Der Journalist und Autor Éric Zemmour tourt derzeit durch Frankreich, um sein neues Buch „Frankreich hat noch nicht sein letztes Wort gesagt“ vorzustellen. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Éric Zemmour – Gefahr von rechts für Marine Le Pen

Paris. Er ist Frankreichs bekanntester Vielleicht-Kandidat für die Präsidentschaftswahl im April 2022 und angesichts seiner ständigen Provokationen nennen ihn manche „den französischen Donald Trump“. Dass das Land rätselt, ob er antreten wird, amüsiert Éric Zemmour sichtlich. „Ich beobachte, ich analysiere, ich werde meine Entscheidung zu dem für mich idealen Zeitpunkt treffen“, stellte er am Dienstag in einem Fernsehinterview mit dem französischen Nachrichtensender Cnews klar.

Bis vor Kurzem moderierte Zemmour selbst eine Talkshow bei Cnews. Der Sohn jüdischer Algerienfranzosen („Pieds-noirs“), die nach dem Algerienkrieg nach Frankreich kamen, verbreitete dort seine Thesen und machte aus seinem Hass auf Muslime und Einwanderer keinen Hehl. Seit die oberste Regulierungsbehörde für Rundfunk und Fernsehen entschied, dass seine Redezeit kontrolliert werden müsse, beendete der Sender die Zusammenarbeit.

Denn offenkundig bereitet der 63-jährige Autor und Journalist eine Kandidatur vor: Er hat sich ein Beraterteam zusammengestellt, sammelt Spenden, es gibt Flyer und Plakate mit der Aufschrift „Zemmour Präsident“. Derzeit tourt er durch das Land, offiziell um sein neues Buch „Frankreich hat noch nicht sein letztes Wort gesagt“ vorzustellen.

Die Auftritte wirken wie Wahlkampfveranstaltungen, bei denen seine Fans die Nationalhymne „Marseillaise“ anstimmen. Viele lieben seine Verweise auf Frankreichs große Geschichte, Napoleon und Charles de Gaulle, auch wenn Historiker auf seine häufigen Verdrehungen hinweisen.

Geht es Zemmour nur um gute Verkaufszahlen für sein Buch oder hat er ernsthaft Wahlchancen, obwohl er bereits wegen Aufstachelung zum Rassenhass verurteilt wurde? Von afrikanischen Einwanderern sagt er pauschal, sie vergewaltigten und töteten Frauen, warnt vor einer „islamischen Republik“ in Frankreich im Jahr 2100, verteidigt „die weiße Rasse“ und will die Menschen per Gesetz dazu zwingen, ihren Kindern französische Vornamen zu geben.

Momentan könnte er laut Umfragen als Kandidat mit 11 Prozent der Wählerstimmen rechnen. Besonders aussagekräftig sei das aber noch nicht, relativiert Frédéric Dabi vom Meinungsforschungsinstitut IFOP: „Die Präsidentschaftswahl ist ein Langstreckenlauf, gekreuzt mit einem finalen Sprint. Wenn er jeden Tag radikale Positionen herausbringt, kann das seine Glaubwürdigkeit beschädigen.“ Anders als Donald Trump hat Zemmour keine Partei hinter sich – und im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron auch keine gegründet.

Zemmours Kandidatur würde in erster Linie Le Pen schaden

In erster Linie könnte Zemmour aber die Dynamik des Wahlkampfs beeinflussen und den konservativen Republikanern, vor allem aber der Rechtspopulistin Marine Le Pen entscheidende Stimmen nehmen, um die zweite Runde zu erreichen. Umfragen sehen sie derzeit bei 22 bis 24 Prozent – wie Macron. Sollte Zemmour antreten, könnte Le Pen auf 18 Prozent abfallen. Offiziell gibt sie sich gelassen, doch wenn sie vor der „Zerspaltung des nationalen Lagers“ warnt, ist die Nervosität spürbar.

Freilich teilen nicht alle Menschen in Frankreich die Ideen der extremen Rechten. Aurélie Bouhours, Besitzerin eines Buchladens im Städtchen Sully-sur-Loire, hat Zemmours neues Werk nur widerwillig aufgestellt. „Ich wollte es überhaupt nicht verkaufen. Aber meine Tochter sagte, dass es mir nicht zusteht, die Leute daran zu hindern zu lesen oder sich zu informieren“, so Bouhours.

Also bietet sie das Buch an, überweist die Einnahmen aber an einen Verein für Flüchtlingshilfe und hat auf die Exemplare ein Schild mit einem Zitat von Isaac Newton gestellt: „Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenige Brücken.“ Der Applaus in den sozialen Netzwerken ist enorm.

Von Birgit Holzer/RND