät wird abgefackelt, Grundstücke und Immobilien werden besetzt. Meist versehen mit der Botschaft „Dieses Land gehört uns“. Die Arbeitenden bewaffnen sich ihrerseits. Stets geht es um eine Frage: Wer ist eigentlich der rechtmäßige Besitzer des Landes: wir oder die?

Neue Verfassung für Chile

Das chilenische Volk versucht, diese zentrale Frage nun im Rahmen der Ausarbeitung einer neuen Verfassung zu klären. Vor ein paar Tagen wurde die verfassunggebende Versammlung gewählt – mit einem historischen Linksruck.

„Es ist sehr erfreulich, dass sich Chile mit der Gründung eines Verfassungskonvents, in dem auch 17 Plätze für Indigene vorgesehen sind, auf den Weg zu einer neuen Verfassung macht. Damit kann das neoliberale Erbe der Militärdiktatur endlich abgeschüttelt werden und soziale Grundrechte können verankert werden“, sagt Chile-Experte Franz Hellinge vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

Die alte Verfassung stammte noch aus der Zeit der Diktatur von General Augusto Pinochet (1973–1990) – und wurde unter anderem dazu benutzt, brutal gegen die Mapuche vorzugehen. Die spannende Frage ist nun: Wie soll man umgehen mit dem Streit um Landbesitz?

Die spirituelle Mapucheautorität und Menschenrechtsaktivistin Machi Francisca Linconao kündigte an, sie werde sich für ein Ende der Diskriminierung der Ureinwohner einsetzen – und dafür, dass in der neuen Verfassung die Rückgabe von Land an die Mapuche festgelegt wird.

Land und Rohstoffe

Doch es geht nicht nur um das Land, es geht auch um die Verteilung der Reichtümer unter der Erde. Es geht um Gold, Kupfer, Lithium, Erdölvorkommen und die Frage „Abbauen oder unter der Erde lassen, um Umwelt und Klima zu schützen?“.

Wer bekommt die Gewinne, die Erlöse? Still und heimlich hat sich China in den Kontinent eingekauft – ob es um die zum Teil brutale Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen bei der Erdölförderung im ecuadorianischen Amazonas-Regenwald geht oder den gigantischen Bedarf an Soja, der durch die brasilianische Agrarindustrie auf Kosten von Abholzung gedeckt wird.

Anders als in Europa, Kanada oder den USA, gibt es in China keine NGOs, die laut gegen die umweltzerstörerischen Machenschaften des Landes protestieren. Deswegen ist es zumindest naiv zu glauben, dass mit der Beseitigung des Kapitalismus westlicher Prägung die Ausbeutung vorbei sei.

Chinas Staatskapitalismus und Rohstoffhunger sind nicht minder rücksichtslos. Für allzu optimistische Prognosen ist es trotz der sozialen Umwälzungen noch ein wenig zu früh.

Von Tobias Käufer/RND