Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat die Corona-Maßnahmen stark gelockert. Er setzt auf Eigenverantwortung der Briten. Sebastian Kurz, Bundeskanzler Österreichs, zählt eine Genesung nicht als Eintrittskarte für öffentliches Leben - und das ist auch die Aussicht in Deutschland. Quelle: imago/i Images/dpa/RND-Montage Behrens

Haben andere Länder einen besseren Plan als wir? So öffnet die Welt in der Corona-Pandemie

3 G oder 2 G? In Deutschland soll spätestens vom 23. August an die 3‑G-Regel beim Zugang zu bestimmten Innenräumen greifen. Wer dann beispielsweise in Kliniken, Fitnessstudios oder in Restaurants möchte, darf dies nur noch, wenn er oder sie geimpft, genesen oder frisch negativ getestet ist.

Doch Testen könnte schon bald nicht mehr ausreichen – 3 G würde zu 2 G. „2 G wird so oder so ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen“, sagte CSU-Chef Markus Söder jüngst. Das würde auch den Druck auf Impfunwillige erhöhen. In anderen europäischen Ländern ist 2 G noch eine Rarität – mit Ausnahmen.

Wir schauen mit unseren Korrespondentinnen und Korrespondenten in die Welt und fassen zusammen, wie in anderen Ländern geöffnet wird.

Spanien setzt auf persönliche Impf­einladungen

Wer in Navarra im Norden Spaniens noch nicht vollständig gegen das Coronavirus geimpft ist, kann sich dieser Tage auf einen Anruf seines Gesundheits­amtes gefasst machen: mit einer persönlichen Einladung, sich doch einen Ruck zu geben. In Navarra wie in ganz Spanien ist die Impfkampagne – nach fürchterlich stotterndem Beginn – in den vergangenen Monaten gut vorangegangen.

Nach Zahlen vom Donnerstagabend, 12. August 2021, waren 61,6 Prozent der Bevölkerung komplett geimpft und weitere 10,5 Prozent hatten mindestens eine Dosis erhalten. Damit steht Spanien im europäischen Vergleich gut da. Doch der Fortschritt hat sich verlangsamt: In den vergangenen sieben Tagen erhielten knapp 1,2 Millionen Spanierinnen und Spanier ihre abschließende Dosis. Vor einem Monat waren es im gleichen Zeitraum mehr als doppelt so viele gewesen.

Ein wenig Unruhe im Land wäre also nicht überraschend, zumal Spanien in diesen Wochen auch noch von einer fünften Corona-Welle erwischt worden ist – die nun aber gerade wieder abflaut. Am Donnerstag, 12. August 2021, lag die Sieben-Tage-Inzidenz noch bei knapp 180. Solche Zahlen treiben die meisten Spanierinnen und Spanier nicht mehr um. Sie genießen ihren Urlaub. Im Frühjahr 2020 war die Lage derart dramatisch, dass die Menschen heute nichts mehr so leicht erschüttern kann. Und auch die Politikerinnen und Politiker sind eher weniger geneigt, die Zügel anzuziehen.

Die Gesundheits­politik ist in Spanien Sache der autonomen Regionen, und von denen ist Galicien die einzige, die im Juli ein obligatorisches Covid-Zertifikat einführte: In Städten und Dörfern mit hoher Inzidenz sollten Ungeimpfte vor einem Restaurant­besuch und ähnlichen Aktivitäten einen Corona-Test machen lassen.

An diesem Donnerstag hat der galicische Obere Gerichtshof das Zertifikat wieder kassiert. Auch die spanische Gesundheits­ministerin Carolina Darias scheut sich „aus rechtlichen Gründen“, eine nationale Testpflicht für Ungeimpfte zu erwägen.

