Als mir mein Lehrer in der Oberstufe sagte „Politikfragen sind immer auch Machtfragen“, lag ich vermutlich mit dem Kopf auf dem Tisch. Quelle: Pixabay/RND-Montage Weinert

Der Mann im zu großen Sakko hatte recht

Hannover. Es ist ein ganz normaler Tag im Jahr 2017. Am kommenden Sonntag wird in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt. Große Teile der Nation grübeln, diskutieren oder streiten. Hält sich Angela Merkel nach der Flüchtlingskrise im Amt? Wie wäre eine Regierung ohne Mutti? Welche Koalition sichert die Rente am besten? Auf den Gängen, vor dem Lehrerzimmer, im Klassenraum – überall wird über diesen einen Sonntag gesprochen, der über die nächsten vier Jahre in Deutschland entscheiden soll. Es geht um Zuwanderung, Steuern und wenige Monate nach den Anschlägen von Paris auch um die bange Frage: Wer schützt uns vor Terror? Immerhin, mit einer Pandemie hat damals noch niemand von uns gerechnet.

Mein Name ist Nils, heute bin ich 21 Jahre alt und unter meinen Kolleginnen und Kollegen bin ich der Einzige, der noch nie seine Stimme bei einer Bundestagswahl abgeben durfte. Vor vier Jahren war ich mit 17 Jahren noch zu jung, um meine zwei Kreuze setzen zu dürfen und mich so am politischen Geschehen in Deutschland beteiligen zu können. Und auch, wenn politische Lager stetig darum ringen, ob die Altersgrenze für bundesweite Wahlen auf 16 herabgesetzt werden soll, kann ich von mir ohne schlechtes Gewissen sagen: Im Spätsommer 2017 wäre eine Wahlentscheidung für mich definitiv zu früh gewesen.

Mein Lehrer betritt den Klassenraum mit einem fröhlichen, aber doch vergleichsweise lauten „Guten Morgen!“ – in der letzten Reihe heben sich langsam die Köpfe, die bis eben noch in den Armbeugen verkrochen versuchten, ein paar Sekunden Schlaf nachzuholen.

In meiner Schulzeit war ich immer engagiert. Ich konnte mich sehr gut für Themen begeistern, von denen ich vorher nie etwas gehört hatte: die landwirtschaftliche Entwicklung im Amerika der Siebzigerjahre, die Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Jahr 1919 oder die Bestimmung der Nullstelle mit Hilfe der PQ-Formel. Es gab jedoch eine Ausnahme: Von Politik hatte ich damals keinen blassen Schimmer. Stattdessen habe ich lieber bewusst die Mittagspause etwas in die Länge gezogen, in meine Hefte gemalt oder mich mit Sitznachbarn über Fußball unterhalten. Hätte ich mir ein Fach aussuchen dürfen, mit dem ich in meinem späteren Leben nie wieder in Berührung hätte kommen müssen, es wäre mit Sicherheit Politik gewesen. Ich wusste vor vier Jahren einfach nicht, wie spannend und polarisierend die Politik, vor allem die deutsche, doch sein kann, wie weitreichend Wahlentscheidungen das Leben jedes einzelnen betreffen.

Deshalb sträubte ich mich gegen das Schulfach Politik. Für mich bedeutete es nie mehr als die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wer bekommt wie viele Sitze im Bundestag?“, verbunden mit unübersichtlichen Grafiken, die wir für die nächste Klassenarbeit auswendig lernen sollten. Die Debatte um die Herabsetzung des Wahlalters in Deutschland wäre für mich also mit einer ganz klaren Antwort abzuwenden gewesen. Wahrscheinlich hätte ich einfach gesagt: „Von mir aus darf die Altersgrenze sogar hochgestuft werden.“

Beispiele dafür gibt es schließlich in der Geschichte. Bei der Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 lag die Altersgrenze für Wahlen noch bei 25 Jahren, hinzu kam, dass nur Männer wählen durften. Rein rechnerisch wäre ich nach damaligem Stand also erst bei der Bundestagswahl 2025 wahlberechtigt gewesen. Vor vier Jahren hätte es mich vermutlich wenig gestört, wenn es bis heute so gewesen wäre. Doch wäre das in einer modernen Demokratie überhaupt sinnvoll? In Artikel 20 des Grundgesetzes heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Noch mal der Blick zurück: Im Jahr 1871 waren gerade einmal 20 Prozent der deutschen Bürger wahlberechtigt. Das politische Geschehen bestimmte also eine Minderheit.

„Wahlrechtsfragen sind immer auch Machtfragen.“ Der Satz meines Lehrers, der an diesem Tag kurz vor der Bundestagswahl 2017 die Schulstunde beenden soll, wird von der Pausenklingel verschlungen. „Darum werden wir uns dann in der nächsten Woche kümmern.“ Richtig überzeugt bin ich nicht. Ich mache mich auf den Heimweg.

