Dienstag , 29. November 2022
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Rauchschwaden steigen nach Kämpfen zwischen Taliban und afghanischen Sicherheitskräften in Kandahar in den Himmel. Die radikal-islamistischen Truppen sind nur noch wenige Kilometer von Kabul entfernt. Quelle: Sidiqullah Khan/AP/dpa

Afghanistan: Taliban erobern Provinz direkt südlich von Kabul

Kabul. Die radikalislamischen Taliban sind am Samstag bis auf wenige Kilometer an die afghanische Hauptstadt Kabul herangerückt. Sie eroberten die direkt südlich gelegene Provinz Logar und erreichten nach Angaben der aus der Provinz stammenden Abgeordneten Hoda Ahmadi den Bezirk Tschar Asjab der Hautpstadtprovinz; von da sind es noch elf Kilometer bis Kabul.

Zudem fiel die Hauptstadt der Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan, Scharana, an die Aufständischen, wie ein Abgeordneter aus dieser Provinz, Chalid Assad, mitteilte. Kämpfe hätten am Morgen begonnen, dann hätten Stammesälteste interveniert und einen Abzug der Regierungsvertreter ausgehandelt. Der Gouverneur und Beamte hätten kapituliert und seien auf dem Weg nach Kabul.

Masar-i-Scharif im Norden griffen die Taliban nach Angaben eines Sprechers der Provinz Balch, Munir Ahmad Farhad, aus mehreren Richtungen an. Inmitten der militärischen Bedrängnis wandte sich Präsident Aschraf Ghani in einer Fernsehansprache an die Nation. Er sagte, dass Konsultationen im Gange seien, über deren Ergebnis demnächst informiert werde. Am Mittwoch war er nach Masar-i-Scharif geflogen und hatte mit den Warlords Raschid Dostum und Mohammed Nur gesprochen, die mehrere tausend Kämpfer befehligen, die die Stadt verteidigen sollen.

Ahmadi sagte, die Taliban hätten das gesamte Gebiet Logars mitsamt der Provinzhauptstadt Puli Alam unter ihre Kontrolle gebracht. Provinzbeamte seien festgenommen worden.

Mit Beginn des Abzugs von US- und Nato-Truppen, der Ende des Monats abgeschlossen werden soll, haben die Taliban große Gebietsgewinne in Afghanistan erzielt und viele Provinzhauptstädte erobert, darunter Herat und Kandahar, die zweit- und drittgrößten Städte des Landes. 18 der 34 Provinzen sind unter ihrer Kontrolle.

USA evakuieren US-Botschaft mit 3000 Marineinfanteristen

Die USA entsenden angesichts der militärischen Niederlagen der mit Milliardenbeträgen ausgerüsteten und ausgebildeten afghanischen Sicherheitskräfte 3000 Marineinfanteristen nach Kabul, um die US-Botschaft zu evakuieren. Die Vorhut traf am Freitag ein, der Rest soll am Sonntag folgen.

Die Taliban veröffentlichten unterdessen ein Video, in dem einer ihre Kämpfer die Übernahme des Radiosenders der südlichen Stadt Kandahar bekanntgibt. Der Mann, dessen Name nicht genannt wurde, erklärte, dass der Sender in „Stimme der Scharia“ umbenannt worden sei. Er werde nun Nachrichten, politische Analysen und Koran-Rezitationen senden. Anscheinend wird keine Musik mehr gespielt.

Zehntausende Zivilisten sind vor den Taliban geflohen. Die Taliban regierten von 1996 bis 2001 Afghanistan mit einer harschen Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia. Frauen durften ihr Zuhause nur unter Auflagen verlassen, Musik war verboten.

RND/AP