Dienstag , 21. September 2021
Corona-Impfzentrum des Landkreises Rostock im Terminal des Flughafens Rostock-Laage. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/

Delta-Variante und geringes Impftempo: Wie hoch darf die vierte Welle schlagen?

Berlin. Gesundheitsexperten und Politiker in Deutschland sind alarmiert: Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt seit über zwei Wochen kontinuierlich. Die Politik in Bund und Ländern schaltet langsam wieder in einen verschärften Krisenmodus.

Wie Niedersachsen plädiert nun auch Mecklenburg-Vorpommern dafür, das nächste Treffen der Länderregierungschefs mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Corona-Lage vorzuziehen. Dabei soll insbesondere über die Ausbreitung der Delta-Mutation und das Impfen von Jugendlichen beraten werden.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach begrüßt diese Bemühungen. „Je eher die Ministerpräsidentenrunde zusammenkommt, desto besser“, sagte Lauterbach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir kommen wahrscheinlich noch vor der Bundestagswahl in eine Situation hoher Fallzahlen und dreistelliger Inzidenzen. Darauf müssen die Länder jetzt reagieren. Außerdem stecken wir noch nicht so tief im Wahlkampf.“

Starke Zuwächse der Inzidenzzahlen vor allem bei Jüngeren

Der Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland ist laut RKI bisher vor allem bei Menschen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren zu beobachten. Während sich die Werte in den Gruppen ab 60 Jahren in den vergangenen Wochen nur minimal und auf sehr niedrigem Niveau (unter 5 Fälle pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen) veränderten, verzeichnet das RKI für Jüngere relativ starke Zuwächse.

Lauterbach betonte, dass er als Wissenschaftler die Impfung von Jugendlichen und Kindern befürwortet. „Ich halte die Gefahr von Long Covid für unterschätzt, dagegen ist die Verträglichkeit der Impfungen bei Kindern und Jugendlichen gut.“

Diese Frage ließe sich allerdings nicht politisch entscheiden, solange das RKI und die Ständige Impfkommission Stiko explizit keine Empfehlung aussprechen würden. „Ich halte es für falsch, die Impfung von Kindern und Jugendlichen zu einer politischen Frage zu machen. Frau Merkel oder die Ministerpräsidenten können die Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht anordnen“, so Lauterbach.

Darum sei es wichtiger zu entscheiden, welche Lockerungen aufgeschoben oder aufgehoben werden sollten, so der Gesundheitspolitiker. „Wir sollten die Distanzregeln und die Maskenpflicht, etwa in Clubs oder Diskotheken, nicht vorschnell aufheben.“

Söder fordert neue Einreiseregeln und Schülerimpfprogramm

Sollte es zu einer vorgezogenen Bund-Länder-Konferenz kommen, müssten zwingend Maßnahmen getroffen werden, fordert Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Dazu gehören für ihn ein Impfprogramm für Schüler sowie eine ab August gültige Einreiseverordnung, sagte er am Freitag.

In Deutschland sind inzwischen 48,5 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft – das sind nun rund 40,3 Millionen Menschen. Rund 50,4 Millionen (60,6 Prozent) haben mindestens eine Impfdosis erhalten.

Am Freitag entschied die EU-Arzneimittelbehörde EMA, den Corona-Impfstoff des US-Herstellers Moderna auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zu empfehlen. Ende Mai war bereits der Impfstoff von Pfizer/Biontech auch für 12- bis 17‑Jährige zugelassen worden.

Virologe Drosten „zunehmend besorgt“

Der Berliner Virologe Christian Drosten erklärte, dass es eine deutlich höhere Impfquote als aktuell brauche, um eine schwere Winterwelle zu vermeiden. Er sei „zunehmend besorgt“ darüber, dass der Impffortschritt nicht schneller gehe. Viele Menschen wiegen sich nach seiner Einschätzung in falscher Sicherheit.

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU), sagte dem RND: „Wir müssen als Gesellschaft einen Weg finden, mit dem Virus umzugehen. Eine vierte Welle muss nicht zu einem erneuten Lockdown führen, wenn wir verantwortungsvoll mit den Freiheitsgraden umgehen.“ Durch die steigende Anzahl der Geimpften „können wir eine höhere Inzidenz in Kauf nehmen, ohne dass die Krankenhäuser überlastet werden: Eine Inzidenz von 200 ist dabei das neue 50.“

„Impfen ist unser Weg aus der Pandemie“

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, mahnt, „die weitere Entwicklung der Pandemie hängt maßgeblich an Impfquote und Impfgeschwindigkeit“. Jeder könne dazu beitragen, eine vierte Welle zu vermeiden. „Wenn sich jetzt wieder deutlich mehr Menschen impfen lassen, können wir sicher schwere Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen so weit begrenzen, dass keine Überlastungen des Gesundheitssystems und keine Einschränkungen des öffentlichen Lebens drohen“, so Gaß. „Impfen ist unser Weg aus der Pandemie.“

Gaß meint, dass man sich bei der Einschätzung der Corona-Situation von der Inzidenz etwas lösen müsse und andere Indikatoren wie Hospitalisierung, betroffene Altersgruppen oder Positivrate deutlich stärker in Entscheidungen mit einbeziehen müsse. „Ich sehe aber auch bei steigenden Inzidenzen anders als noch im Frühjahr keinen direkten Zwang zu Lockdowns, denn die besonders gefährdeten Gruppen sind weitgehend durchgeimpft.“

Chef des Hausärzteverbands spricht sich für veränderte Kommunikation aus

„Ich vermisse in Deutschland eine Kommunikation, die motiviert durch positive Botschaften und nicht immer nur auf Katastrophenalarm setzt“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeld, dem RND. Die Formel „hohe Inzidenz“ sei gleich „hohe Krankheitslast“ sei gleich „überfordertes Gesundheitssystem“ müsse dringend überdacht werden. „Für unsere tägliche Arbeit in den Praxen ist beispielsweise die Frage der Krankheitslast, also wie viele Patientinnen und Patienten wie intensiv betreut werden müssen, entscheidender.“

Andreas Gassen, Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung, sagte dem RND: „Corona wird für Geimpfte ungefährlicher, das sehen wir bislang an den Zahlen in Großbritannien und auch an den bisherigen Daten aus Deutschland. Impfen ist der beste Individualschutz.“ Die vierte Welle dürfe und werde nicht zu einem vierten Lockdown führen, so Gassen.

„Es braucht einen Plan, wie genau die Länder und der Bund bei steigenden Infektionszahlen unter zusätzlicher Berücksichtigung weiterer Parameter reagieren, um überhastetes und unvorbereitetes Vorgehen nach altem holzschnittartigem Muster zu verhindern“, forderte Gassen.“ Die Vorbereitungen für eine vierte Welle müssten vor allem in den Schulen getroffen werden. „Es ist niemandem mehr zu vermitteln, dass wir eineinhalb Jahre nach Corona die Schulen immer noch nicht fit haben für das neue Schuljahr“, so Gassen.

Von Thoralf Cleven, Lena Köpsell/RND