Montag , 5. Dezember 2022
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Die äthiopische Regierung hat in dem Tigray-Konflikt offenbar auch Zivilisten, die in anderen Teilen des Landes leben, festgenommen. Selbst Kinder sind laut Zeugen unter den Gefangenen. Quelle: Uncredited/UNICEF/AP/dpa

Äthiopien sperrt offenbar Zivilisten und auch Kinder aus Tigray in Lager

Die Menschen werden demnach in Lagern unter grausamen Bedingungen festgehalten.

Nairobi. Menschenrechtler schlagen Alarm: Immer wieder seien zuletzt Angehörige der Volksgruppe der Tigrayer aus dem Norden spurlos verschwunden, heißt es. In der zentraläthiopischen Region Oromia soll es ein Lager geben, in dem nicht nur Kämpfer aus Tigray festgehalten werden, sondern auch deren Familien. Mehr als 700 Menschen lebten dort unter grausamen Bedingungen, sagt einer der Insassen über ein verstecktes Telefon der Nachrichtenagentur AP.

„Sie bezeichnen uns als Krebs und sagen uns, dass sie uns vernichten werden“, berichtet der Mann, der aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen anonym bleiben will. Aufseher hätten gedroht, „jeden einzelnen von euch“ zu erschießen, falls irgendwer zu flüchten versuche.

Laufend würden weitere Insassen ohne Gerichtsverfahren eingeliefert, betont der Gefangene. Seinen Angaben zufolge sind schon drei Personen in dem Lager gestorben, zwei von ihnen an den Folgen von Schlägen. Und es seien mindestens fünf Kinder unter drei Jahren interniert, fügt er hinzu.

Konflikt begann als politischer Streit

Die AP konnte die Schilderungen des Mannes nicht eigenständig überprüfen, da die äthiopische Regierung der Presse keinen Zugang zu Haftanstalten gewährt. Eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bestätigte, dass die Hilfsorganisation seit Juli derartige Lager besuche, konnte aber keine Angaben zu den dort herrschenden Bedingungen machen.

Der Konflikt in Äthiopien begann als politischer Streit zwischen Ministerpräsident Abiy Ahmed und Anführern aus Tigray, die fast drei Jahrzehnte die Regierung des Landes dominiert hatten. Seit Ausbruch der Kämpfe im vergangenen November sind bereits Tausende Menschen getötet worden. Mehrere Millionen sind in Tigray von Hunger bedroht.

Im Juni mussten sich die äthiopischen Streitkräfte aus der Region im Norden zurückziehen. Seit einigen Wochen kommt es auch in den Nachbarregionen Amhara und Afar zu Gewalt. Auch dort sind nun Hunderttausende auf der Flucht.

Militärische Rückschläge für Äthiopien

Die nach anfänglichen militärischen Erfolgen plötzlich in die Defensive geratene äthiopische Regierung rief vergangene Woche alle Bürger dazu auf, die Truppen aus Tigray „ein für alle Mal“ zu stoppen. Die Äthiopier wurden auch ermahnt, nach möglichen Kollaborateuren Ausschau zu halten.

Von offizieller Seite wird zwar stets betont, dass sich die Offensive nur gegen Kämpfer aus Tigray richte und nicht gegen Zivilpersonen aus der Region. Es gibt aber immer mehr Hinweise darauf, dass diese Darstellung nicht der Wirklichkeit entspricht.

Ein Sprecher der äthiopischen Streitkräfte, Oberst Getinet Adane, ließ eine Anfrage der AP bezüglich der Beschreibungen des Lagers in Oromia sowie des Vorwurfs, dass dort auch Kinder festgehalten würden, unbeantwortet.

Willkürliche Festnahmen

In einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hieß es am Mittwoch, die äthiopischen Behörden nähmen in der Hauptstadt Addis Abeba willkürlich Menschen aus Tigray fest und ließen sie verschwinden. Die Autoren des Berichts beriefen sich dabei auf Interviews mit acht derzeitigen und ehemaligen Inhaftierten sowie auf Angehörige, Anwälte und Zeugen in 23 Fällen, bei denen Personen vermisst werden.

Mehrere der Befragten hätten erzählt, dass sie festgenommene Zivilpersonen aus ihrem Freundes- und Verwandtenkreis später im Staatsfernsehen gesehen hätten, wo sie als angebliche Kämpfer aus Tigray vorgeführt worden seien, hieß es in dem Bericht.

Die Regierung müsse sofort mit diesem Vorgehen auf Grundlage von Volksgruppenzugehörigkeit aufhören, sagte die Human-Rights-Watch-Expertin Laetitia Bader. Denn damit würden alle Tigrayer ungerechtfertigt unter Verdacht gestellt.

Abiy will in die Türkei reisen

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts war der US-Sondergesandte Jeffrey Feltman gerade nach Äthiopien aufgebrochen, um auf ein Ende der Kämpfe hinzuarbeiten. Laut Berichten der Staatsmedien hatte Abiy für Mittwoch allerdings eine Reise in die Türkei geplant.

Ob es zu einem persönlichen Treffen zwischen Feltman und dem Ministerpräsidenten kommen würde, war daher zunächst unklar. Abiys Sprecherin Billene Seyoum und das US-Außenministerium äußerten sich nicht dazu.

Einer der vielen, die in den vergangenen Tagen festgenommen wurden, ist Hailu Kebede, ein Vertreter der Oppositionspartei Salsay Woyane Tigray, der Diplomaten und andere internationale Akteure über die Ereignisse in dem Krieg unterrichtet hatte.

Sein Anwalt Kirubel Gebregziabher bestätigte, dass ihm Kriegsbeteiligung und die Verbreitung falscher Informationen bezüglich eines äthiopischen Luftangriffs auf einen belebten Markt in Tigray im Juni vorgeworfen werde. Seine nächste Gerichtsanhörung war auf Donnerstag verschoben worden. Anhänger werteten dies als einen Versuch der Regierung, ein Treffen Hailus mit dem US-Gesandten zu verhindern.

Während die militärische Offensive in Tigray von vielen Äthiopiern durchaus begrüßt wird, zeigen sich manche angesichts des Umgangs mit Tigrayern in ihrem direkten Umfeld besorgt. Im Gespräch mit der AP beschrieb ein Regierungsmitarbeiter vergangene Woche mit Tränen in den Augen, wie die Polizei und örtliche Behörden in seiner Heimatstadt in der Region Oromia Familien aus Tigray mitteilen würden, dass sie innerhalb von Stunden ihre Wohnungen zu räumen hätten.

Sie täten dies „ohne jegliche juristische Papiere“, betonte der Mann, der aus Angst vor Repressalien ebenfalls anonym bleiben wollte. „Es ist schrecklich“, sagte er. „Ich bin ein patriotischer Mensch. Aber das bedeutet nicht, dass ich hinter der Regierung stehe, wenn sie in inakzeptabler Weise gegen Tigrayer vorgeht.“

RND/AP