„Die sind zu Tode erschrocken“: First Lady Jill Biden am Freitag beim Besuch einer Schule für teilweise traumatisierte Kinder in Cornwall. Quelle: Getty Images

Einheit statt Eitelkeit: Jill Bidens Jackett ist mehr als eine modische Botschaft

Washington. Das Jackett ist weg. Vor Kurzem noch war der schwarze Blazer der französischer Fashion­marke Zadig & Voltaire mit dem auf dem Rücken aufgestickten Wort „Love“ bei Online­kleider­börsen für 95 Dollar angeboten worden. Rund 400 Dollar hatte er ursprünglich im amerikanischen Mode­kauf­haus Nord­strom gekostet. Doch nun ist das Teil in den USA ausverkauft.

Nicht nur Cecilia Bönström, die Designerin des Labels, freute sich bei Instagram. Auch viele Amerikanerinnen und Amerikaner scheinen sehr einverstanden zu sein mit der Kleider­wahl ihrer First Lady. Jill Biden hatte am Donnerstag zum Auftakt der Europa­reise ihres Ehe­manns in Cornwall die „Love“-Jacke getragen – und zwar keinesfalls zufällig, wie sie betonte: „Wir bringen Liebe aus Amerika mit“, sagte die Präsidenten­gattin mit Blick auf den G-7-Gipfel. „Dies ist eine globale Konferenz, und wir versuchen, Einheit auf der Welt zu schaffen.“

Dass die 70‑Jährige für ihren Auftritt in den USA viel Beifall in den sozialen Medien erntete, dürfte vor allem an dem Seiten­hieb liegen, den sie mit der modischen Botschaft gegen ihre Vorgängerin austeilte. Unweigerlich drängt sich nämlich die Erinnerung an ein grünes Cape auf, das Melania Trump auf einer Reise an die mexikanische Grenze trug, wo ihr Mann die Kinder illegaler Einwanderer in Käfige sperren ließ. „I really don’t care, do u?“ (Es ist mir echt egal – und Euch?) stand da drauf.

Der Kontrast zwischen der früheren und der aktuellen First Lady könnte kaum größer sein. Während das Ex‑Model stets kühl, unnahbar und perfekt gestylt auftrat und sich im Weißen Haus wie eine Sphinx bewegte, zeigt sich Jill Biden gut gelaunt, boden­ständig und zugewandt. Sie hat kein Problem, die Herzen von Menschen zu erobern. Während der Amts­zeit ihres Mannes als Vize­präsident wurde sie an der Schule, wo sie weiter unterrichtete, halb scherzhaft „Dr. B.“ genannt. Nun besteht sie bei vielen Auftritten darauf, dass ihre Gesprächs­partner sie „Jill“ nennen.

Das Kraft­zentrum ihres Mannes

„Jill from Philly“ (Jill aus Philadelphia) – das ist nicht nur die warm­herzige Botschafterin des US-Präsidenten, mit dem sie seit 43 Jahren verheiratet ist. Die Stief­mutter des Problem­sohnes Hunter und Mutter der gemeinsamen Tochter Ashley ist eine selbst­bewusste Frau, die stets ihren eigenen Beruf ausgeübt hat. Und öfter wirkt sie wie das eigentliche Kraft­zentrum ihres Mannes. Sie befreite ihn 1975 aus einer langen Phase der Nieder­geschlagenheit nach dem Unfall­tot seiner ersten Frau und Tochter, durch­lebte mit ihm 2015 den Krebs­tod seines Lieblings­sohnes Beau und stützte ihn bei seiner Präsidentschafts­kandidatur.

Als Joe Biden am Abend der Vorwahlen in Iowa auf dem verheerenden fünften Platz landete, stürmte Jill Biden als Erste auf die Bühne und sorgte dafür, dass der Saal trotzdem jubelte.

Den Auftritt auf dem diplomatischen Parkett muss Jill Biden nicht mehr lernen. Als Second Lady hatte sie ihren Mann schon auf rund 20 Auslands­reisen begleitet. Leicht selbst­ironisch postete sie bei Twitter am Mittwoch ein Foto, auf dem sie in der Air Force One mit Lesebrille einen dicken Akten­ordner durch­arbeitet: „Vorbereitung für die G 7“, schrieb sie darunter. Die Klamotten dürfte dabei – anders als bei ihrer Vorgängerin, die beim G‑7‑Gipfel 2017 ein 51.000 Dollar teures „Dolce & Gabbana“-Jackett trug – eine eher unter­geordnete Rolle gespielt haben. Jill Biden kleidet sich geschmack­voll, aber nie extra­vagant.

Groß ist hin­gegen ihr Interesse an der Begegnung mit Menschen – vor allem mit Eltern, Schülern und Militär­familien, die auch bei der Europa­reise eine wichtige Rolle spielen. Am Freitag besuchte sie mit Herzogin Kate Middleton, der Ehe­frau von Prinz William, eine Schule, an der auch traumatisierte Kinder unterrichtet werden.

„Die sind zu Tode erschrocken“, stellte die Lehrerin mitfühlend fest, als sie einen Klassen­raum betrat. Anschließend hatte sie so viele Fragen an Erzieher und Eltern, dass sie sich scherz­haft mit der Bemerkung verabschiedete, sie müsse dringend noch einmal vorbeischauen.

Mit dem Besuch zum Tee bei Queen Elizabeth II. auf Schloss Windsor am Sonntag erreicht der Europatrip für die First Lady seinen Höhepunkt. Amerikanische Medien fragen sich schon, wie die temperament­volle Präsidenten­gattin wohl mit den strengen protokollarischen Vorschriften umgehen wird. Dass sie der Monarchin den Arm um die Schulter legt wie einst Michelle Obama, gilt als unwahrscheinlich. „Touching the Queen is verboten“, erinnert der Sender CNN bereits in deutscher Strenge.

Von Karl Doemens/RND