Andreas Westerfellhaus ist Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung.

Pflegebeauftragter Westerfellhaus: „Pflegekräfte schauen mit Sorge auf den Herbst“

Berlin. Andreas Westerfellhaus ist selber gelernter Krankenpfleger und war in der Intensivpflege tätig, bevor er Präsident des Deutschen Pflegerates wurde. Seit April 2018 setzt er sich nun als Pflegebeauftragter der Bundesregierung für die Interessen pflegebedürftiger Menschen ein.

Im RND-Interview spricht er über die Herausforderungen in der Pflege, was in der nächsten Legislaturperiode für die Berufsgruppe geschehen muss – und inwiefern die Pflegeausbildung verbessert werden sollte.

Herr Westerfellhaus, in wenigen Tagen ist Bundestagswahl: Kam das Thema Pflege bisher genügend im Wahlkampf vor?

Das Thema Pflege liegt den Menschen am Herzen, es muss deshalb im Wahlkampf noch intensiver auf die Tagesordnung, auch wenn es wahrlich kein Thema ist, bei dem es einfache Antworten gibt. Die Menschen erwarten, dass ganz konkrete Schritte aufgezeigt werden, wie die pflegerische Versorgung sichergestellt und finanziert werden kann und wie der Fachkräftemangel in Zukunft angegangen wird.

Die Corona-Pandemie war eine große Belastung für Pflegekräfte. Wie ist die aktuelle Arbeitssituation?

Zurzeit ist die Situation beherrschbar, dennoch schauen Pflegekräfte mit Sorge auf den Herbst. Die meisten Pflegenden haben wenig Verständnis dafür, dass Deutschland keine ausreichende Durchimpfung in der Bevölkerung hat. Ich appelliere daher an alle, sich zeitnah impfen zu lassen.

Die Impfquote in Deutschland stagniert, und Impfpflichten werden immer wieder diskutiert. Wie stehen Sie zu einer Impfpflicht für Pflegekräfte?

Aus dem Berufsethos der Pflegekräfte heraus erwarte ich, dass die Menschen mit Pflegebedarf geschützt werden. Dazu gehört auch die Impfung. Eine Diskussion über eine Impfpflicht halte ich zum jetzigen Zeitpunkt aber weder für sinnvoll noch für nötig. Wir sollten weiter auf Information und leichten Zugang zu den Impfungen setzen.

Ich halte es allerdings für richtig, dass Arbeitgeber fragen dürfen, wie wir es gerade auch für die Pflege durchgesetzt haben, ob jemand geimpft ist, damit ungeimpftes Personal nicht mehr den direkten Kontakt zu den Pflegebedürftigen hat.

Seit Corona hat der Arbeitsstress für Pflegekräfte zugenommen. Fürchten Sie, dass künftig noch mehr Pflegekräfte ihren Job verlassen?

Die Arbeitsbelastung hat sich in der Corona-Krise verschärft. Wenn Pflegekräfte den Beruf verlassen oder in Teilzeit wechseln, weil sie nicht mehr können, verschärft es das Problem des Fachkräftemangels. Mehr Personal ist dringend nötig. Vonseiten der Bundesregierung haben wir viel getan, damit dies vor Ort, ob im Krankenhaus oder in der Langzeitpflege, gelingen kann.

Wir haben für die Bezahlung zusätzlicher Stellen ohne Wenn und Aber im Krankenhaus gesorgt, fördern familienfreundliche Arbeitsbedingungen in der Pflegeeinrichtung, haben die Ausbildung modernisiert und dafür gesorgt, dass sie gut bezahlt wird. Jetzt müssen vor Ort die vorhandenen Instrumente genutzt werden.

Im Jahr 2019 hat der Bund eine Ausbildungsoffensive in der Pflege gestartet. Gibt es seitdem mehr Azubis?

In der Ausbildungsoffensive wurde vereinbart, die Ausbildungszahlen bis zum Jahr 2023 um 10 Prozent zu steigern. Hier sind wir auf einem guten Weg, was mich sehr freut. Junge Menschen wollen den Beruf trotz Corona erlernen und sehen für den Job eine Perspektive.

Wir müssen aber dafür sorgen, dass insbesondere die Arbeitgeber verstehen, dass Auszubildende keine Lückenfüller oder Fachkräfte sind. Auszubildende müssen gut begleitet werden. Das haben wir in der Ausbildungsoffensive festgeschrieben. Wichtig ist, dass dies auch in der Praxis vor Ort umgesetzt wird. Richtig ist: Dafür müssen sich die Rahmenbedingungen der Arbeit weiter spürbar verbessern.

Welche sind das?

Pflegekräfte wünschen sich eine faire Bezahlung, verlässliche Dienstpläne, flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Berufsautonomie. Wenn wir dies ermöglichen, werden wir mehr Pflegekräfte für die Langzeitpflege und Krankenhäuser gewinnen können.

Was muss in der nächsten Legislaturperiode noch konkret passieren, um die Situation der Pflegekräfte zu verbessern?

Die Ausbildung der Pflegeassistenten sollte vereinheitlicht werden – das muss im Zusammenspiel mit den Ländern erfolgen. Wir haben in 16 Bundesländern unterschiedliche Ausbildungszeiten. Einheitliche Verfahren sind also notwendig. Geklärt werden sollte auch, was Assistenten, Pflegefachpersonen und akademisch ausgebildete Pflegekräfte überhaupt dürfen. Es würde alle in der Pflege Tätigen berufszufriedener machen, wenn sie entsprechend ihrer erlernten Kompetenzen eingesetzt werden würden.

Auch Pflegebedürftige haben sich während Corona in einer Ausnahmesituation befunden: Einsamkeit war Alltag. Was muss für sie geschehen?

Absolut. Zwei Punkte sind mir hier wichtig: Die Pflegebedürftigen in Heimen sind Bewohnerinnen und Bewohner und haben freiwillig diese Wohnform gewählt. So müssen sie auch behandelt werden. Ihre Selbstbestimmung und Würde müssen gewahrt werden, auch und gerade wenn es um die sozialen Kontakte geht. Es darf sich nicht wiederholen, dass Menschen so isoliert werden.

Und auch die Menschen, die zu Hause gepflegt werden, müssen zusammen mit den pflegenden Angehörigen stärker unterstützt werden. Hier gab es auch viel unnötige Belastungen. Ein Beispiel: Die Tagespflege war meist zu, und das Geld aus der Pflegeversicherung dafür verfiel und konnte nicht für andere Leistungen genutzt werden. Deswegen habe ich einen konkreten Vorschlag gemacht, wie die Leistungen der Pflegeversicherung viel flexibler genutzt werden. Ich hoffe, dass dieser Vorschlag bei den Koalitionsverhandlungen aufgegriffen wird.

Von Alisha Mendgen/RND