Dienstag , 21. September 2021
Georg Günther (links) und Philipp Amthor, die CDU-Kandidaten in den Wahlkreisen 15 und 16. Quelle: imago images/BildFunkMV

Wahlkreis 15 und 16 – Rügen/Vorpommern: Merkels Erbe und Amthors Gegner

Berlin. Georg Günther tritt sein Erbe mit vorsichtigen Schritten an. Es ist ein schweres Erbe, es könnte ihm entgleiten. Die Umfragen werden immer knapper, auch im Wahl­kreis 15, der die Insel Rügen und die Hanse­städte Stral­sund und Greifs­wald umfasst.

Angela Merkel war 16 Jahre Kanzlerin, hier oben im Nord­osten war sie fast doppelt so lange direkt gewählte Abgeordnete. Seit 1990 gewinnt Merkel hier für die CDU. Und nun kommt ein 33-jähriger Finanz­beamter mit Wuschel­frisur und soll in der schwersten Krise der Konservativen als Neuling den Wahl­kreis sichern.

Er sitzt in Greifswald auf einer Bühne, auf der sein Name nur klein vermerkt ist, viel größer prangt dort derjenige seines Wahl­kreis­nach­­barn: Philipp Amthor. Der hat vor vier Jahren den Wahlkreis 16 in Vorpommern gegen die AfD verteidigt, mit 24 Jahren und scharfem Angriffs­kurs. Danach wollte er zu schnell zu viel – und auch noch nach New York, aber dazu später.

Amthor hat ein Netz­werk in der CDU, Friedrich Merz ist eng mit ihm. Der hält an diesem Abend in Greifswald eine scharfe Rede, Amthor tut es ihm gleich. Günther spitzt ungern zu, das ist erkennbar nicht seine Welt. Nach dem Auftritt rauschen Merz und Amthor gemeinsam in der schweren Limousine ab, Günther bleibt und beantwortet geduldig weiter Reporter­fragen.

Ja, Merkel macht noch einmal mit ihm gemeinsam Wahl­kampf. Ja, er war 2006 schon einmal bei ihr im Kanzler­amt, auf einer Berlin-Reise mit der Schule. Danach trat er in die Junge Union ein, weil er sich für einen Sport­platz im Ort und gesundes Schul­essen am Gymnasium einsetzen wollte.

Und nun ist er hier und putzt Klinken, ist unterwegs. Er glaubt, dass die Stimmung besser ist als die Umfragen. Bedächtig nach Berlin, das scheint sein Ziel. Ist Amthor sein Vorbild, gehört er zu dessen Netzwerk? „Ich werde meinen eigenen Weg gehen“, sagt Günther entschieden.

Aussichtsreiche Kandidaten sind allesamt Jungpolitiker

Anna Kassautzki will ihm diesen Weg abschneiden. „Der Merkel-Wahl­kreis muss in weiblicher Hand bleiben“, sagt die 27-Jährige und horcht diesem Satz lächelnd nach, weil er so schön klingt. Die Uni­mitarbeiterin steht in der Greifs­walder Fuß­gänger­­zone, flankiert von einer freund­lichen Juso-Gang, die Stimmung ist gut, Olaf Scholz grinst von den Flyern.

Der Wahl­kampf im Nordosten ist ein Duell in der Alters­klasse U35. Kassautzki gegen Günther, Amthor gegen den 35-jährigen Greifs­walder Gewerk­schafter Erik von Malottki.

Knappe Siege führen von hier nach Berlin. Die AfD ist stark, aber nicht mehr ganz so bedrohlich wie vor vier Jahren. Ein bisschen über 20 Prozent und man kann durch sein. Die Umfragen helfen der SPD – und von Malottki hilft sein Gegner. Amthors Affären, der Korruptions­verdacht, die Lobby­­tätigkeit für die New Yorker Firma Augustus Intelligence, das schadet vor allem bei den Älteren, Boden­ständigen.

Von Malottki spielt die Karte voll aus. Er nennt sich „Anti­korruptions­kandidat“. Beim Haus­tür­wahl­kampf auf Usedom sitzt er bei alten Damen auf dem Sofa und sagt: „Amthor kriegt 10.000 Euro pro Monat in Berlin, und das reicht ihm nicht?“

Im Niedrig­lohn­­land im Nord­osten klingt die Summe unvorstellbar, und viele hören gern, was von Malottki verspricht: höherer Mindest­lohn, gute Tarif­abschlüsse, ordentliche Renten. Auch Anna Kassautzki in Greifs­wald stellt die sozialen Themen nach vorne. Es riecht nach Trend­­wende. Doch nächste Woche kommt noch einmal Merkel in ihre alte politische Heimat. Das Erbe ist noch nicht verteilt.

Von Jan Sternberg/RND