Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gehen während ihres bilateralen Treffens durch den Garten von Chequers, dem Landhaus des britischen Premierministers. Quelle: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Großbritanniens Blick nach Deutschland: „Merkelism“ ohne Merkel

London. Als sich Angela Merkel und Boris Johnson im Juli zum letzten Mal auf dem britischen Landsitz Chequers trafen, inszenierten sie ihre Begegnung pandemiebedingt auf Abstand: lächelnd mit einem Ellenbogengruß. Entlang dieser Geste könnte man auch das Verhältnis der beiden Politiker beschreiben: freundlich, aber distanziert. Man müsse sich gegenseitig kein Zeugnis ausstellen, sagte Merkel nach der Begegnung über die Beziehung zu dem britischen Premierminister.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist der Blick der Briten auf Angela Merkels Amtszeit mindestens ebenso ambivalent. So sind viele zwar der Meinung, dass sie das Image Deutschlands im Ausland durchaus verbessert und einen Beitrag zur Bewältigung des Klimawandels geleistet hat. Im Hinblick auf ihren Umgang mit europäischen Themen wie der Migrationskrise und vor allem, was den Brexit angeht, ziehen viele jedoch eher eine negative Bilanz.

„Für diejenigen, die die EU verlassen wollten, stand sie für die unflexible Haltung Europas, wenn es um Verhandlungen geht“, erklärt Joël Reland, Experte für internationale Beziehungen beim Think Tank „UK in a changing Europe“.

Auch Marius Ostrowski, Politikwissenschaftler des Max-Weber-Instituts, betont die wichtige Rolle der Kanzlerin. „Für die Briten war sie die Königin Europas.“ Man musste sich insbesondere mit ihr gutstellen, wenn man seine Interessen verfolgen wollte. Doch oft genug wurden die hohen Erwartungen enttäuscht, etwa in Sachen Reformen in der EU.

Auch mit Blick auf die Bundestagswahl interessierten sich die Briten insbesondere dafür, was diese für das Verhältnis zur EU bedeutet. Dabei ging man lange davon aus, dass nach der Wahl im Großen und Ganzen alles so bleibt, wie es war. Man erwartete einen „Merkelism ohne Merkel“, wie Ostrowski es beschreibt. Doch nun dämmere den Briten langsam, dass sie damit vielleicht falsch lagen. „Denn obwohl sich Scholz als eine Fortsetzung von Merkel inszeniert, ist er eben doch Mitglied der SPD. Und das muss etwas heißen“, erklärt Ostrowski.

Dabei treibt die Medien auf der Insel insbesondere die Frage um, wie links die deutsche Regierung am Ende tatsächlich sein wird. Denn auch aus Sicht der Briten kann sich Deutschland, je nach Koalition, in ganz unterschiedliche Richtungen bewegen, so Ostrowski. Darüber hinaus wird diskutiert, ob Deutschland nach der Wahl auf der internationalen Bühne aktiver wird. „Das ist aber tatsächlich eher eine Hoffnung als eine Erwartung.“

Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt, der die Briten an dieser Wahl interessiert: „Sie wollen wissen, was sie dadurch über sich selbst erfahren können“, sagt Joël Reland. Denn auch in Großbritannien waren die Sozialdemokraten lange Zeit auf dem Rückzug. „Falls Scholz mit Themen wie der Erhöhung des Mindestlohnes tatsächlich Kanzler wird, dann wird man hier ganz sicher darüber sprechen, was das für die Labour-Partei bedeutet.“

Dennoch: Insgesamt sei das Interesse der Briten am Urnengang der Deutschen gering, insbesondere im Vergleich zu anderen Wahlen, wie beispielsweise der in der USA. „Viele werden das erste Mal davon hören, dass überhaupt gewählt wurde, wenn der neue Kanzler oder die neue Kanzlerin feststeht“, sagt Reland.

Von Susanne Ebner/RND