Sorgte für Diskussionen: Berittene Grenzpolizisten gehen gegen Geflüchtete aus Haiti vor, die über den Rio Grande in die USA gelangen wollen. Quelle: Felix Marquez/AP/dpa

Grenze zu den USA: Berittene Polizisten drängen Geflüchtete in Rio Grande zurück

Del Rio/Washington. Es sind Bilder, die in den USA für Empörung und Aufregung gesorgt haben. Bilder, auf denen berittene Grenzpolizisten in Texas gegen Geflüchtete, vorrangig aus Haiti, vorgehen und sie zurück in den Rio Grande, den Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, drängen. Es sind Bilder, die am Montag auch für die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, nur schwer zu erklären waren. Die Aufnahmen seien „furchtbar“ anzusehen, zitiert sie der „Spiegel“ im Bezug auf die Nachrichtenagentur AFP. Ohne den genauen Hintergrund zu kennen, wisse sie auch nicht, inwiefern ein solches Vorgehen „angemessen“ sein könnte.

Psaki unterstrich: „Ich denke, dass niemand, der diese Aufnahmen gesehen hat, das für akzeptabel oder angemessen halten würde.“ Derweil kündigte Heimatschutzminister Alejandro Mayorkas bei einem Besuch in Del Rio an: „Wir werden die Fakten untersuchen.“ Je nach Ergebnis würde es Konsequenzen geben. Auf den Aufnahmen sind berittene Grenzschützer zu sehen, die Geflüchtete aus Haiti offenbar zurück in den Rio Grande drängen.

Fotograf berichtet über Aufnahmen

Auf einem der Bilder packt ein Polizist vom Pferd aus einen Mann an seinem T-Shirt, auf anderen wirkt es, als würden Grenzschützer Schläge androhend die langen Zügel schwingen. Viele Menschen fühlten sich an ein dunkles Kapitel in der US-Geschichte erinnert, als Gefängniswärter oder berittene Polizisten gegen Afroamerikaner mit Peitschenhieben vorgingen.

Der für Nachrichtenagentur AFP arbeitende Fotograf Paul Ratje, aus dessen Kamera einige der Aufnahmen stammen, gab jedoch zu, dass die Bilder nur Augenblicke eingefangen hätten. „Einige der Migranten sind losgerannt und haben versucht, an den Reitern vorbeizukommen.“ Die Polizisten hätten daraufhin versucht, den Geflüchteten den Weg zu versperren. Die Situation habe sich aber bald beruhigt.

Lage am Rio Grande hat sich zugespitzt

Tausende Menschen hatten in den vergangenen Tagen die Gelegenheit ergriffen, mit niedrigem Wasserstand im Grenzfluss Rio Grande von Mexiko nach Texas zu laufen. Sie versammelten sich unter der Brücke, die über den Rio Grande führt. Der Bürgermeister der Grenzstadt Del Rio sprach am Samstag von mehr als 14.500 Menschen. Am Sonntag waren es Berichten nach immer noch deutlich mehr als 10.000. Sie harren dort in provisorischen Zelten aus und hausen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Heimatschutzminister Mayorkas betonte, dass sich die Lage sehr schnell zugespitzt habe.

Die US-Behörden wollen Tausende Migranten aus der Region schnell wieder außer Landes bringen. Zuletzt seien an einem Tag rund 3000 Menschen verlegt worden, sagte Mayorkas. Er betonte, dass alle in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden sollen. Die Mehrheit der Migranten stammt aus dem bitterarmen Karibikstaat Haiti.

Die Sprecherin des Weißen Hauses sagte, die Lage in Del Rio sei schwierig, und es sei niederschmetternd, die Bilder von dort zu sehen. Die US-Regierung arbeite daran, Migranten schnell in ihre Heimat zurückzubringen, und die Lage für die Wartenden vor Ort zu verbessern und die Menschen etwa mit Mahlzeiten und dergleichen zu versorgen. Psaki wiederholte die Botschaft der US-Regierung an Migranten: Es sei nicht die richtige Zeit, sich auf den Weg in die USA zu machen.

Druck auf Biden wächst

Für die Regierung von US-Präsident Joe Biden steigt der innenpolitische Druck angesichts des rapide angewachsenen Migrantenlagers. Konservative werfen dem Weißen Haus eine zu lasche Einwanderungspolitik vor, zugleich werden die Lebensbedingungen der Menschen unter der Brücke kritisiert. Menschrechtsorganisationen verurteilten das Vorgehen der US-Regierung.

Zahlreiche Haitianer waren nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 mit mehr als 200.000 Toten in südamerikanische Länder wie Chile und Brasilien geflüchtet. Unter anderem wegen Diskriminierung dort und wegen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wagten nun nach Medienberichten viele von ihnen die lange, gefährliche Reise nach Norden. In ihrer karibischen Heimat herrschen Armut, Gewalt und politisches Chaos. Erst Mitte August bebte die Erde dort wieder heftig – mehr als 2000 Menschen starben. Im Juli wurde der Präsident Jovenel Moïse in seiner Residenz bei Port-au-Prince erschossen.

RND/dpa/jst