So kann in Spanien zurzeit fast jeder fast alles machen. Einschränkungen sind nur noch wenige geblieben: Maskenpflicht in Innenräumen, in manchen Regionen geschlossene Diskotheken, Obergrenzen bei den Besucherzahlen von Veranstaltungen aller Art. Wenn demnächst die Fußballsaison beginnt, dürfen die Stadien nur zu 40 Prozent besetzt sein. Außerdem gelten in rund 450 von insgesamt 8000 Gemeinden im ganzen Land aufgrund hoher Inzidenz nächtliche Ausgangssperren, zumeist zwischen 1 und 6 Uhr.

Eine offene Debatte gibt es noch: um eine mögliche Impfpflicht für die Beschäftigten in Krankenhäusern und Altenheimen. Die wünschen sich viele. Aber Impfpflicht ist auch in Spanien ein heißes Eisen, an das sich noch keiner rantraut.

Großbritannien versucht es mit Impf­kampagne

Unter viel Kritik wegen hoher Infektionszahlen sind in Großbritannien Mitte Juli fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben worden. Die britische Regierung setzt seitdem auf Eigen­verantwortung der Briten. Die erwarteten rasant steigenden Infektionszahlen nach den Lockerungen blieben jedoch zunächst aus – stattdessen sank die Zahl der Neuinfektionen sogar bis zuletzt. Nun steigt sie vor allem bei jüngeren Menschen wieder leicht an.

Aktuell haben in Großbritannien rund drei Viertel der Erwachsenen den vollen Impfschutz. Als Nächstes sollen die 16- und 17-Jährigen geimpft werden. Großbritannien versucht unter anderem, mit Prämien und Preisen zum Impfen zu motivieren.

Im Gegensatz zu Deutschland setzt Großbritannien also weiterhin auf die Impfkampagne und nicht auf Einschränkungen für Ungeimpfte beziehungsweise Erleichterungen für Geimpfte.

Frankreich verschärft Anti-Corona-Kurs

Mit neuen Maßnahmen versucht die Regierung in Frankreich der wachsenden Ausbreitung der Pandemie zu begegnen – besonders dramatisch ist die Lage auf den französischen Karibikinseln Martinique und Guadeloupe.

Mit Sorge blickt auch die französische Regierung auf steigende Infektions­zahlen und immer mehr Einweisungen in die Krankenhäuser. Insgesamt sind in Frankreich 112.468 Menschen an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Die Situation spitzt sich vor allem auf Korsika sowie in den Mittelmeerregionen Provence-Alpes-Côte d’Azur und Okzitanien zu, welche das Robert Koch-Institut als Hochrisiko­gebiete eingestuft hat.

Ganz besonders dramatisch ist sie in den Übersee­gebieten, vor allem auf den Antilleninseln Guadeloupe und Martinique: Hier liegen die Inzidenzwerte bei 1900 und 1178 Infizierten pro 100.000 Einwohner. Nicht einmal 21 Prozent der Menschen dort haben zumindest eine erste Impfdosis erhalten gegenüber 63 Prozent in Kontinental­frankreich. Inzwischen gilt auf beiden Inseln ein Lockdown mit nächtlichen Ausgangssperren und der Schließung aller Geschäfte, die „nicht essenzielle“ Waren verkaufen, von Hotels für Touristen, Freizeit- und Kultur­einrichtungen und der Strände.

Seit Anfang August kann man in Frankreich nur noch mit einem „Gesundheits­pass“, also dem Nachweis einer kompletten Impfung oder eines höchstens 72 Stunden alten negativen Corona-Tests (PCR-, Antigen- oder Schnell-Test) Cafés und Restaurants, Kinos, Konzerte und Theater besuchen, Fernzüge und Flugzeuge besteigen, ein Altenwohnheim oder Krankenhaus (abgesehen von der Notaufnahme) betreten.

In Departements mit einer Inzidenz über 200 gilt dies auch für Einkaufs­zentren mit einer Fläche von mehr als 20.000 Quadrat­metern. Ab Mitte Oktober werden Corona-Tests außer im Fall einer ärztlichen Verschreibung kostenpflichtig. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegebereich gilt eine Impfpflicht.

