Immer wieder sonntags: Joe Biden ist der zweite katholische Präsident der USA. Jede Woche besucht er – hier in seiner Heimatgemeinde Saint Joseph on the Brandywine in Wilmington – den Gottesdienst. Quelle: Matt Slocum/AP/dpa

Bann der Bischöfe: Wie Katholik Joe Biden von der Kanzel gecancelt werden soll

Washington. Als Schüler wurde er von Nonnen unterrichtet. Als Heranwachsender wollte er Priester werden. Noch heute zitiert er Kirchenlieder und hat bisweilen einen Rosenkranz in der Hand. Jeden Sonntag geht er in die Messe. Joe Biden ist nach John F. Kennedy erst der zweite Katholik im Weißen Haus und seit dem Baptisten Jimmy Carter Ende der 1970er-Jahre sicher der gläubigste US-Präsident.

Doch nun droht dem 78-Jährigen eine aberwitzige kirchliche Sanktion: Die amerikanische Bischofskonferenz will ihm wegen seiner Unterstützung des Rechts auf Abtreibung die Kommunion – also den Empfang der Hostie im Gottesdienst – verweigern. Die Möglichkeit dazu würde eine neue Richtlinie zur Eucharistie eröffnen, deren Entwurf von den Würdenträgern mit 168 zu 55 Stimmen verabschiedet wurde. „Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel“, begründete Salvatore Cordileone, der Erzbischof von San Francisco, den Vorstoß: Die Kirche könne nicht tatenlos zusehen, wenn Katholiken ihre Werte missachten.

Der angestrebte Ausschluss eines katholischen Präsidenten vom katholischen Abendmahl ist nicht nur beispiellos. Er provoziert auch Empörung in der liberalen Öffentlichkeit. Die Kirche hatte nämlich unter Ex-Präsident Donald Trump zu dessen Scheidungen und außerehelichen Affären ebenso dröhnend geschwiegen wie zur Trennung von Flüchtlingsfamilien und der Wiederaufnahme der Todesstrafe. Dafür hatte der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, bei Trumps Nominierungsparteitag im August 2020 ein Gebet gesprochen und den Präsidenten zuvor regelrecht umschmeichelt.

Das entspricht dem Rechtsdrall der von Missbrauchsaffären und Mitgliederschwund erschütterten amerikanischen Amtskirche. Auch viele ihrer prominenten Vertreter im öffentlichen Leben – wie der Verfassungsrichter Brett Kavanaugh oder Trumps Anwalt Rudy Giuliani und sein Ex-Justizminister William Barr – vertreten ultrakonservative oder rechtspopulistische Positionen. Als Barr im vorigen Jahr die von der Kirche abgelehnte Todesstrafe nach 17-jähriger Pause auf Bundesebene wiederbelebte und zehn Menschen hinrichten ließ, wurde er selbstverständlich nicht sanktioniert.

„Ich bin Katholik und ihr seid Heuchler!“, greift deshalb nun der kalifornische Kongressabgeordnete Ted Lieu die Bischöfe an. Der Demokrat wirft ihnen vor, aus purer Parteipolitik zu handeln: „Sie sollten sich schämen!“ Etwas diplomatischer im Ton, aber kaum weniger deutlich in der Sache, hatten zuvor schon 60 weitere katholische Demokraten im Repräsentantenhaus den Missbrauch „der Eucharistie als politische Waffe“ angeprangert.

Der Vatikan warnt vor einer Spaltung

Vorgeblich wollen die Bischöfe mit ihrer geplanten Eucharistie-Erklärung dem sinkenden Besuch ihrer Gottesdienste begegnen. Das Papier soll aber auch empfehlen, katholischen Politikern, die nicht die kirchlichen Positionen zur Abtreibung teilen, die Kommunion zu verweigern. Für die endgültige Annahme der Leitlinien bei der nächsten Zusammenkunft der Bischöfe im November ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. Der Vatikan hat im Mai ausdrücklich vor einem solchen Schritt gewarnt, da er die Glaubensgemeinschaft weiter zu polarisieren und spalten drohe. Doch davon zeigen sich die Republikaner-nahen Würdenträger unbeeindruckt.

Schon am Tag von Bidens Amtseinführung hatte sich der Präsident der Bischofskonferenz, Erzbischof Jose Gomez, mit einer bemerkenswerten Botschaft zu Wort gemeldet. Das Mitglied des reaktionären Glaubensbundes Opus Dei kritisierte politische Positionen des neuen Präsidenten, die „moralischen Übeln“ wie der Abtreibung, der Empfängnisverhütung und der Homosexualität Vorschub leiste.

An der Verwurzelung des irischstämmigen Präsidenten im katholischen Glauben kann derweil kein Zweifel bestehen. In seiner 2007 erschienenen Autobiografie „Promises to keep“ beschreibt Biden eindringlich seine religiöse Prägung: „Wo immer Nonnen waren, war mein Zuhause. Ich bin so sehr kultureller Katholik, wie ich theologischer Katholik bin. Meine Vorstellung von mir selbst, von Familie, von Gemeinschaft und der weiteren Welt stammen direkt aus meiner Religion.“

Zwar ist es unwahrscheinlich, dass Biden am Ende landesweit den Zugang zum katholischen Abendmahl verliert. Die Bischofskonferenz kann nämlich nur Empfehlungen beschließen. Die Entscheidung, auf welche Person die Sanktion angewandt wird, obliegt den Ortsbischöfen. Während der Oberhirte von Bidens Heimatstadt Wilmington bislang schweigt, hat der Erzbischof von Washington, Kardinal Wilton Gregory, bereits deutlich gemacht, dass er die kirchliche Cancel-Aktion nicht mitmachen werde.

Ein gefundenes Fressen für Republikaner

Doch alleine die Tatsache, dass die Ansichten des Präsidenten zur Abtreibung nun Gegenstand einer größeren öffentlichen Debatte würden, sei „ein Sieg für die konservativen Katholiken“, argumentiert die „New York Times“. Der traditionalistische Teil der Bischöfe wolle nämlich verhindern, dass sich die Kirche „linken“ Themen wie der Diskriminierung von Minderheiten, der gesellschaftlichen Ungleichheit oder dem Klimawandel zuwendet und stattdessen die rigide Sexualmoral im Zentrum ihrer Botschaft behalten. Für die Republikaner wäre der Kirchenbann für den Präsidenten im bevorstehenden Midterm-Wahlkampf ein gefundenes Fressen.

Den Gefallen einer öffentlichen Auseinandersetzung will Biden den klerikalen Kulturkämpfern offenbar nicht tun. „Das ist meine Privatsache“, wiegelte er am Freitag Fragen zu dem Konflikt ab. Am Tag darauf verließ er nachmittags sein Haus in Wilmington und besuchte wie üblich die Vorabendmesse seiner Heimatgemeinde St. Joseph on the Brandywine.

Von Karl Doemens/RND