Freitag , 2. Dezember 2022
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Aschraf Ghani, geflüchteter Präsident von Afghanistan, wird entgegen vieler Behauptungen nicht von Interpol gesucht. Quelle: Mariam Zuhaib/AP/dpa

Wirbel um Afghanistans Präsidenten: Wird Ashraf Ghani jetzt von Interpol gesucht?

Kabul/Berlin. Kurz bevor die fundamentalistischen Taliban­kämpfer den Präsidentenpalast in Kabul stürmen konnten, flüchtete Afghanistans Präsident Ashraf Ghani zum Flughafen der Hauptstadt. Schon kurz nach Ghanis Flucht berichteten Augenzeugen in sozialen Netzwerken, der Präsident habe mit dem Flugzeug auch Staatsgelder in Millionenhöhe außer Landes geschafft. Laut der russischen Botschaft solle der entmachtete Präsident mit vier Wagen und einem Hubschrauber voller Bargeld geflüchtet sein.

Diese Vorwürfe bekräftigte am Mittwoch auch der afghanische Botschafter in Tadschikistan, Mohammad Zahir Aghbar. Bei einer Pressekonferenz nannte er eine Summe von umgerechnet rund 145 Millionen Euro. Daher wolle er bei Interpol die Festnahme Ghanis und seiner Berater Hamdallah Moheb und Fazl Mahmoud Fazli beantragen.

Interpol sucht nicht nach Präsident Ghani

Ghani befindet sich im Exil in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Anschuldigungen wies er umgehend zurück. Auf Facebook erklärte er, es handele sich um Lügen.

Interpol erklärte gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND), dass man derzeit nicht nach Ghani oder seinen beiden Beratern fahnden würde. Es gebe kein Ersuchen nach einer sogenannten Red Notice, also der Bitte um Festnahme oder vorläufige Festnahme mit dem Ziel einer Auslieferung. Außerdem erklärte ein Interpol-Sprecher: „Wenn eine solche Anfrage eingeht, wird geprüft, ob sie mit der Verfassung und den Regeln von Interpol vereinbar ist.“ Ob Interpol also überhaupt einem möglichen Auslieferungs­gesuch nachkommen würde, ist unklar.

Interpol sperrt Afghanistan aus

Aufgrund der Macht­übernahme der Taliban hat Interpol zudem den Zugriff der afghanischen Behörden auf die Interpol-Datenbanken gesperrt. Dies bestätigte ein Interpol-Sprecher gegenüber dem RND. Auch auf das Interpol-Kommunikations­netzwerk (Interpol Global Communication System 24/7) könne Afghanistan vorübergehend nicht zugreifen.

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Am Sonntag hatten die islamistischen Taliban die Hauptstadt Kabul erobert. Teile der afghanischen Regierung waren kurz zuvor geflohen. Die Taliban bemühen sich seitdem öffentlichkeits­wirksam, dass afghanische Beamte zurück an ihre Arbeit gehen. Viele haben jedoch Angst vor Repressalien und Rache der Taliban.

RND

Von Sven Christian Schulz /RND