Heute sieht das anders aus. Durch meinen Beruf komme ich immer wieder mit Politik in Berührung und bemerke mit jedem Absatz, den ich morgens in der Zeitung lese, in wie vielen Bereichen sich Politik versteckt. Im Rahmen meiner Ausbildung durfte ich einen Monat in unserem Hauptstadtbüro verbringen, ich besuchte zwei Sitzungen im Bundestag in Berlin und ich sprach mit mehreren Politikwissenschaftlern über die junge Generation und wie sich das Bewusstsein für die Politik in den vergangenen Jahren geändert hat. Mein 17-jähriges Ich hätte mich dafür vermutlich ausgelacht.

Wählen mit 16? SPD, Grüne und Linke würden profitieren

Bei meiner Recherche sind mir die fast schon vergessenen Worte aus dem Politikunterricht wieder begegnet: „Wahlrechtsfragen sind immer auch Machtfragen.“ SPD, Grüne, Linke – vor allem diese Parteien sind es, die immer wieder eine bundesweite Absenkung auf 16 Jahre fordern. In diesem Alter wächst gemeinhin auch das Bewusstsein für Politik, was die Klimaschutzbewegung Fridays for Future aktuell eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Laut einer Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) besuchen 49,3 Prozent der Menschen, die Woche für Woche für das Klima auf die Straße gehen, noch die Schule. Wiederum 53,3 Prozent von ihnen verorten sich laut der Umfrage politisch links. Eine Herabsetzung der Altersgrenze wäre also für Parteien, die den Zielen von Fridays for Future nahestehen, möglicherweise von großem Interesse. „Konservative Parteien sind generell etwas populärer in höheren Altersgruppen, die Grünen dagegen immer noch bei den Jüngeren“, sagt Professor Martin Emmer von der Freien Universität in Berlin.

Demografisch gesehen, würden manche Parteien von einer Herabsetzung des Wahlalters demnach stärker profitieren. Die Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen brächte bei der Bundestagswahl 2021 insgesamt 1,5 Millionen zusätzliche Stimmen, würde das Wahlalter herabgesetzt.

Fakt ist aber nun mal: Im Jahr 2021 dürfen nur deutsche Bürgerinnen und Bürger über 18 Jahre wählen. Schwindet damit ein wichtiger Faktor für den Umweltschutz? Die Klimakrise sei laut Emmer ein „sehr starkes normatives Argument, jüngere Generationen stärker an politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen“. Doch ist es denn wirklich so hilfreich, sich allein auf das Wählen zu konzentrieren? „Mit Fridays for Future haben wir gesehen, wie stark der Druck auf die Politik sein kann, der von außerparlamentarischem Aktivismus ausgeht“, sagt Emmer.

Außerdem gebe es bereits etliche Experimente, die junge Menschen stärker einbezögen und somit die Politik dynamischer machten, politischen Entscheidungen mehr Legitimität verliehen. „Bürgerräte zum Beispiel.“ Solche Formate könnten insbesondere jüngere Menschen ansprechen, „die von der etablierten Parteipolitik – formale Wahlen eingeschlossen – nicht mehr erreicht werden“, erklärt Emmer.

Für mich steht die Entwicklung von Fridays for Future beispielhaft für den Einfluss des Einzelnen in einem freien demokratischen System. Angefangen mit dem Schulstreik der damals 15-jährigen Schwedin Greta Thunberg, die sich mit einem selbst gebastelten Pappschild vor das Stockholmer Reichstagsgebäude setzte, bis hin zu einer globalen Klimabewegung, die bis heute auf der ganzen Welt Millionen Anhängerinnen und Anhänger hinter sich versammelt. Politik ist überall.

Ein gewisses Kribbeln spüre ich vor dieser großen Bundestagswahl 2021. Wer am Ende die Nachfolge von Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel antritt, entscheidet sich mit dieser Stimmabgabe. Für mich ist aber auch klar geworden: Politik ist mehr als nur die Sitzverteilung im Bundestag, sie ist im Jahr 2021 auch auf den Straßen, sie lebt in anderen Organisationsformen fernab des Parteisystems und der Regierung. Politik ist vielfältig, sie darf polarisieren und sie betrifft alles, was Menschen auf der Welt bewegt. Könnte ich meinem 17-jährigen Ich eine Notiz mit auf den Weg geben, sie würde ein gut gemeinter Rat sein, dem Mann mit dem etwas zu großen Sakko an der Tafel meines Klassenraumes, der einmal mein Politiklehrer war, zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken. Doch eines ist klar: An diesem Wahlwochenende setze ich erstmals meine zwei Kreuze.

Dieser Text ist Teil von „Generation XX – zwei Kreuze für die Zukunft“, einem Projekt der Volontärinnen und Volontäre des RND zur Bundestagswahl. Bei Generation XX stehen die jungen Wählerinnen und Wähler im Fokus: Wen wollen sie wählen? Welche Themen sind ihnen wichtig? Was macht die Generation aus? Alle Ergebnisse, Analysen und Reportagen können Sie unter generationxx.rnd.de abrufen.

Von Nils Weinert/RND

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