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Niedersachsen will die Aufhebung der Maskenpflicht noch einmal überdenken. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Nach Kritik: Maskenpflicht im Einzelhandel in Niedersachsen bleibt

Hannover. Nach viel Kritik nimmt das Land Niedersachsen die geplante Aufhebung der Maskenpflicht im Einzelhandel zurück. In einem Entwurf für eine Lockerung der Corona-Regeln im Land war zuvor vorgesehen gewesen, nach Pfingsten die Maskenpflicht im Einzelhandel für Regionen mit einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 aufzuheben. Nun teilte Niedersachsens Gesundheitsministerin am Freitagvormittag auf Twitter mit: „Es wird keine Aufhebung der Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung in Niedersachsen geben.“ Die Landesregierung hat am Nachmittag entsprechend entschieden.

Spahn: „Ungeduld darf nicht zu Übermut führen“

Gesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatten die Pläne zuvor bei einer gemeinsamen Pressekonferenz kritisiert. Spahn sagte: „Ich kann nur immer wieder dafür werben, dass wir Schritt für Schritt gehen. Ich verstehe das alles, ich bin auch ungeduldig, aber unsere Ungeduld darf am Ende nicht zu Übermut führen.“ Er warnte vor großen Kundenansammlungen, zum Beispiel an Handyständen in großen Elektronikfachmärkten. Die Maskenpflicht sei „im Vergleich zu allen anderen Eingriffen zwar eine nervige, aber auch händelbare Maßnahme“, die für die meisten schon zum Alltag gehöre.

RKI-Präsident Wieler verwies auf eine neue Studie unter der Federführung des Max-Planck-Instituts in Mainz. Diese zeige, wie wirksam das Tragen von Masken eben nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in Alltagssituationen sei. „Insofern werde ich meine Maske noch lange tragen“, so Wieler. Er warb dafür, bei allen Lockerungsschritten den Basisschutz beizubehalten. Dazu zähle das Tragen einer medizinischen Maske.

„Gefahr neuer Mutanten würde steigen“

Auch der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen, der Mitglied des Gesundheitsausschusses ist, bezeichnet den Zeitpunkt, um über eine Aufhebung der Maskenpflicht nachzudenken, als „deutlich zu früh“. „Wir haben immer noch rund 50 Millionen ungeimpfte Menschen in Deutschland. Wenn Geimpfte und Ungeimpfte ohne Schutzmaßnahmen wie Masken zusammentreffen, steigt nicht nur das Risiko einer Ansteckung, sondern vor allem die Gefahr neuer Mutanten, bei denen die bisherigen Impfstoffe weniger wirksam sein könnten“, erklärt der Arzt und Politiker. „Deshalb bleibt die Maske ein ganz wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie. Landesregierungen, die statt geordneten, vorsichtigen Öffnungsschritten, direkt über den Verzicht von Schutzmasken reden, sind offenbar fachlich schlecht beraten.“

Auch Handelsverband will die Maske behalten

Der Handel ist sich indessen nicht einig. Während der Geschäftsführer des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen, Mark Alexander Krack, sagte, der Handel in Niedersachsen begrüße alles, was den Zugang zu den Geschäften erleichtere, spricht sich der übergeordnete Bundesverband für eine Beibehaltung der Maskenpflicht aus. „Die Maskenpflicht ist eine akzeptierte, unproblematische und gleichzeitig hochwirksame Maßnahme, die sich bewährt hat und längst im Alltag der Menschen angekommen ist“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Jetzt über eine Abschaffung der Maskenpflicht zu diskutieren ist verfrüht. Sie überstürzt aufzuheben wäre nicht zielführend.“

Genth plädiert stattdessen für eine bundesweite Wiedereröffnung des Einzelhandels mit Abstand, Maske und Hygiene­vorschriften. Außerdem sollten die Länder die Testpflicht beim Einkaufen in Gebieten mit einer Inzidenz von unter 100 abschaffen. „Das ist die vordringliche Aufgabe, die es jetzt anzugehen gilt.“

Marburger Bund: „Aufhebung der Maskenpflicht gefährdet Ungeimpfte“

Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hatte Niedersachsen vor einer voreiligen Lockerung der Maskenpflicht gewarnt. Ein solcher Schritt sei denkbar, wenn der Anteil der vollständig geimpften Menschen in Niedersachsen 80 Prozent erreiche – oder alle Impfwilligen sich hätten impfen lassen können, sagte Hans Martin Wollenberg, der Vorsitzende des niedersächsischen Landesverbandes des Marburger Bundes. Derzeit seien landesweit aber erst rund 11 Prozent der Menschen vollständig gegen das Coronavirus geimpft. „Wir dürfen das Erreichte nicht aufs Spiel setzen. Wer jetzt die Maskenpflicht lockert, gefährdet diejenigen, die noch keine Impfung erhalten haben. Darunter auch die Beschäftigten des Einzelhandels und kleine Kinder, aber auch viele andere, die noch nicht geimpft werden konnten“, warnt Wollenberg.

Von Anne Grüneberg/RND