Chinas Außenminister Wang Yi hat Gespräche mit Mullah Abdul Ghani Baradar von der militant-islamistischen Taliban aus Afghanistan geführt. Quelle: Li Ran/XinHua/dpa

China sucht Nähe zur politischen Führung der Taliban

Peking. Vor dem US-Truppenabzug aus Afghanistan hat offenbar ein Tauwetter in den Beziehungen zwischen den Taliban und China eingesetzt. Außenminister Wang Yi traf sich am Mittwoch in der chinesischen Metropole Tianjin mit einer ranghohen Delegation der islamistischen Gruppe um Mullah Abdul Ghani Baradar, ein Mitgründer und Befehlshaber der Taliban.

Die Gastgeber bereiteten den Besuchern einen demonstrativ warmen Empfang, auf der Webseite des chinesischen Außenministeriums wurde ein Foto der Gesprächspartner gepostet.

Die Taliban seien eine „zentrale militärische und politische Kraft“ in Afghanistan und dürften eine wichtige Rolle im Prozess des Friedens, der Versöhnung und des Wiederaufbaus spielen, erklärte Wang. China respektiere die afghanische Souveränität und Unabhängigkeit und werde sich niemals in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen.

Rückzug der USA

Der überhastete Rückzug der USA und der Nato „legt das Versagen von Amerikas Politik offen und bietet dem afghanischen Volk eine wichtige Gelegenheit“ zur Stabilisierung und Selbstentwicklung, sagte Wang. Vor diesem Hintergrund hoffe er, dass die Taliban sich auf Friedensgespräche fokussieren, sich Ziele für den Frieden setzen, ein „positives Image“ aufbauen und auf eine Einheit unter allen Splittergruppen und ethnischen Gruppen hinarbeiten würden.

China und Afghanistan teilen sich eine schmale Grenze im abgelegenen Wachan-Tal. Daher treibt Peking seit langem die Sorge vor einem Übergreifen islamistischer Militanz in die frühere Unruheregion Xinjiang um. China hat auch etliche Abkommen zum Handel mit Öl und Gas sowie zur Kupferförderung mit Afghanistan geschlossen, doch liegen die Deals seit langem brach.

Zwar kommt der Volksrepublik der für den 31. August geplante Totalabzug der Amerikaner aus Afghanistan gelegen, da sie die Präsenz von US-Truppen in ihrem geografischen Hinterhof seit langem mit Argwohn betrachtet. Zugleich ist es im Interesse Chinas, die Taliban, die zuletzt Geländegewinne im Kampf gegen afghanische Truppen erzielen, zu Friedensgesprächen oder zumindest zu einer Verminderung der Gewalt zu bewegen.

RND/AP