Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle: US-Präsident Joe Biden unterstrich am Montag in der Nato-Zentrale in Brüssel dieses Grund­prinzip der atlantischen Allianz. Quelle: imago images/ZUMA Press

Das Ziel ist eine schnellere, smartere Nato

Hannover. „Die Nachrichten von meinem Tod sind stark übertrieben“, sagte Mark Twain süffisant im Jahr 1897. Damals war in den USA das Gerücht aufgekommen, der Schriftsteller sei gestorben.

Ähnlich ironisch könnte sich heute die Nato äußern. So gut wie jetzt beim Gipfel mit den Staats- und Regierungschefs war die Stimmung im Nato-Hauptquartier schon lange nicht mehr. Gemessen daran jedenfalls, dass Emmanuel Macron vor zwei Jahren den „Hirntod“ der Nato verkündet hatte, wirkt das Bündnis verblüffend vital.

Trump sägte am Allerheiligsten der Allianz

Ist nun schlagartig alles wieder gut, nur weil neuerdings Joe Biden im Weißen Haus sitzt?

Emotional zumindest dreht sich jetzt viel. Noch beim letzten Gipfel sägte der damalige US-Präsident Donald Trump auf offener Bühne am Allerheiligsten der Allianz, der Beistandsgarantie nach Artikel 5 des Nato-Vertrags. Biden setzt jetzt Signale des Zusammenrückens und einer gegenseitigen Wertschätzung. Schon eine Woche vor dem Gipfel war Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu vorbereitenden Gesprächen ins Weiße Haus gebeten worden, übrigens als erster Europäer, den Biden dort empfing.

Breiten Konsens gibt es über das Papier „Nato 2030“. Dessen Richtung stimmt, kritikwürdig allerdings sind die Jahreszahlen. Die Nato darf nicht zwischen Bestandsaufnahme und Reaktion ein ganzes Jahrzehnt verstreichen lassen.

Eine neue Rüstungsdebatte, auf höherem Niveau

Strategisch und technologisch steht das Bündnis vor Herausforderungen wie noch nie. Die Nato muss deshalb jetzt zugleich schneller und smarter werden.

Wie beispielsweise soll die Abwehr der neuen russischen Hyperschallwaffen aussehen, von denen Wladimir Putin stolz behauptet, sie seien „unaufhaltsam“? Fest steht nur eins: Taktfrequenzen und Terabytes werden schon bald über Krieg oder Frieden entscheiden. Deshalb muss die Nato die Nutzung etwa von Quantencomputern und Künstlicher Intelligenz vorantreiben, jetzt und nicht irgendwann.

Anderenfalls könnte das gesamte Bündnis irgendwann an den Punkt geraten, wo die andere Seite den Krieg gewonnen hat, ohne ihn führen zu müssen – ganz im Sinne der 2500 Jahre alten Strategien des legendären chinesischen Generals und Philosophen Sun Tzu.

Nötig ist eine neue europäische Rüstungsdebatte, allerdings auf einem intellektuell wie technologisch höherem Niveau als bisher.

Bewundernde Blicke gehen zum Iron Dome

Wer nur stumpf auf Ausgaben in Höhe von 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pocht, kann vor lauter Zahlenhuberei das technologisch Entscheidende aus dem Auge verlieren. Was beispielsweise nützt die Anschaffung vieler teurer Panzer, wenn man sie, wie es Aserbaidschan im Krieg gegen Armenien vorführte, mit einer billigen Drohne stoppen kann?

Viele alte Gleichungen aus der Welt der Militärs gehen heute nicht mehr auf. Alle großen Kriege der Amerikaner etwa, von der Landung in der Normandie bis zum Vorgehen gegen Saddam Husseins Invasion in Kuwait, beruhten darauf, dass zuvor ganze Gebirge von Stahl per Schiff von A nach B transportiert wurden. Könnten solche Transporte heute, im Zeitalter der Unterwasserdrohnen, überhaupt noch stattfinden?

Über solche Fragen muss gesprochen werden, ebenso wie über die oft verteufelten autonomen militärischen Systeme. Viele, die eben noch vor einer „Automatisierung des Krieges“ warnten, blickten im nächsten Moment bewundernd auf Israels Defensivsystem Iron Dome, das selbsttätig Raketen in gigantischer Zahl vom Himmel holte.

Frieden schaffen durch High-Tech-Waffen? Für viele klingt das provozierend. Doch das Thema Iron Dome zeigt, wie komplex das Thema ist. Hier hat ein autonomes Waffensystem nicht nur einer großen Zahl von Zivilisten das Leben gerettet. Es hat auch, indem es die Zahl der Opfer verblüffend klein hielt, einer Eskalation des Gaza-Kriegs vorgebeugt.

Von Matthias Koch/RND