Samstag , 3. Dezember 2022
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Binnenvertriebene aus den nördlichen Provinzen, die aufgrund von Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften aus ihrer Heimat geflohen sind, warten in einem öffentlichen Park in Kabul auf kostenlose Lebensmittel. Quelle: Rahmat Gul/AP/dpa

Afghanistan: Flüchtlingsrat NRW rechnet mit mehr Schutzsuchenden

Bochum. Angesichts der Lage in Afghanistan rechnet der Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen wieder mit mehr Schutzsuchenden aus dem Land. „Die Kapazitäten in Deutschland sind da“, sagte Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW am Dienstag. Weil die Zahl der Ankommenden zuletzt auf niedrigem Niveau gelegen habe und in den Landeseinrichtungen nach den Erfahrungen von 2015 viele Reserveplätze vorgehalten würden, könne man schnell reagieren, sollte es notwendig sein. „Auch die Kommunen haben gelernt, können auf Strukturen zurückgreifen und haben vielfach Puffer geschaffen“, sagte sie. 2015 waren mehrere hunderttausend Migranten weitgehend unkontrolliert nach Deutschland eingereist.

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Wie groß das Ausmaß der nicht kontrollierten Flüchtlingsbewegungen sein werde, hänge aber von vielen Faktoren ab, die sowohl die EU als auch Deutschland nun beeinflussen könnten, sagte Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrates in NRW.

Akut-Aufnahmeprogramm gefordert

Aufnahmeprogramme zunächst für unmittelbar bedrohte Gruppen sowie die Schaffung sicherer Fluchtwege in die Nachbarländer gehörten zu den wichtigsten Sofortmaßnahmen. „Wir fordern ein Akut-Aufnahmeprogramm das weit über die Ortskräfte hinausgeht. Wir sprechen hier von mehreren zehntausend Menschen, die akut in Gefahr sind.“, sagte Naujoks.

Auch Familienangehörige von Geflüchteten, die bereits in Deutschland seien, Mitarbeiter von deutschen oder aus Deutschland finanzierten NGOs sowie beispielsweise Menschenrechtler, kritische Journalistinnen oder queere Menschen müssten nun so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden. „Das geht zur Zeit nur über eine Luftbrücke“, sagte Naujoks.

Auch für diejenigen, die es in die Nachbarländer Afghanistans schafften, brauche es anschließend Perspektiven, betonte Naujoks. Je besser die Bedingungen dort und je umfangreicher die aufzulegenden Aufnahmeprogramme von Deutschland und der EU, desto weniger Menschen seien gezwungen, sich auf den Weg in Richtung Europa zu machen. „Wir brauchen großzügige Umsiedelungsprogramme für Schutzbedürftige aus Afghanistans Nachbarländern. Sie machen nicht nur eine sichere Einreise möglich, sondern ermöglichen es auch den Aufnahmeländern, sich gut vorzubereiten und das Geschehen zu kontrollieren“, erklärte sie.

Migrationsforscher hält Warnungen für übertrieben

Der Migrationsforscher Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält indes Warnungen vor Flüchtlingszahlen in Deutschland in einer Größenordnung wie 2015 und 2016 für überzogen. Es sei unlauter, wenn Politiker mit Warnungen vor einer Wiederholung des Jahres 2015 Ängste schürten, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Ich gehe davon aus, dass die Zahl afghanischer Flüchtlinge in der EU in den kommenden Monaten weiter wachsen wird, dass wir aber bei weitem nicht die Zahlen von 2015 und 2016 erreichen werden.” In den beiden Jahren kamen mehr als 1,1 Millionen Asylsuchende nach Deutschland, viele von ihnen Syrer.

Gleichwohl werde nicht nur die Zahl der Geflüchteten innerhalb Afghanistans zunehmen sondern auch die Zahl jener, die versuchten, ins Auslang zu gelangen, sagte Angenendt. „Es wird zunächst neue Fluchtbewegungen nach Iran und Pakistan geben, in Länder, die schon seit langem viele afghanische Flüchtlinge aufgenommen haben, die zunehmend überlastet sind und in denen die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge immer schlechter werden.” Ob die Menschen dort bleiben könnten, hänge auch der der Unterstützung Deutschlands für diese Aufnahmeländer ab.

„Dass aber diese Menschen demnächst in sehr großer Zahl nach Europa weiterwandern, halte ich derzeit für wenig wahrscheinlich”, sagte Angenendt. „Dagegen sprechen schon die große Entfernung und die damit verbundenen hohen Kosten.” Der Vergleich sei auch deshalb krumm, weil 2015 und 2016 die meisten Flüchtlinge aus Syrien kamen. „Sie hatten also deutlich kürzere Wege nach Europa als die Afghanen.” Zudem hätten die meisten Transitländer zwischen Afghanistan und Deutschland in den vergangenen Jahren die Grenzüberwachung massiv verschärft. „Das macht die Flucht noch riskanter und teurer.”

RND/dpa