Mittwoch , 22. September 2021
Immer mehr Menschen versuchen, aus Afghanistan zu fliehen. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Aus Afghanistan kommt eine neue Flüchtlingswelle auf Europa zu

Athen. Türkische Sicherheitskräfte haben in der vergangenen Woche an der Grenze zum Iran 1456 afghanische Flüchtlinge aufgegriffen. Auch elf Schleuser wurden festgenommen. Sie hatten die Menschen aus der Gegend um Ghazni in Afghanistan über den Iran in die Türkei gebracht.

Der Weg ist weit und beschwerlich. Tausend Kilometer sind es von Ghazni bis zur iranischen Grenze, noch einmal 2000 Kilometer ist von dort die Türkei entfernt. Schlepper kassieren pro Kopf mehrere Tausend Dollar für den Transport. Manche versuchen es auf eigene Faust.

Trotz hoher Kosten und großer Strapazen nehmen jetzt immer mehr Afghanen die lange Reise auf sich, weil sie unter einem Taliban-Regime um ihre Zukunft oder gar um ihr Leben fürchten. Die militanten Islamisten kontrollieren inzwischen weite Teile des Landes.

Nach Schätzungen in türkischen Medien kommen jetzt jeden Tag mindestens 1000 Menschen aus Afghanistan über den Iran in die Türkei. Es handelt sich überwiegend um junge Männer im Alter von 16 bis 25 Jahren. Die türkischen Behörden haben inzwischen die Grenzpatrouillen verstärkt. Aber das Terrain ist unübersichtlich und unwegsam.

Am vergangenen Freitag marschierten Hunderte afghanische Flüchtlinge ins Zentrum der osttürkischen Stadt Van. Sie waren zu Fuß auf schmalen Bergpfaden über die 100 Kilometer entfernte Grenze zum Iran gekommen. Bei der Ortschaft Özalp, 40 Kilometer vor der iranischen Grenze, filmte ein türkischer Kameramann am Wochenende eine Gruppe von 50 afghanischen Flüchtlingen. „Es ist Krieg, die Taliban haben unser Dorf erobert, und wir sind geflohen“, berichtete einer von ihnen.

Über 4 Millionen Flüchtlinge in der Türkei

In der Türkei leben bereits über vier Millionen Flüchtlinge, darunter 500.000 Afghanen. Ihre Zahl dürfte in den kommenden Monaten ansteigen. Nach einem Bericht der UNO-Flüchtlingsagentur UNHCR wurden seit Januar durch die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den vorrückenden Taliban geschätzt 270.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Bereits zuvor wurden etwa 3,5 Millionen Afghanen durch die Unruhen zu Binnenflüchtlingen.

Die Türkei ist für die meisten afghanischen Flüchtlinge nur eine Zwischenstation. Angesichts einer Arbeitslosenquote von 13 Prozent kann man als Migrant dort kaum hoffen, sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Die meisten wollen deshalb weiter in die EU. Vor allem Deutschland gilt wegen seiner großzügigen Sozialleistungen als attraktives Ziel. Der Weg dorthin führt über Griechenland.

Die beiden Hauptrouten sind die Ägäis, wo Schlepper die Menschen mit Schlauchbooten von der türkischen Küste zu einer der griechischen Inseln bringen. Ein weiterer Fluchtweg führt über den Fluss Evros (türkisch: Meric), der im Norden die Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland markiert. Eine dritte, weniger genutzte Route verläuft über Bulgarien und den Balkan nach Mittel- und Westeuropa.

In Griechenland stellen die Flüchtlinge aus Afghanistan inzwischen die größte ethnische Gruppe der neu ankommenden Schutzsuchenden, noch vor den Syrern. Im vergangenen Jahr waren es 11.514, gefolgt von 7768 Syrern. In den ersten vier Monaten 2021 wurden auf den Ägäisinseln und am Evros 1224 Afghanen und 1217 Syrer aufgegriffen.

Afghanische Flüchtlinge können allerdings in Griechenland nicht mehr mit Asyl rechnen. Denn im Frühjahr entschied die griechische Regierung, dass die Türkei für Afghanen sowie für Flüchtlinge aus Syrien, Somalia, Pakistan und Bangladesch ein sicheres Drittland ist. Schutzsuchende aus diesen Ländern, die über die Türkei nach Griechenland kommen, können wieder dorthin abgeschoben werden.

Die Türkei nimmt allerdings seit März 2020 keine Migranten mehr aus Griechenland zurück, obwohl sie sich 2016 im Flüchtlingspakt mit der EU dazu verpflichtet hatte. Das ermutigt viele Flüchtlinge, sich von den Schleusern nach Griechenland bringen zu lassen. Sie hoffen, von dort auf Schleichwegen in andere EU-Staaten zu gelangen.

Von Gerd Höhler/RND