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Fußballspieler stehen Spalier für Schiedsrichter Manuel Gräfe. Quelle: GES/Edith Geuppert/pool via Joerg Niebergall/EIBNER-PRESSEFOTO

Schiedsrichter Manuel Gräfe: Ein Fall (un)sinniger Altersgrenzen

Hannover. Es ist vor Ende der ersten Halbzeit im DFB-Pokal-Spiel zwischen Werder Bremen und RB Leipzig, als der Schiedsrichter Manuel Gräfe mal wieder einen seiner großen, weil ungeheuer souveränen Auftritte hat.

Die Szene wirkt zunächst harmlos, ein Bremer Stürmer sprintet zur Seitenlinie, will den Ball sichern, stürzt dabei noch im Strafraum. Gräfe steht gut, nur ein paar Meter entfernt, und pfeift Elfmeter. Dann jedoch, auf ein Zeichen des Video­schiedsrichters hin, schaut er sich die Szene auf dem Bildschirm selbst noch einmal an – und korrigiert sich. Kein Elfmeter.

Man kann das auf sehr unterschiedliche Art tun. Eilig, wichtigtuend, mit der triumphalen Gestik von jemandem, der es genießt, jetzt wieder im Mittelpunkt zu stehen. Oder mit der uneitlen Gelassenheit eines Mannes, der einfach das tut, was nötig ist.

Fast 300 Bundesliga-Spiele

Manuel Gräfe ist 47 Jahre alt, er hat fast 300 Bundesliga-Spiele, 15 Länder- und 34 Europapokal­spiele gepfiffen und gilt als einer der besten, vielleicht als der derzeit beste Fußball­schiedsrichter Deutschlands.

Und der soll jetzt in Rente gehen? In den Schiriruhestand?

Er selbst würde gern noch verlängern – und kann bei diesem Wunsch auf eine ungewöhnliche Allianz von Unterstützern bauen. Spieler, Trainer, Fans, sie alle fordern, dass Gräfe weitermachen darf. Aber der Deutsche Fußball-Bund bleibt hart: Mit 47 ist für Schiedsrichter Schluss. Keine Ausnahme.

Mit 47? Ernsthaft? Obwohl Fitness, Erfahrung und Können über jeden Zweifel erhaben sind? Kann das sein?

Ein bemerkenswert glückloser Verband

Der Fall Gräfe handelt, auch das stimmt, von einem bemerkenswert glücklosen Verband, dem es gerade nicht mal gelingt, den Ruhestand eines verdienten Mitarbeiters halbwegs geräuschlos zu regeln. Vor allem aber erzählen der Fall Gräfe und die Aufregung um ihn von einem Problem, das schon erstaunlich lange keinen großen Auftritt mehr hatte: Wenn Alter und Altern doch längst etwas sehr Individuelles sind, wenn der eine mit 50 an seinem Sessel fest wächst und die andere mit 75 für die Alpen­überquerung auf dem Rad trainiert, wenn also 70 das neue 60 und 60 längst nicht gleich 60 ist – welchen Sinn haben dann noch starre Altersgrenzen? Sind sie dann nicht längst überholt?

Tatsächlich erlauben wir uns einen ziemlich widersprüchlichen Umgang mit der Frage, was bis wann erlaubt ist. Landrat oder Bürgermeisterin zum Beispiel darf man in vielen Bundesländern nur bis 65 oder 67 sein – während man das wohl noch einen Tick einflussreichere Amt der Bundeskanzlerin theoretisch bis ultimo ausüben darf. Auto fahren dürfen wir, auch wenn das Gehen schon längst Mühe macht, ohne dass es auch nur für Greise irgendwann noch eine Prüfung gäbe. Um Bundespräsident oder Bundesverfassungs­richterin zu werden, muss man mindestens 40 sein, da gilt ein gewisses Alter also sogar als Vorteil. Für Schöffen und Notare ist mit 70 definitiv Schluss. Zwingend einleuchtend ist das, zum Beispiel mit Blick auf einen 71-jährigen Bundes­innenminister, eher nicht.

Die Legende von der nachlassenden Leistung

Dem gegenüber steht inzwischen eine Vielzahl von Altersbildern und ‑idealen, die sich mit starren Grenzen kaum mehr fassen lassen. Der eine träumt ab spätestens 50 davon, den Tag mit Kaffee und hochgelegten Beinen im Garten zu verbringen – während die andere ihre Erfüllung darin sieht, noch mit 75 ins Büro zu kommen. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten 100 Jahren massiv erhöht, um 60 Prozent. Auch die Altersforschung liefert zumindest bei bestimmten Tätigkeiten wenig Gründe für einen frühen Rückzug: „Die Sachverständigen entkräften die immer noch verbreitete Auffassung, bei älteren Beschäftigten ließen Leistungskraft und Belastbarkeit quasi naturgegeben nach“, heißt es schon im sechsten Bericht zur Lage der älteren Generation aus dem Jahr 2010.