Künftig werden zudem Grenzkontrollen verschärft. Ab September sollen alle über 80-Jährigen und besonders gefährdete Menschen eine dritte Impfdosis erhalten. Für Kinder und Jugendliche entstehen in und neben Schulen Impfzentren.

Gleichzeitig formiert sich Widerstand gegen die Anti-Corona-Regeln: Bis zu 237.000 Kritikerinnen und Kritiker demonstrierten zuletzt Frankreichweit. Auch für heute werden neue Protest­kundgebungen erwartet.

USA nehmen Abstand von der „Rückkehr zur Normalität“

Kaum sechs Wochen ist es her, dass Präsident Joe Biden die Öffnung der USA und die baldige Rückkehr des Landes zur Normalität verkündet hatte. Davon ist in Washington angesichts rasant steigender Infektions­zahlen (aktuell infizieren sich täglich mehr als 120.000 Menschen) nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Plötzlich gelten wieder Abstandsregeln und Maskengebote. Allerdings ist der Kampf gegen die erneute Ausbreitung der Pandemie in Amerika politisch extrem aufgeladen. Die Regelungen weichen daher regional weit voneinander ab.

Einig sind sich die Politikerinnen und Politiker im Land nur darin, dass es keine neuen Lockdowns für Bürger und Bürgerinnen und Unternehmen geben soll. Ansonsten gilt die Daumenregel: Je demokratischer eine Region ist, desto konsequenter sind die Schutzauflagen, je republikanischer das Gebiet ist, desto weniger schert man sich um die Eindämmung des Virus.

Eigentlich hat die Seuchen­behörde CDC kürzlich eine Empfehlung zum Masketragen in Innenräumen veröffentlicht, die sowohl für Geimpfte wie für Ungeimpfte gilt. Das Gebot greift dort, wo die Sieben-Tage-Inzidenz über 50 liegt. Das ist fast überall in den USA der Fall: Landesweit liegt der Wert bei 259, im Bundesstaat Florida gar bei 693.

Große, demokratisch regierte Städte wie Washington, Los Angeles und San Francisco haben die CDC-Empfehlung sofort umgesetzt. Ohne Maske kommt man dort in keinen Supermarkt und auch nicht in die Schule. Auch in Flugzeugen gilt eine Maskenpflicht. Die republikanischen Gouverneure von Texas und Florida haben hingegen ihren Gemeinden und Schulen jegliche Vorschriften über einen Mund-Nasen-Schutz untersagt. Bei Zuwider­handlung drohen sie gar mit dem Entzug der Landesmittel.

Testen lassen kann man sich in den USA weiterhin kostenlos. Allerdings hilft das nicht immer. Zunehmend verlangen nicht nur Städte oder Bundes­behörden (wie immer mehr Unternehmen) von ihrem Personal einen Impfnachweis. Die Impfkarte oder eine entsprechende App muss ab Montag in New York auch jeder vorweisen, der ein Restaurant, ein Fitness­studio oder ein Kino besuchen will. Das Beispiel macht Schule: Ab kommenden Freitag gilt eine ähnliche Vorschrift auch in San Francisco.

In Kanada geht es ums Impfen

Die kanadische Regierung verlangt ab dem Herbst von Flugpassagieren und Fahrgästen im Bahnverkehr zwischen den Provinzen eine Impfung gegen das Coronavirus. Die Bestimmung werde auch für Passagiere von Kreuzfahrt­schiffen gelten, sagte Verkehrsminister Omar Alghabra.

„Sobald wie möglich im Herbst und nicht später als Ende Oktober” müssten zudem Beschäftigte im Luftverkehrs-, Bahn- und Schiffs­sektor unter Zuständigkeit der Regierung in Ottawa geimpft sein. Auch von allen öffentlichen Bediensteten im Land fordert die Regierung eine Impfung. Der zuständige Minister Dominic Leblanc verwies darauf, dass die Regierung der größte Arbeitgeber im Land sei und die Sicherheit ihrer Beschäftigten und von deren Kundinnen und Kunden sicherstellen müsse.

