Das Superwahljahr 2021: Die Union setzt unter den Parteien besonders häufig auf Negative Campaigning. Quelle: imago images/Martin Müller/Eibner/Future Image/Rene Traut/Hessland/RND Montage Behrens

Keiner attackiert seine Gegner so häufig wie die Union: Wie schmutzig ist dieser Wahlkampf?

Berlin/München. Die Bundestagswahl 2021 erweckt bei vielen Menschen den Eindruck, besonders schmutzig zu sein. Angriffe auf den politischen Gegner sind an der Tagesordnung, statt mit eigenen Inhalten Wählerinnen und Wähler zu überzeugen. Dieses sogenannte Negative Campaigning lässt sich nun auch empirisch nachweisen. Ein Forscherteam an der Ludwig-Maximilians-Universität München analysiert in diesem Wahlkampf die Social-Media-Beiträge der Spitzenkandidaten und der im Bundestag vertretenen Parteien. Rund 1500 Beiträge haben sie bisher ausgewertet. Das Ergebnis: Die Union attackiert am häufigsten ihre Gegner, die SPD musste bisher am meisten einstecken. Mehr als 40 Prozent aller Angriffe gingen von CDU und CSU aus, fast die Hälfte von ihnen traf die Sozialdemokraten. Dies zeigen Daten des Forscherteams, die dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) vorliegen.

Eine mögliche Erklärung für die Angriffe der Union auf die SPD sieht Forschungsleiter Jörg Haßler darin, dass die Union sich ursprünglich auf einen Zweikampf mit den Grünen eingestellt hatte. „In dem Moment, wo die SPD in den Umfragen zugelegt hat und eine nennenswerte Größe geworden ist, brauchte die Union eine neue Strategie. Und auf die Schnelle ist es dann immer leichter, Angriffe gegen den politischen Gegner zu fahren.“

Negative Campaigning von Regierungsparteien ist ungewöhnlich

Dass eine Regierungspartei Angriffe gegen den politischen Gegner fährt, sei ungewöhnlich. Denn in der Vergangenheit konnten sie meist besser mit der Bilanz ihrer eigenen Leistungen bei Wählerinnen und Wählern punkten. Außerdem goutieren die Deutschen Attacken auf den Gegner meist nicht, anders als etwa in den USA.

Haßler warnt zudem, dass Angriffe auf den Gegner immer eine große Gefahr bergen: „Zwar kann eine Partei damit die eigenen Wähler mobilisieren, aber auch die Anhänger des Gegners gegen sich aufbringen“, erklärt der Kommunikations­wissenschaftler. Außerdem könnten die Angriffe auf die eigene Partei zurückfallen.

Die Union greift in diesem Wahlkampf zum Beispiel Olaf Scholz für Versäumnisse im Fall Wirecard und bezüglich der Anti-Geldwäsche-Behörde FIU an. „Sie setzt darauf, dass bei den Bürgern ein negativer Eindruck von der SPD hängen bleibt“, erläutert Haßler. Doch diese Attacken könnten zum Eigentor für die Union werden: „Denn gleichzeitig wird bei den Menschen der Eindruck von Korruption aktiviert, und das ist für die Union ein riskantes Unterfangen, weil sie selbst mit der Maskenaffäre und der Aserbaidschan-Connection diesen Korruptions­vorwürfen ausgesetzt war.“

Union hat zuletzt die Anzahl ihrer Angriffe verdoppelt

Viele Alternativen hat die Union jedoch nicht, sie ist „in einer Zwickmühle“, meint Kommunikations­wissenschaftler Haßler. Die schwachen Beliebtheitswerte von Laschet reichen seiner Einschätzung nach nicht aus, um darauf eine positive Kampagne aufzubauen. „Dass sie jetzt Angriffe auf SPD, Grüne und Linke fahren, nützt ihnen aber auch nichts, sondern fällt eher auf sie zurück.“

Auch wenn es vor dieser Wahl ungewöhnlich viele Angriffe auf die politischen Gegner gibt, sei der Wahlkampf weitgehend auf einem sachlichen Niveau. „Union und SPD attackieren überwiegend die politischen Ziele, die früheren Leistungen und die professionelle Kompetenz ihrer Gegner“, sagt der Experte. Nur bei der AfD beobachtet das Forscherteam besonders viele populistische Beiträge in den sozialen Netzwerken, die als Hinweis auf einen „schmutzigen“ Wahlkampf gelten. Auch wenn der Ton im Wahlkampf also ungewöhnlich laut und rau ist, so ist der Kampf um die Wählergunst meist sachlich statt schmutzig.

In den letzten sechs Tagen der Analyse hat die Union die Anzahl ihrer Angriffe noch einmal knapp verdoppelt. Haßler geht deshalb nicht davon aus, dass es vor der Wahl ruhiger und weniger Attacken geben werde.

Hinweis zum Forschungsprojekt: Der bisher ausgewertete Untersuchungszeitraum umfasst Beiträge von den Profilen der im Bundestag vertretenen Parteien und ihrer Spitzenkandidierenden auf Facebook und Instagram im Zeitraum 30. August 2021 bis 16. September 2021. Für die nachfolgenden Tage bis zur Wahl folgt die Auswertung zu einem späteren Zeitpunkt.

Von Sven Christian Schulz /RND