Passend dazu hat es in den vergangenen Jahren die Tendenz gegeben, strikte Altersgrenzen immer weiter aufzuweichen. So haben sich Piloten und Pilotinnen das Recht erstritten, nicht mehr zwangsläufig mit 60 in den Ruhestand geschickt zu werden. Ärztinnen und Ärzte dürfen ihre Kassenzulassung auch über das 68. Lebensjahr hinaus behalten. Die Bundesregierung hat es erleichtert, auch nach dem offiziellen Renteneintrittsalter weiterzuarbeiten. Sie hat gegen Protest vieler die Rente mit 67 eingeführt – und kurz danach die Rente mit 63 für langjährig Versicherte.

Man kann das einen Zickzackkurs nennen. Oder eine angemessene Flexibilisierung.

Altersgrenzen sind vor allem ein Schutz

Aber wäre es nicht konsequent, starre Altersgrenzen völlig aufzuheben? Wäre das die passende Antwort darauf, dass es die eine Grenze für alle immer weniger zu geben scheint? Auf Schiedsrichter, die auch noch im sechsten Lebensjahrzehnt jungen Hochleistungs­kickern mit der Pfeife im Mund hinterhersprinten möchten?

Das dann wohl doch eher nicht. „Ich glaube, dass es feste Altersgrenzen weiter geben wird und geben sollte“, sagt Ulrich Becker, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München.

Denn für die meisten ist die wichtigste Altersgrenze, die Renten­eintritts­grenze, natürlich alles andere als eine Beschränkung der eigenen Möglichkeiten, sondern vor allem ein Schutz, ein Ziel, ab dem man nicht mehr arbeiten muss, eine hart erkämpfte sozialpolitische Errungenschaft. Es sind für gewöhnlich die Manager, Professoren und Selbstständigen, die gern noch ein paar Jahre dranhängen. Etwa jeder Fünfte kann sich laut Umfragen vorstellen, länger zu arbeiten – aber die weit überwiegende Zahl, keineswegs nur Dachdecker, sind froh, in Rente gehen zu können.

Die Prüfung auf Fitness kann schmerzhaft enden

Altersgrenzen sind also vor allem ein Schutz – für jede und jeden im Einzelnen, aber auch für Dritte, für die Öffentlichkeit. Für die Eingeschlossenen in einem brennenden Haus zum Beispiel, die die fitten Feuer­wehrleute noch aus den Flammen retten. Oder, irgendwie auch das, für die Mannschaften, denen ein zu langsamer Schiedsrichter nicht das Spiel zerpfeift. ­Altersgrenzen schaffen zudem Jobs für den Nachwuchs (jedenfalls dort, wo es ihn heute gibt), machen die Arbeit für die Sozial­versicherungen planbar, und für jede­­ Einzelne, jeden Einzelnen ist es wohl auch eher hilfreich, ungefähr absehen zu können, wann es mit dem Ruhestand losgehen soll.

Bei jeder und jedem individuell zu prüfen, ob er oder sie jetzt mal reif für die Rente wäre, wäre nicht nur zu aufwendig – sondern „kann zudem auch ziemlich schmerzhaft sein“, betont Becker. Denn wer amtlich bescheinigt bekommt, die Anforderungen seines Jobs nicht mehr zur Gänze zu erfüllen, kann sich nicht mehr auf die angebliche Ungerechtigkeit einer Altersregel berufen – sondern muss damit leben, dass er oder sie nun gleichsam amtlich für alt befunden wurde. Eine schwierige Sache.

Wo die Kränkung lauert

Juristinnen und Juristen wissen, dass hinter der Individualisierung, also hinter der Einzelfallregel, gleich die Ungerechtigkeit lauert. Psychologen und Psychologinnen wiederum wissen, dass da meist auch die Kränkung nicht weit ist.

„Generalisierende Altersgrenzen müssen regelmäßig überprüft und angepasst werden“, sagt Becker, „was leider zu selten geschieht.“ Sinnvoll jedoch seien sie durchaus. Womit man dann spätestens wieder beim Fall des Schiedsrichters Gräfe wäre.

Solange die Laktatwerte stimmen

Der hat zunächst mal Glück, dass für ihn nicht allein die Regeln des Weltfußball­verbandes gelten – dann wäre für ihn schon mit 45 Schluss gewesen. Auf diese Grenze hatte die Fifa den Wert erst 1992 abgesenkt, weil die älteren Schiedsrichter angeblich bei dem schneller gewordenen Spiel nicht hinterher­zukommen drohten.

Wobei die Schiedsrichter für Becker, sollte es dem DFB nur um die Leistung und nicht um Nachwuchs­förderung gehen, tatsächlich ein klassisches Beispiel für unnötige generelle Beschränkungen wären: Bundesliga-Schiedsrichter werden ohnehin Jahr für Jahr auf ihre Fitness getestet. Solange die Laktatwerte stimmen, könnte Gräfe also weiter den Haalands und Gnabrys dieser Welt hinterherrennen. Und müsste damit leben, dass die Zahlen aus dem Labor ihn dann irgendwann als altes Eisen ausweisen.

Von Thorsten Fuchs/RND