Kanada hat eine der höchsten Impfraten weltweit. Die zusätzlichen Maßnahmen seien nötig, um noch mehr Menschen zu einer Immunisierung zu bewegen, sagte Alghabra. Die Zahl der Neuinfektionen im Land ist zuletzt wieder gestiegen.

2‑G-Regel in Österreich

Österreich kennt die 2‑G-Regel in der Nacht­gastronomie, allerdings versteht man darunter im Alpenland etwas anderes als in Deutschland: In Clubs und Discos kommt man seit 22. Juli nurmehr, wenn man geimpft oder mit einem PCR-Test getestet ist. Der Nachweis einer Genesung reicht nicht mehr aus.

Das Gesundheits­ministerium in Wien ist der Meinung, dass noch zu wenige Studien über Ansteckungen unter Genesenen vorliegen, um eine durchgemachte Covid-19-Erkrankung als Eintrittskarte für die Nacht­gastronomie zu akzeptieren. Auch Musikfestivals haben diese Regelung übernommen.

Der Schutz vor einer Neuinfektion bei Genesenen „sollte jedenfalls durch eine Impfung abgesichert werden“, heißt es im Ministerium. In der beliebten Ferienregion Tirol wird in der Tourismus­branche diskutiert, ob man in der Wintersaison Zimmer nur noch an geimpfte Gäste vergeben soll. Entschieden ist jedoch noch nichts.

Italien denkt über Grünen Pass in Schulen nach

Die Regierung wirbt bei Älteren weiter für die Impfungen gegen Covid-19. „Vor allem bei den über 50-Jährigen gibt es mehr als vier Millionen Menschen, die noch nicht mal die erste Dosis erhalten haben“, sagte Gesundheits­experte Franco Locatelli im Interview der Zeitung „La Stampa“. Laut dem außerordentlichen Kommissar für den Corona-Notfall, Francesco Figliuolo, können sich Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren ohne Termin impfen lassen. Rund 65 Prozent der Menschen über zwölf Jahren sind durchgeimpft.

In dem Land mit rund 60 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern müssen die Menschen außerdem einen Impf-, Test- oder Genesungs­nachweis vorzeigen, wenn sie innen im Restaurant essen oder in Kultur­einrichtungen wollen. In Italien werden diese Dokumente auch als Grüner Pass bezeichnet.

Streit gibt es derzeit noch darüber, wie das kommende Schuljahr ab September beginnen soll. Die Regierung will wieder Präsenz­unterricht und hatte beschlossen, dass das Schulpersonal den Grünen Pass dafür braucht. Die Gewerkschaften wehrten sich zuletzt allerdings gegen diese Regelung und gaben laut Medienberichten bislang nicht ihr Okay dafür.

Keine Masken mehr in Dänemark

Auch die letzten Masken in Dänemark fallen: Im nördlichsten deutschen Nachbarland muss man keinen Mund-Nasen-Schutz mehr tragen, wenn man in Bus, Bahn oder auf einer Fähre steht. Die Maskenpflicht für stehende Passagierinnen und Passagiere im öffentlichen Nahverkehr sollte ursprünglich am 1. September aufgehoben werden, fällt nun aber bereits Mitte August (14. August 2021), wie das dänische Verkehrs­ministerium mitteilte.

Grund dafür ist, dass die Empfehlung der Gesundheits­behörden zum Einhalten eines Ein-Meter-Abstandes im öffentlichen Raum gestrichen worden ist. Dass auch die Pflicht zum Masketragen abgeschafft wird, sei „eine natürliche Folge“ davon, erklärte das Ministerium.

Bereits seit Mitte Juni müssen die Däninnen und Dänen kaum noch Maske tragen. Einzige Ausnahme bleibt nun der Luftverkehr: Fliegt man, gilt die Anforderung eines Mund-Nasen-Schutzes nämlich noch immer, da der Luftverkehr nach Angaben des Verkehrs­ministeriums unter internationale Regeln fällt.

RND/md/bh/kd/lr/dpa/ap

Von Martin Dahms, Birgit Holzer, Karl Doemens/RND

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