Mittwoch , 22. September 2021
US-Außenminister Antony Blinken hat die militant-islamistischen Taliban davor gewarnt, Afghanistan mit Gewalt zu übernehmen. Quelle: Kenzo Tribouillard/Pool AFP/AP/d

US-Außenminister Blinken warnt Taliban vor Übernahme Afghanistans mit Gewalt

Neu Delhi. US-Außenminister Antony Blinken hat die militant-islamistischen Taliban davor gewarnt, Afghanistan mit Gewalt zu übernehmen. Die Ziele der Islamisten wie internationale Anerkennung, freie Reisetätigkeit für die Taliban-Führer oder die Aufhebung von Sanktionen könnten so nicht erreicht werden, sagte er nach einem Treffen mit dem indischen Außenminister Subrahmanyam Jaishankar in Indiens Hauptstadt Neu Delhi am Mittwoch.

„Es gibt nur einen Weg, und der ist am Verhandlungstisch, um den Konflikt friedlich zu lösen und daraus ein Afghanistan hervorgehen zu lassen, das wirklich auf inklusive Art regiert wird und sein ganzes Volk repräsentiert.“

Taliban übernehmen Territorien

Die USA ziehen nach 20 Jahren Militärpräsenz ihre Soldaten aus Afghanistan ab, und die Taliban übernehmen zunehmend Territorien.

Zudem haben die Taliban mit der Erhebung von Zöllen an einem von ihnen kontrollierten Grenzübergang zu Pakistan begonnen. Die Islamisten würden in Spin Boldak in der Provinz Kandahar im Süden des Landes nun Abgaben auf alle Handelsgüter erheben, sagten pakistanische Händler und Exporteure am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Der für den Handel wichtige Grenzübergang Spin Boldak/Chaman war vor rund zwei Wochen an die Taliban gefallen. Die Islamisten haben nach Angaben von Händlern, die der Handels- und Industriekammer Pakistan-Afghanistan (PAJCCI) angehören, nun ein 20-seitiges Dokument mit einer Auflistung der an sie zu zahlenden Abgaben ausgeschickt. Der Einfuhrzoll für eine Maschine zur Seifenerzeugung etwa beläuft sich demnach auf 50 000 Afghani (rund 530 Euro), für eine Schachtel mit Proteinshakes werden 3000 Afghani (rund 32 Euro) verlangt.

Pakistanische Händler beunruhigt

Gleichzeitig hätten die afghanischen Behörden jetzt Kontrollposten für Güter in der Provinzhauptstadt Kandahar errichtet und würden ebenso Abgaben erheben, sagten die Händler weiter. Pakistanische Exporteure erwägten nun, abgesehen von verderblichen Lebensmitteln ihre Lieferungen nach Afghanistan und in andere zentralasiatische Staaten auszusetzen, sagte der Chef der PAJCCI, Zubair Motiwala.

Rund die Hälfte der Exporte Pakistans nach Afghanistan mit einem bisherigen Volumen von jährlich rund 2,5 Milliarden Dollar (rund 2,1 Mrd. Euro) sei bisher über Spin Boldak/Chaman abgewickelt worden, sagte der PAJCCI-Chef weiter. Er befürchte, wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan könnten die Exporte signifikant fallen. Pakistan exportiert vor allem Lebensmittel, Baumaterialien, Textilien und Medikamente nach Afghanistan.

Die Taliban haben neben Spin Boldak mittlerweile auch Grenzübergänge in den Iran, nach Turkmenistan und Tadschikistan unter ihrer Kontrolle.

Sanktionen der Vereinten Nationen

Derzeit gelten Sanktionen der Vereinten Nationen gegen die Taliban, die das Einfrieren von Vermögenswerten, Reiseverbote sowie ein Waffenembargo umfassen. Auch die USA haben bilaterale Sanktionen gegen die Islamisten verhängt.

Blinken wollte bei seinem ersten Indien-Besuch als Außenminister auch Premierminister Narendra Modi treffen. Neben Afghanistan geht es bei den Gesprächen auch um die Lage im Indo-Pazifik mit Blick auf ein stärker werdendes China. Die beiden Demokratien arbeiten seit einigen Jahren in Verteidigungsangelegenheiten enger zusammen. Schließlich ist die weltweite Impfstoffverteilung ein Thema.

Provokation für China

Blinken traf auch den tibetischen Mönch Geshe Dorji Damdul, der ein enger Vertrauter des Dalai Lamas, des geistlichen Oberhaupts der Tibeter, ist. Der Mönch ist auch ein Repräsentant der tibetischen Exilregierung in Indien, die von keiner Nation anerkannt ist.

Dies dürfte China als Provokation sehen. Der Dalai Lama wirbt für die Rechte der Tibeter und will für sie im Dialog mit China kulturelle sowie religiöse Freiheiten innerhalb der Volksrepublik erreichen. Die chinesischen Behörden sehen den Friedensnobelpreisträger als Separatisten, der Chinas absoluten Anspruch auf die Gebirgsprovinz Tibet gefährdet, und verbieten ihm die Heimkehr.

RND/dpa