Dienstag , 21. September 2021
Für Europäerinnen und Europäer weiter unerreichbar: Die Freiheitsstatue in New York. Quelle: imago images/UPI Photo

Einreiseverbot in die USA: Die Mauer mitten im Atlantik

Washington. Ein Musicalbesuch in New York während der Herbstferien? Von wegen! Hummerbrötchen an der Küste von Cape Cod? Vielleicht irgendwann 2022. Ein Roadtrip über die einsame Route 66? Gibt’s nur im Kino.

Amerika ist dicht, und das soll es nach dem Willen seiner Regierung bleiben. Noch in der vergangenen Woche hatte US-Präsident Joe Biden nach dem Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel eine Überprüfung der Einreisesperre für Reisende aus Europa in Aussicht gestellt. Nun verkündet das Weiße Haus die Antwort: Der seit mehr als 16 Monaten geltende Travel Ban bleibt bestehen. „Nein, nicht auf ewig“, versichert zwar Bidens Sprecherin Jen Psaki. Aber sie stellt weder eine Befristung noch ein Datum für eine Überprüfung in Aussicht.

Offiziell begründet wird die Restriktion mit der rasanten Verbreitung der hochansteckenden Delta-Variante des Coronavirus. Und tatsächlich kann man die Frage stellen, ob angesichts der drohenden vierten Welle der Pandemie das Reisen rund um den Globus eine hohe Priorität besitzt und vordringlich erleichtert werden sollte. Man folge nur dem Rat der Wissenschaft, versichert Psaki – und das klingt zunächst vernünftig.

Keine logische wissenschaftliche Begründung

Doch leider ist das nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Infektionsraten in den USA liegen deutlich höher als beispielweise in Deutschland. Der Impfstand ist vergleichbar. Mehr als 80 Prozent der neuen Fälle in Amerika gehen auf die Delta-Variante zurück. Wie diese Entwicklung gebremst werden soll, indem man Reisende aus Europa aussperrt, die eigenen Bürgerinnen und Bürger aber bedenkenlos ins geöffnete Europa an die Strände Spaniens oder Griechenlands reisen lässt, kann kein Wissenschaftler und keine Wissenschaftlerin begründen.

Zudem ist der Travel Ban völlig unsystematisch. Er wurde im März 2020 von Donald Trump verhängt und betrifft die europäischen Schengen-Staaten und Großbritannien genauso wie China und den Iran. Doch weder die Türkei, noch Saudi-Arabien, Marokko oder Mexiko stehen auf der Liste.

Nicht nur können die Bürgerinnen und Bürger dieser Staaten ohne Probleme in die USA fliegen. Auch jeder Deutsche oder Franzose, der zwei Wochen Zwischenstopp in Istanbul oder am Strand von Cancun einlegt, dort fleißig Bars besucht und mit vielen potentiellen Virusträgern in Kontakt kommt, darf ungehindert in die USA einreisen – er kommt ja nicht direkt aus Europa.

Das ist reichlich widersinnig. Zum politischen und menschlichen Skandal aber wird die willkürliche Endloseinreisesperre, weil sie nicht nur den Tourismus ausbremst. Sie betrifft genauso unzählige Europäer und Europäerinnen, die mit bestimmten Visa in Amerika leben und ihre Partner oder Familien auf der anderen Seite des Kontinents seit nunmehr anderthalb Jahren nicht sehen können.

Und sie schadet direkt der deutschen Wirtschaft. Viele Tochterunternehmen in den USA sind auf Montage, Vertriebsunterstützung oder Service aus der Heimat angewiesen. Doch das entsprechende Personal kann derzeit nur in sehr begrenzten und nicht klar definierten Situationen eine Ausnahmegenehmigung erhalten. Viele Mittelständler müssen inzwischen um ihr Geschäft fürchten.

„America first“ erinnert an Trump

Das alles könnte den Eindruck nähren, Joe Biden wolle unter dem Vorwand der Corona-Pandemie die nationalistische „America-first“-Politik seines Vorgängers Donald Trump mit einer Mauer im Atlantik fortsetzen. Doch dieser Vorwurf blendet die innenpolitischen Zwänge des neuen Präsidenten aus. Tatsächlich tobt in Amerika wie in Deutschland ein irrationaler Kulturkampf über angebliche Freiheitsverluste durch staatliche Impfvorschriften.

Die amerikanischen Sorgen vor den Infektionsgefahren durch Besucherinnen und Besucher von Übersee wären leicht zu entkräften, wenn das Land (wie umgekehrt Europa) nur vollständig geimpfte Reisende einreisen ließe. Doch das wäre Wasser auf die Mühlen jener Impfgegner in den USA, die seit Monaten phantasieren, finstere Mächte wollten ihnen in der Pandemie mit der Spritze zwangsweise irgendwelche Chips ins Hirn einpflanzen. Biden hat genug Probleme, die bedrohlich ins Stocken geratene Impfkampagne im eigenen Land am Laufen zu halten. Für eine weitere Schlacht mit den rechten Anti-Vaxxern fühlt er sich offenbar nicht stark genug.

Das mag man sehr bedauern. Doch letztlich geht es dem Präsidenten nicht anders als vielen deutschen Politikerinnen und Politikern, die im Wahlkampf das heikle Thema der Impfgebote lieber totschweigen, obwohl diese endlich den Geimpften ihre Freiheitsrechte zurückgeben würden. Wer sich aber im eigenen Land nicht traut, für unbequeme Wahrheiten zu kämpfen, der sollte den Zeigefinger in Richtung Washington besser gleich steckenlassen.

Von Karl Doemens/RND